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will. So wahr ich der Oberamtmann Ernst vom Schwarzwalde bin, mit meiner Zustimmung wird sie nicht Gräfin Waldburg-Bergheim."

"Und mit meiner auch nicht", sprach hier eine dritte stimme. Die schöne Clelia war, von ihrem Spaziergange zurückgekehrt, in den Saal getreten und hatte unbemerkt von den Männern, gehört, wovon die Rede war. "Nein, Herr Diakonus", sagte sie, "Sie sehen die Sache doch etwas zu sehr von Ihrem Standpunkte an. Ich bin gewiss gut und freundlich gegen jeden und wünsche allen ein solches Lebensglück, wie ich es erlangt habe, aber auch meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass Missbündnisse nie zum Heile führen, und da es sich hier um das Los meines teuersten Anverwandten handelt, so stelle ich mich ganz auf die Seite des Oberamtmannes."

Die schöne junge Frau sagte dies so feierlich, als hätte sie in ihrem zwanzigjährigen Leben schon wenigstens hundert üble Erfahrungen von Missbündnissen vor Augen gehabt. Der Oberamtmann küsste ihr dankbar und gerührt die Hand und der Diakonus schwieg.

Es war inzwischen im Nebenzimmer gedeckt worden und man setzte sich zu Tische. Auch der junge Gemahl hatte sich nach seiner Sperlingsjagd, die nicht sehr ergiebig gewesen war, zur Gesellschaft gefunden und nur Lisbet fehlte. Der Diakonus suchte, so gut es ihm gelingen wollte, der vorhergegangenen Szenen ungeachtet den beredten Wirt zu machen. Es glückte ihm aber nicht ganz, denn seine Seele war abwesend und in Bekümmernis bei dem Paare, über dessen Häupter sich nach manchem Leiden noch zuletzt so schwere Wolken anhäuften.

Die ganze Gesellschaft war eigentlich verstimmt und redete wenig. Der Oberamtmann fühlte die Schwierigkeit seiner Aufgabe, zwei Herzen zu trennen, die einen geistlichen Beistand hatten, und dachte über die Mittel nach, diesem Einflusse entgegenzuarbeiten. Zwischen dem jungen Ehepaare aber hatte sich der erste Streit erhoben und zwar auch über das Liebespaar. Der Gemahl war nämlich nach seiner Rückkehr von dem Windbüchsenvergnügen unterrichtet worden, dass der Vetter hergestellt sei, und hatte, als er seine Gemahlin von dem Spaziergange heimkommend gesprochen, ihr in aller Freundlichkeit aber mit bestimmtem Tone den Entschluss eröffnet, nunmehr abreisen zu wollen, da sie unmöglich jetzt noch eine sorge um Oswald mit auf die Reise nehmen könne. Schon dass er so bestimmt sprach, regte ihren Widerspruch auf und sie fühlte wohl, dass wenn sie den Anfängen solcher Emanzipation nicht entgegentrete, es leicht um die ganze Zukunft ihres Regiments geschehen sein dürfte. Sie erklärte daher ebenso bestimmt, dass sie noch bleiben und so lange bleiben werde, bis sie ihren geliebtesten Anverwandten von einem schlimmeren Übel befreit sehe, als dem Blutsturze, nämlich von seinem verkehrten Heiratsvorsatze. Der Oberamtmann fasse alles zu rauh an, sie als Frau wisse allein in solcher Verwickelung das Richtige zu treffen und den Knäuel mit Feinheit zu entwirren. – "Du kennst meine Festigkeit, Edmund", sagte sie zuletzt; "ich bin ganz fest in dieser Sache, zu deren Behandlung mich der Himmel selbst offenbar hieher hat kommen lassen, also stehe ab von dem Vorsatze, mich nach deinen Wünschen bewegen zu wollen." Er erwiderte ihr darauf höflich, dass er an ihrer Festigkeit nie gezweifelt habe, dass sie ihm aber unter solchen Umständen verzeihen möge, wenn er, solange ihr Geschäft hier daure, einen Besuch bei seinem Oheim im Osnabrückschen abstatte, denn an diesem elenden Orte könne er es nicht länger aushalten.

So endete demnach der süsse Friede der Flitterwochen und es war noch keine Versöhnung erfolgt, als man sich zu Tische setzte. Gemahl und Gemahlin sprachen daher auch nicht, sondern sahen stumm auf ihre Teller. Was endlich die Hausfrau betrifft, so hatte diese wirklich das hochrote Antlitz und die glänzenden Augen, von welchen Clelia gesprochen hatte, und welche unwiderleglich anzeigen, dass eine Wirtin sich sehnt, wieder ungestört in ihrer stillen Häuslichkeit zu leben. Sie war die gastfreiste Frau von der Welt, aber die Einladungen des Diakonus, die von ihm ohne Rücksicht auf Raum und Grenzen des kleinen Hauswesens ausgegangen waren, hatten ihr eine Last aufgebürdet, unter welcher sich selbst der Sinn einer Baucis geheimen Missgefühls nicht würde haben entalten können.

Man stand auf und wünschte einander gute Nacht. Vor dem Fortgehen sagte aber der Oberamtmann zum Diakonus: "Unbegreiflich ist es mir, wie Sie, Herr Pastor, die Partei eines Mädchens nehmen können, welches, nach allen Anzeigen zu schliessen, eine sehr gefühllose Seele hat."

"Gefühllose Seele?"

"Ist sie, als sie von dem Unfalle ihres alten Pflegevaters hörte, zu ihm geeilt, wie es einem dankbaren kind eignete? Hat sie sich nicht begnügt, zu fragen, ob er wohl aufgehoben sei? und als sie erfuhr, dass gute Leute sich seiner angenommen hätten, tat sie da etwas anderes, als ihm das Geld schicken, welches sie für ihn verwahrte?"

"Herr Oberamtmann", versetzte der Diakonus, "die Lisbet hat den Spruch im Herzen empfangen und ausgetragen: 'Du sollst Vater und Mutter verlassen und dem mann anhangen.' Es tut wohl, endlich einmal auch auf eine natur zu stossen, wenn man so viele Puppen gesehen hat. Ich habe da die Unterscheidungen und Bezeichnungen aufgestellt, welche, wie wir vernehmen, unser grosser Dichter von weiblichen Wesen zu gebrauchen pflegte. Mir will es so vorkommen als ob Goete, wenn er noch lebte und die Lisbet sähe, sie eine natur nennen würde." An diesem Abende ereignete sich, was hin und wieder in Liebesschicksalen