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) in einer zufälligen allerliebsten Aufwallung entsagende Briefe nach Wien schreibt, und ebenso zufällig von der Entsagung zum Häubchen abfällt. Unsere Zeit ist so mit Planen, Tendenzen, Bewussteiten überdeckt, dass das Leben gleichsam wie in einem zugesetzten Meiler nur verkohlt und nie an der freien Luft zur lustigen Flamme aufschlagen kann. Die Lebensweisheit der wenigen Vernünftigen heutzutage besteht folglich darin, sich von der stunde und von dem Ungefähr führen zu lassen, nach Launen und Anstössen des Augenblicks zu handeln."

"Bravo!" rief Clelia. "Sie sind ein wahrer Priester für uns Weltkinder. Und das sagt er alles so ernstaft, als sei es ihm damit bitterer Ernst."

"Ich predige ja nur über ein christliches Gebot", sprach der Diakonus lächelnd.

"Wie lautet dieses sogenannte christliche Gebot?"

"sorge nicht um den anderen Tag", versetzte der Diakonus. Die junge Dame begehrte jetzt auch seine Exegese über die leeren Nöte des Liebespaares. Er bedachte sich etwas und sagte dann: "Ich muss hier schwerfälliger werden als bei dem anderen Tema. Zuvörderst sei Ihnen gesagt, dass diese Liebe mich rührt, die Liebe meines Freundes und des guten Mädchens, welches er auf so ungewöhnliche Weise kennengelernt hat. Ich meine, in ihnen ein vom Schicksal bezeichnetes Paar zu sehen und ein völliges Aufgehen zweier Seelen ineinander. Die Liebe ist nun Leid, wie alle Dichter singen, sie ist der Herzen selige Not und ein rührender Gram. Wer von der Liebe Tränen scheidet, der scheidet sie von ihrem Lebensquell; eine lachende Liebe ist keine.

Wahrlich, die echte Liebe ist ein Ungeheures!" fuhr er mit Wärme fort. "Nicht in tauber Redeblume, sondern wesentlich, wirklich und wahrhaftig gibt der Liebende seine Seele weg! Diese also weggegebene und der Hut berechnenden Verstandes entlassene Seele ist aus den Fugen, unbeschützt liegt sie da und ohne Verteidigung durch irgendeine Selbstsucht, welche unsere nüchternen Tage schirmt. In dieser ihrer göttlichen Schwäche ist sie nun eine Beute für jedes Raubtier von grimmigem Zweifel, fürchterlichem Argwohn, zerfleischendem Verdacht. Aber im Kampf mit diesen Raubtieren erstarkt sie. Aus ihren tiefsten und noch nie bis dahin entdeckten Abgründen holt sie neue Waffen und eine ungebrauchte Rüstung hervor; sie lernt sich in ihren verborgenen Reichtümern begreifen, sie vollzieht eine Art von herrlicher Wiedergeburt und feiert nun auf dieser Stufe die wahre, die himmlische Hochzeit, von welcher die andere nur das vergröberte irdische Abbild ist. Unverwelklich ist der Kranz, der auf jenem Siegesfeste der liebenden Seele getragen wird, und er verschwindet nicht in den Schatten der Brautnacht.

Darum zwingt eine ewige notwendigkeit die wahre Liebe, sich Not zu schaffen, wenn sie keine Not hat. Denn nicht träge geniessen will sie, sondern kämpfen und siegen. Trübsal ist ihr Orden und Jammer ihr geheimes Zeichen. Traun, ein Kind kann über die Leiden Oswalds und Lisbets lachen, die nicht kindischer erfunden werden mochten! Aber ohne diese kindischen Leiden wären zwei Seelen von solcher Tiefe, Schwere, Süsse und Feurigkeit wohl wieder voneinander gekommen, statt dass sie in den Qualen der Einbildung sich das rechte Wort und den wahren Gruss gegeben haben, an dem sie einander über alle Zeit hinaus erkennen werden."

Die junge Dame Clelia war durch diese Rede des Diakonus in ein Gebiet geführt worden, in welchem ihr nicht heimisch zumute sein konnte. Anfangs meinte sie für sich, sie müsse sich etwas schämen, denn mit ihrem Kavalier aus den österreichischen Erblanden hatte sie freilich während des Brautstandes mehr gelacht als geweint. nachher meinte sie, die Gelehrten sprächen zuweilen nur, um etwas zu sagen; und endlich verstand sie den Geistlichen gar nicht mehr. – Als er mit seiner Auseinandersetzung zu Ende war, rief sie: "Schade, dass die beiden lieben Leute einander nicht heiraten können!"

"Wie?" rief der Diakonus voll äussersten Erstaunens. Denn auf diese Wendung war er bei der jungen, gutmütigen Frau nicht im Traume gefasst gewesen, zumal nach solchem gespräche.

Zweites Kapitel

Worin ein humoristischer Arzt nützliche Wahrheiten

über die behandlung kranker Personen vorträgt Das Nahen des Arztes, welcher von dem Krankenzimmer herunter in den Garten kam, schnitt weitere Erörterungen vorläufig ab. – Der Doktor war ein überaus dicker Mann, der voll guter Einfälle steckte und diese mit der grössten Trockenheit herauszubringen wusste. Clelia, die mit solchen Leuten eine natürliche Wahlverwandschaft hatte, pflegte in seiner Gegenwart zu sprechen, als sei er nicht zugegen. Und so sagte sie auch jetzt, als der Arzt langsam über den Hof gewatschelt kam, ganz laut: "Da kommt der Doktor und wird uns nun sagen, dass es mit Oswald anfange, besser zu gehen. Das heisst, vierzehn Tage lang mag er allenfalls einen oder den anderen von uns eine Viertelstunde annehmen, vierzehn Tage darauf können die Besuche länger werden, und nach sechs Wochen werden wir hoffentlich so weit sein, dass der Rekonvaleszent in der Mittagssonne eine halbe Stunde spazieren gehen darf. Dies nennen die Ärzte Herstellung."

Wirklich hatte der Arzt noch bis gestern den Zustand des Kranken als bedenklich und der höchsten Schonung bedürftig dargestellt. Streng war jeder Verkehr zwischen ihm und der Aussenwelt untersagt gewesen; niemand, weder die Frauen, noch selbst der Diakonus und sein neuer Vetter aus Österreich hatten ihn besuchen dürfen. Nur dem alten Jochem war er zur Obhut und Pflege von dem unnachsichtigen arzt anvertraut worden, die jener denn auch in aller Treue ausgeübt hatte.

Ängstliche sorge und Spannung, die in dem kleinen mit