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Gästen plötzlich so angefüllten haus alle, besonders in den ersten Tagen der Krankheit, bewegte, konnte sich daher nur durch eifriges fragen und Nachfragen und durch jede Liebesgefälligkeit, die von draussen nach dem Krankenzimmer hinein zu leisten war, geltend machen. Am unruhigsten war Clelia gewesen, welche ihren Vetter wahrhaft lieb hatte. Auch der Oberamtmann, der in seinem Wagen den Leidenden nach der Stadt befördert hatte, zeigte eine grosse anhänglichkeit. Tief betroffen waren der Diakonus und seine Frau gewesen. Lisbet hatte anfangs viel geweint. Dann fiel es den anderen auf, dass sie plötzlich die Gefassteste, und wie es schien, Gleichgültigste von allen wurde. Diese Verwandelung geschah nach einer Unterredung, die sie mit dem arzt gehabt hatte. – Sie wurde der Frau des Diakonus bei deren vermehrten Haussorgen sehr nützlich, und ein Geschäft hatte sie seit ihrem Eintritte in das Haus ausschliesslich für sich in Anspruch genommen, die Bereitung alles dessen, was Oswald bedurfte. Ein zarter und stiller Verkehr waltete zwischen beiden, ungeachtet dass Lisbet, wie sich von selbst versteht, unter dem strengsten Banne des ärztlichen Verbotes befangen war. Sie sandte ihm mit dem leichten und kühlenden Tranke, welchen er geniessen durfte, jederzeit die schönsten Blumen, die sie im Garten fand. Er hielt diese sanften Boten in seiner Hand des Tages, und bei Nacht ruhten sie an seinem Herzen und von dieser Ruhestätte empfing Lisbet sie am anderen Morgen wieder. – Wenn die Hausfrau sie nicht beschäftigte, pflegte sie im hof unter den Fenstern des Krankenzimmers zu sitzen. Dort verweilte sie, bis es völlig dunkel geworden war, ihre stille Mädchenarbeit verrichtend. Sie war gegen jedermann sanft und freundlich, liess sich aber mit niemand ein, sondern blieb sehr für sich. Ein Vorfall hatte sich während jener Tage ereignet, der die Gäste etwas wider sie einnahm, den Oberamtmann sogar in Zorn versetzte. Auf heute hatte der Arzt den Eintritt einer entscheidenden Krisis vorherverkündiget. Der Diakonus, Clelia und der Oberamtmann gingen ihm daher gespannt entgegen, während Lisbet ruhig unter dem Fenster sitzen blieb. Der Arzt hatte die Worte Clelias gehört, wandte sich daher an diese, und sagte:"Gnädige Frau, ich darf Ihnen etwas kürzere Fristen versprechen. Unser Patient ist hergestellt, und wenn allerseits verehrte Anwesende heute und etwa morgen und etwannest übermorgen noch einige Rücksicht auf seinen Zustand nehmen, so wird er wohl überübermorgen ausgehen dürfen, als ein zwar noch etwas blasser aber doch durchaus geheilter Mann."

"Wie?" riefen alle wie aus einem mund. "Und Sie erklärten ihn noch gestern für nicht ausser Gefahr?"

Der Arzt zog sein breites und fettes Gesicht in solche Falten, dass er wie ein Silen aussah und sagte: "Eine Notlüge, gnädige Frau und liebe Herren, eine Notlüge, ohne welche der rechtschaffenste Mann, absonderlich aber der Arzt, nicht durch dieses Jammertal kommt. Denn wollte der Arzt immer die Wahrheit sagen, so würfen sie ihn zum haus hinaus."

"O Sie Schelm! Gewiss haben Sie wieder einen Ihrer Streiche auslaufen lassen!" sagte der Diakonus lächelnd. Clelia drang in den Arzt, um den Zusammenhang zu erfahren, und er fuhr folgendermassen fort. "Wenn man", sagte er, "wie ich, eine Reihe von Jahren doktert, wenn man seine von vielen Rezepten nicht mehr abhangende Praxis hat, so beginnt man ohne Scheu einzugestehen, dass die natur doch zuletzt der Geheime Medizinalrat oder Obermedizinalrat ist. Wir Ärzte sind nur schärfere Zeugen der natur, hören feiner, was sie flüstert und wispert, als andere Menschen, sonst aber sind wir keine Hexenmeister. Der natur, wenn sie leise sagt: 'Bitte! bitte!' die Bitte zu gewähren, alles fernzuhalten, was sie in ihrem Gange stört, das ist unsere ganze Kunst. Die Krankheiten werden meistensteils nur gefährlich durch Gelegenheitsursachen, welche das Walten der natur stören. Auch dieser Blutsturz wäre bei der vortrefflichen Konstitution des Herrn Grafen wahrscheinlich ganz von selbst geheilt, das Blutgefäss, welches sich ergossen hatte, hätte sich mit Ruhe und höchstens etwas zusammenziehend Säuerlichem von natur geschlossen. – Meine Weisheit hat nur darin bestanden, dass ich die der natur feindliche Gelegenheitsursache entfernt zu halten wusste."

"Ich sehe einmal wieder nicht, wohin dieses Kauffahrteischiff steuert", sagte Clelia. "Welche Gelegenheitsursache meinen Sie?"

"Ihre und der übrigen verehrten Anwesenden Liebe, Freundlichkeit, Besorgnis und Teilnahme an meinem Patienten", versetzte der Arzt trocken. "O meine geschätzten Freunde, Sie glauben nicht, wie viele Kranke dem arzt durch Liebe und Teilnahme der Angehörigen zugrunde gerichtet werden! Zwar in den ersten Tagen lässt man den Leidenden wohl ruhig liegen und behandelt ihn vernünftig, aber späterhin, wenn es nun heisst, er bessere sich, oder er sei Rekonvaleszent, da beginnt ein wahrer Kultus des Krankenzimmers, in den Augen des gewissenhaften Arztes der schlimmste Teufelsdienst. Vergebens rufen die müden und zitternden Nerven: Lasst uns in Frieden! Umsonst sehnt sich das in Unordnung gebrachte Blut nach Stille, fruchtlos ist es, dass die letzten Kohlen der Entzündung in sich verglimmen möchtenes hilft alles nichts, besucht wird, gefragt wird nach dem Befinden, unterhalten wird, vorgelesen wird, sogenannte kleine Freuden werden bereitet und voll Verzweiflung sieht man das Schlachtopfer der Liebe, was man gestern voll guter Hoffnung verliess, heute elend wieder. Deshalb sterben auch in Privatäusern verhältnismässig mehr Menschen als in wohlbeaufsichtigten Lazaretten. Und darum pflege ich auf Kranke mit