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Umgebungen voll Liebe und Teilnahme, die ich nicht abhalten kann, von vorneherein doppelt so viel Zeit zu rechnen, als auf Kranke ohne liebevolle Umgebungen. Hier nun –"

"Es ist doch abscheulich, über die edelsten Empfindungen so zu spotten!" rief Clelia heftig.

" ... sah ich einen ganzen Herd von Liebe und Teilnahme, als ich zum Grafen berufen wurde", fuhr der Arzt, ohne sich erregen zu lassen, fort. – "Edle Empfindungen, über die mir nicht einfällt zu spotten, welche mir aber als Arzt nur als ebenso viele widrige Gelegenheitsursachen und Indikationen erscheinen mussten, dass der Patient, befragt, besprochen, unterhalten, durch Vorlesungen aufgeregt und durch kleine Freuden im entzündlichen Stadio verzögert, leicht seine paar Monate abliegen könne. Deshalb griff ich zu der Notlüge, dass er in grosser Gefahr sei, dann folgte die einfache Gefahr, dann der bedenkliche Zustand, dann die langsame Hebung der Kräfte, und auf heute endlich wurde die wirkung einer entscheidenden Krise versprochen. Er war aber nie, verehrte Anwesende, in grosser Gefahr und kehrte nach den ersten zehn Tagen schon mächtig zu. Einem Kranken tut niemand not, als einer, der ihm zu den bestimmten Stunden die Arzenei reicht und allenfalls ein verschobenes Kissen zurechtlegt; und dann Langeweile, o du nicht genug zu preisende Göttin des Siechenbettes! Man sollte Hygieen gähnend darstellen; denn es ist nicht auszusagen, welche Riesenschritte die Besserung macht, wenn der Leidende weiter gar nichts zu tun hat als zu gähnen. Darum setzte ich unseren Grafen auf die wenig aufregende

Gesellschaft seines alten Dieners und dann auf Langeweile und habe ihn durch diese beiden Potenzen in kurzer Zeit wieder auf die Füsse gebracht und wenn ich ihn noch ferner besuche, so besuche ich ihn jetzt mehr als Freund denn als Arzt."

"Schade", rief Clelia nach dieser Erörterung spitz, "dass Sie sich nicht selbst als niederschlagendes Pulver verschreiben können. – So dürfen wir ihn denn also heute sehen?"

Der Arzt schaute rund im Kreise um und warf dabei auch seinen blick in den Hof, wo Lisbet noch immer sass. "Ich unterscheide", sagte er nach einer Pause bedächtig. "Sie, gnädige Frau, und der Herr Oberamtmann und der Pastor dürfen ihn ohne Schaden schon heute besuchen, mein Kind Lisbet dort muss aber bis morgen warten."

Er empfahl sich. Clelias muntere Seele war durch die letzte Rede des alten Silen doch etwas empfindlich gemacht; sie stand einige Augenblicke schweigend, nagte an ihrer schönen Lippe und rief dann: "Fancy!"

Fancy, die Kammerjungfer, liess sich hören und wurde gleich darauf sichtbar. "Fancy, bringe mir meine Crespine und setz' deinen Hut auf, wir wollen noch etwas spazierengehen", sagte ihre junge Gebieterin.

"Dürfen wir Sie nicht zu unserem Freunde begleiten?" fragten der Diakonus und der Oberamtmann.

"Nein", versetzte die schöne Empfindliche mit kurzem Ton, "zu den ganz unschädlichen Besuchern mag ich mich denn doch nicht gern zählen lassen."

Sie verschwand mit Fancy. Die Männer gingen nach dem Krankenzimmer. Als der Diakonus bei Lisbet vorbeiging, sagte er erstaunt und halb leise zu ihr: "Sie scheinen sich über des Doktors Nachricht wenig gefreut zu haben."

"Ich wusste schon lange die Wahrheit", versetzte Lisbet mit niedergeschlagenen Augen. "Der Arzt hatte meine Angst gesehen und mir entdeckt, wie die Sache stand." "Und Sie konnten sich überwinden, Oswald nicht zu besuchen?" "Warum nicht? Wenn er nur gesund wird! Kam ich und meine sehnsucht da in Betracht?"

Drittes Kapitel

Speisesaal und Krankenzimmer

Das Wiedersehen war sehr freundlich und herzlich gewesen. – Als die beiden Männer das Krankenzimmer verlassen hatten, gingen sie nach dem allgemeinen Versammlungssälchen und dort sagte der Oberamtmann: "Ich habe eigentlich nie ein schöneres Gefühl für einen Freund, als wenn ich ihm wider seinen Willen einen Dienst für das Leben leisten kann. Denn bei Gefälligkeiten, die man den Wünschen des anderen erweiset, ist man nie sicher, dass sich nicht Eitelkeit, weichliches und selbstliebiges Wesen mit einmischt. Wenn man aber gegen die Schossneigungen des Freundes an ihm seine Schuldigkeit tut, dann hat man die reine Empfindung treu erfüllter Pflicht; wohl die schönste im Leben."

"Soll das denn auf unseren Freund eine Anwendung finden?" fragte der Diakonus etwas befangen.

"Allerdings", erwiderte der Oberamtmann, "und Ihren Beistand erbitte ich mir auch, Herr Diakonus, zu dem, was ich vorhabe. Nachdem der Graf nun wiederhergestellt ist, oder wenigstens in ganz kurzer Zeit sein wird, kann ich an mein Geschäft mit ihm oder vielmehr für ihn denken. Meine erste Obsorge muss nämlich jetzt sein, diese unangemessene und fast verrückte Liebschaft zu zerstören."

Der Diakonus brauste hier, seine geistliche Fassung etwas vergessend, auf und rief in den bestimmtesten Ausdrücken, dass er zur Zerstörung einer solchen Liebe, welche keine Liebschaft sei, nicht die Hand biete, vielmehr sie, solange sie das Gastrecht seiner Schwelle geniesse, zu schützen wissen werde. Man wurde hierauf, obgleich man sich in gewissen Grenzen zu halten wusste, gegenseitig sehr warm und erschöpfte alles, was an heftigen und starken Versicherungen und Gegenversicherungen gesagt werden konnte. Endlich fiel dem Diakonus die Frage ein, welche bei dergleichen Gelegenheiten die erste sein müsste, meistenteils aber die letzte zu sein pflegt. Er erkundigte sich nämlich nach den Gründen einer