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hört, denn mit Ihrer Stimm' und dem ganzen Ton vorgetragen, möchte's ihn doch unruhig machen und der Brust noch schaden. Aber wenn ich's ihm in meiner groben Manier erst zuricht' und hinterbring', so überwindet er's schon eher."

Lisbet erhob sich und ging. Bald nachher erwachte Oswald und hörte vom Alten, welche liebliche Zuversicht seinem Schlummer nahe gewesen sei.

Viertes Kapitel

Die Leiden einer jungen Strohwitwe

Indessen schien wirklich die idyllische Liebe bei ihrem Zusammentreffen mit der Aussenwelt bösen Geschicken entgegenzugehen. Denn der Oberamtmann wiederholte am folgenden Tage in einem zweiten ruhigeren gespräche dem Diakonus seine unerschütterlichen Vorsätze. Die schöne Clelia, welche bei der höchsten Gutmütigkeit doch alle Meinungen einer vornehm erzogenen Dame hegte, sprach während einer Morgenunterhaltung ihm ebenfalls wieder ihre Überzeugung gegen ein Ehebündnis aus.

Seine Seele war bekümmert und erschüttert. Auf der Seite der Gegner stand die Vernunft mit hundert Gründen in Reihe und Glied, und er war selbst ein zu ruhiger und besonnener Mann, als dass er nicht insgeheim mancher stimme im feindlichen Lager beigefallen wäre. Das zerschnitt ihm aber das Herz, welches den beiden Liebenden mit Innigkeit zugetan war und sich schon an der Aussicht geweidet hatte, durch sie die Anschauung eines seltenen Glückes zu gewinnen. Indessen hatte er nur noch wenig Hoffnung darauf, denn er meinte auch wie jeder dritte Zeuge eines Verhältnisses, dass keine leidenschaft den Angriffen des Verstandes auf die Länge gewachsen sei. So befürchtete er denn von der Herstellung Oswalds nichts als Einbusse, tiefes Leid und Zerstörung.

Die schöne Clelia hatte übrigens beim Erwachen eine unerwartete Nachricht empfangen. Als sie nämlich in das Morgengewand geschlüpft war und sich nach ihrem Gemahle erkundigte, brachte ihr Fancy ein Billett von ihm, aus dem sie sah, dass er wirklich in der Nacht Extrapost genommen hatte und zum Besuche bei dem Oheim im Osnabrückschen abgereiset war. Das Billett sagte ihr das zärtlichste Lebewohl, sagte ihr, dass er ihren Morgenschlummer nicht habe stören wollen und sprach den empfundensten Wunsch aus, dass eine baldige Schlichtung der Verwirrung, wie sie sich dieselbe vorgenommen, die Dauer dieser ersten ihm so schmerzlichen Trennung abkürzen möge. Selbst eine Locke von seinem Haare hatte er beigelegt, Nachschrift über Nachschrift hinzugefügt und eine Stelle im Briefe bezeichnet, welcher von ihm ein Kuss aufgedrückt worden sei, wie er sagte.

Nachdem die schöne Verlassene diesen Brief gelesen hatte, schwieg sie eine Zeitlang und sah das feine rosenrote Papier so an, als ob es die Absage einer Soirée bei dem Fürsten, wie er nun heissen mochte, entalte, auf welche sich die ganze feine Welt Wiens schon seit vierzehn Tagen gefreut hatte. Fancy musste sie erinnern, dass die Schokolade kalt werde; sie versetzte, dass sie keinen Appetit habe und befahl dem Mädchen, die Tasse wegzutragen. Fancy gehorchte.

Sie sass hierauf etwa eine Viertelstunde im Sofa und stützte das Haupt gedankenvoll auf den schönen Arm. Dann ging sie eine halbe Stunde im Zimmer auf und nieder und dann klingelte sie. Fancy kam. Ihre Gebieterin stand mitten im Zimmer und sagte zu der Jungfer, die zugleich Schatzmeisterin und Vertraute war: "Fancy, es freut mich, dass mein Mann so fest ist. Ich bin fest, er ist fest, dieses gegenseitige Festsein verbürgt mir eine geordnete Zukunft. Nichts Unangenehmeres als zwei Gatten, die einander mit weichen Nachgiebigkeiten quälen. Jeder muss seinen Willen haben und den durchzuführen wissen, dann findet man sich gegenseitig zurecht und es entsteht ein heiterer geregelter Lebensgang. Es freut mich, dass mein Mann abgereist ist."

"Warum sollten Sie sich auch darüber nicht freuen, gnädige Frau?" erwiderte Fancy, die der Gebieterin nie widersprach.

"Ich werde ungestörter, in grösserer Ruhe meine Aufgabe hier lösen, die ich mir gestellt habe, so allein und für mich", sagte Clelia.

Fancy erwiderte hierauf nichts, sondern nickte nur zuversichtlich beistimmend mit dem kopf. – "Aber dennoch bleibt es auffallend", fing die Baronesse nach einer Pause an, "dass mein Mann abreisen konnte."

"Auffallend bleibt es allerdings", sagte Fancy. – "Unterhalte mich", sprach Clelia. Fancy unterhielt hierauf die Gebieterin so gut sie konnte und erzählte ihr von allen Bekanntschaften, die sie rasch nach Art der Kammerjungfern im Städtchen gemacht hatte; von der Frau des Steuereinnehmers, von der Tochter eines Assistenten und auch vom Küster, der ihr mit seiner barocken Weise aufgefallen war, und über den sie bei der und der gelegenheit herzlich hatte lachen müssen, so komisch war sein Betragen gewesen.

Der Stoff dieser Mitteilungen hatte sich noch lange nicht erschöpft, als die Dame sie unterbrach und sie um Gottes willen bat aufzuhören mit dem albernen Zeuge von Steuereinnehmerfrauen und Assistententöchtern und Küstern, denn sie habe entsetzliches Kopfweh. Fancy verstummte auf der Stelle, holte Kölnisches wasser und rieb ihrer leidenden Herrin die Schläfe damit ein. – "Du bist ein gutes Mädchen, Fancy", sagte Clelia sanft während dieser Mühwaltung zu der Dienerin, "aber sehr langweilig kannst du mitunter sein."

"Gnädige Frau", antwortete Fancy schüchtern und doch mit einem gewissen Patos, "all mein Verdienst ist, Ihnen treu zu sein und Ihnen zu gehorchen wie eine Sklavin. Unterhaltung kann freilich ein so beschränktes Mädchen, wie ich bin, nicht haben."

Clelia liess sich darauf bei ihrem Vetter anmelden. Die Begrüssung beider Verwandten war sehr liebevoll, denn sie waren einander gut wie Bruder und Schwester. Dennoch empfand Clelia nach