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Tages, nachdem er sich wieder in seinen verzweiflungsvollen Bemühungen um den Sinn der Dünnung und Trübung abgearbeitet hatte, rief er: "Wenn ich dieser Bestie von Buch nur erst an einem Flecke beigekommen bin, so gibt sich vielleicht das übrige von selbst!" – Er nahm sich vor, zuvörderst den reinen Urlaut I nach der Anweisung des buches zu erzeugen.

Er setzte sich daher auf seinen Grasfleck zum Rinde, welches dort, unbekümmert um rationelle Lauterzeugung, empirisch brummte, stemmte die arme in die Seite, drückte den Kehlkopf stark nach dem Gaumen hin, und stiess nun die Töne hervor, welche sich auf solche Weise veranstalten lassen wollten. Sie waren höchst sonderbar, und so auffallend, dass selbst das Rind vom Grase emporblickte und seinen Herrn mitleidig ansah. Eine Menge Bauern hatte der Schall herbeigezogen; sie standen neugierig und verwundert um den Schulmeister her. "Gevattern!" rief dieser und ruhte einen Augenblick von seiner Anstrengung aus, "passt einmal auf, ob es der reine Urlaut I wird?" Darauf gab er sich wieder an die Kehlkopf-Gaumendrükkung. "Gott behüte!" riefen die Bauern, und gingen nach haus, "der Schulmeister ist übergeschnappt, er quiekt schon wie ein Ferkel."

Und wirklich stand der arme Schulmeister nahe an der Grenze, über welche die Bauern ihn bereits gesprungen glaubten. Die Frist war abgelaufen, welche man ihm zum Selbstunterrichte gesetzt hatte, er sollte jetzt nach dem buch lesen lernen lassen, eine Visitation seiner Schule durch den Herrn Schulrat Tomasius nahte heran, die Verzweiflung trat ihm zum Herzen, und seine Gedanken begannen zu schwärmen. Andre sind durch das Brüten über der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria, oder über dem Geheimnisse der Trinität, oder von dem Gedanken an die Ewigkeit verrückt geworden; warum sollte ein Dorfschulmeisterlein nicht durch eine moderne Sprachlehre den Verstand verlieren können? Genug, ich erzähle es, und wer mir nicht glauben will, frage im dorf Hackelpfiffelsberg nach. Da hat sich die geschichte zugetragen, und jedes Kind weiss dort davon.

Ein reisender Student kam in jenen Tagen durch Hackelpfiffelsberg, der kehrte in der Schenke ein, und vernahm von dem närrischgewordenen, oder närrischwerdenden Schulmeister. Es war ein feiner, denkender Kopf, der sich besonders auf Psychologie verlegt hatte, und der daher eine grosse Begierde verspürte, den Kranken kennenzulernen. Er fand ihn in leinenen Ärmeln sitzen, die behaarte Brust offen, eine grosse weisse Nachtmütze auf dem kopf. "Wie geht es, Meister?" fragte der Student. "So, so, Fremdling", versetzte der Schulmeister. "Nicht wahr, die alten Spartaner waren Kerle? Keine müssige Gelehrsamkeit, keine Quälerei mit Umlauten, Inlauten, Brustlauten! Alles auf Tatkraft, auf das wirkliche Leben berechnet, den Körper abgehärtet, den Sinn zugespitzt zu Apophtegmen! Mich soll der Henker holen, wenn ich mir nicht alles in Zukunft lakedämonisch einrichte! Meine wackern Vorfahren! Denn was ist Agesel? Agesel ist nichts, verstümmelt, verdorben aus Agesilaus, dem tapfern Könige von Sparta. Die Türken vertrieben die Griechen, darunter waren natürlich die Nachkommen des Königs Agesilaus auch, und die haben sich allmählich bis hieher verzettelt, die Endsilbe ist aber unterweges verlorengegangen. O, man müsste nicht von den Wurzeln und den Ableitungen die Zeit her die Kränk' gekriegt haben, wenn man so etwas unglaublich finden wollte!"

"Hoho", dachte der Student, "steht es dermassen hier? Aber ein anziehender Fall! Ich muss ihn beobachten." Er blieb den ganzen Tag über bei dem Schulmeister, und merkte durch viele fragen aus seinen krausen Antworten endlich sich so viel ab, dass der Kranke in früheren Jahren eine alte Schwarte über die Sitten und Gebräuche jenes griechischen Freistaates gelesen hatte, schon damals von denselben höchlich entzückt gewesen war, dass nun gegenwärtig die gleichsam in Schlummer gelegenen Vorstellungen erwachten und ein fieberhaftes Leben in ihm gewannen. Abends trug der Student folgendes Notizenschema in seinem Tagebuche ein: "Paralysierung des Denkvermögens in einem beschränkten geist durch unverdaulichen Denkstoff.

Allmähliches denke-Nichts.

Eintreten einer prägnanten antiken idee im Vacuo.

Die Atome des aufgelösten Denkvermögens schie

ssen an dieser idee an.

Zustand des Rappelns.

Konsolidation des Rappelns

Fixe idee.

Ausserdem vernünftiger Mensch.

NB. Nach der Ferienreise weiter auszuführen."

Es mochte ungefähr ein Vierteljahr nach diesen Vorfällen verstrichen sein, als der Schulmeister, nur bekleidet mit einem braunen, groben Mantel, in der Hand eine junge Tanne, vor den alten Baron trat, der dem schloss die freie Luft genoss. Der Baron wusste im allgemeinen schon von den Dingen, die seinem Bekannten widerfahren sein sollten, und trat daher drei Schritte vor ihm zurück, besonders da er ihn mit dem nicht gerade dünn zu nennenden Tannenstamme gerüstet sah. Aber der Schulmeister lächelte, und legte, als ob er die Gedanken des andern erriete, die junge Tanne ab. Dann machte er dem Baron eine höfliche Verbeugung, und sprach die üblichen Begrüssungsworte, ohne dass in Ton oder Wendung etwas Exzentrisches hervorgesprungen wäre. Der Baron fasste daher Mut, ging auf den Schulmeister zu, ergriff seine Hand und sagte: "Nun, wie geht's Euch, alter närrischer Teufel? Was für Streiche habt Ihr denn angefangen, Agesel?"

"Agesilaus, wenn ich bitten darf, gnädiger Herr", erwiderte der Schulmeister sanft und höflich. "Ich habe diesen meinen guten, ehrlichen Stammnamen wieder angenommen."

Der Baron entfernte sich nun