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in seinem Garten auf und nieder. Der Oberamtmann Ernst, der die dunkleren Stellen des württembergischen Gesetzbuches doch endlich ergründet hatte und daran vorderhand nichts weiter zu studieren fand, sass gelangweilt in einer Jelängerjelieber-Laube, und ihr Gemahl schoss mit einer Windbüchse, die er irgendwo aufgetrieben, hinter dem Garten unter Bäumen nach Sperlingen. Es war ganz still in dem Predigerhause. Die Fenster eines Zimmers, welche nach dem hof hinausgingen, waren grün verhangen und unter diesen Fenstern sass Lisbet mit einer weiblichen Arbeit beschäftigt.

Die junge Dame Clelia, welche ein leichtes Gähnen nicht verbergen konnte, sprach zum Diakonus: "Lieber Herr Prediger, sagen Sie mir, was dünkt Ihnen vom menschlichen Leben? Denn ich habe Lust mit Ihnen etwas zu philosophieren."

"Das tut mir sehr leid, gnädige Frau", versetzte der Diakonus. "Es beweiset, wie ermüdend Ihnen der Aufentalt in meinem haus sein muss. Wenn so schöne Lippen sich zur Philosophie bequemen, so müssen wirklich alle Ressourcen der Unterhaltung versiegt sein."

Clelia lachte und sagte: "Zu galant für einen Kanzelredner und für einen Lehrer der Moral viel zu bösartig." – In ihrer raschen Weise fasste sie die Hand des Geistlichen und rief:

"Wie wir Ihnen alle dankbar sein müssen für das Übermass von Gastfreundlichkeit, womit Sie uns aus der abscheulichen Kneipe erlösten und bei sich in Ihrem beschränkten Häuslein aufnahmen, mich samt Jungfer und Gemahl (sie bediente sich dieser Reihenfolge ganz naiv), und jenem meinem Geschäftsanbeter dort in der Laube, das fühlen Sie wohl ohne Versicherung von meiner Seite, und Sie müssen mir, wenn wir scheiden, unter Ihrem Amtseide versichern, uns künftiges Jahr in Wien Revanche zu geben. Dass man aber, wenn man gern mit seinem jungen mann ins Weite möchte, ungern zu lange bei einem kranken Vetter bleibt, der sein Tage nicht vernünftig werden wird –"

"Er leidet noch sehr", sagte der Diakonus ernst.

"Bin ich denn gefühllos für sein Leiden?" warf Clelia kurz ein. "Hätte ich noch Vergnügen in Holland und England, wenn ich sein krankes Bild mit mir nähme? Bin ich ihm nicht herzlich gut? Sehne ich mich nicht, ihm zwanzig Küsse auf die dummen Lippen zu geben, zwischen denen sein Blut hervorstürzte? Aber ist deshalb ein solcher Wachtposten bei einem Siechenbette, zu dem einen der Arzt nicht einmal hinzulässt, etwas Angenehmes? – Und sein Sie nur ganz aufrichtig, lieber Herr Pastor, Ihre kleine Frau sähe auch nicht ungern einen gewissen Reisewagen anspannen."

"Wie können Sie nur so etwas denken, meine Gnädige!" rief der Diakonus etwas verlegen, denn er erinnerte sich an den Text einiger Gardinenpredigten.

Schelmisch fuhr Clelia fort: "Ich müsste mich auf hochrote Wangen und auf einen gewissen Glanz in den Augen der Hausfrauen nicht verstehen! Es ist auch gar keine Kleinigkeit, fünf Menschen mehr im haus zu haben, die man eigentlich nicht kennt, und die einem allen Platz wegnehmen. Der Herr Gemahl laden in liebenswürdiger männlicher Unbekümmerteit ein und die arme Frau hat nachher die sorge. Aber lassen Sie das nur gut sein. Trotz der roten Wangen und der glänzenden Augen bleibt sie eine liebe, charmante Frau und soll in Wien willkommen sei. Dort ist Raum im haus und der Haushofmeister sorgt für alles."

Der Diakonus, der sein Zartgefühl durch dieses Gespräch unangenehm berührt fand, sagte, um es zu unterbrechen: "Sie wollten mit mir über das menschliche Leben philosophieren, gnädige Frau."

"eigentlich wollte ich Sie nur fragen, ob das menschliche Leben nicht ein Ding ohne Sinn und Verstand sei?" sagte Clelia. "Ein junger Mann läuft aus Schwaben weg, um mich an einem Menschen zu rächen, der seine Persiflage über mich getrieben; er rächt mich aber nicht, sondern schiesst ein junges Mädchen und verliebt sich in sie. Dann quälen die beiden Leutchen (wie wir nun nach und nach herausgebracht haben, Ihre Frau und ich) einander bis auf den Tod um nichts, und das Ende dieser höchst lächerlichen geschichte ist ein furchtbarer Blutsturz, der leicht einen Toten in die Komödie hätte liefern können. – Wo ist da vernünftiger Zusammenhang?"

"Sie lassen etwas aus in der geschichte", sagte der Diakonus.

"Nun ja. Ich schrieb, als ich überall hören musste, ich sei bescholten, an meinen Bräutigam nach Wien und erklärte ihm höchst edel, eine Bescholtene dürfe nicht seine Gemahlin werden; er sei frei und des gegebenen Wortes ledig. Dieser affektvolle Brief wirkte denn dermassen auf ihn, dass er sich in kürzester Frist zum Herrn aller Schwierigkeiten machte, die unserer Verbindung entgegengestanden hatten und, so rasch die Pferde Tag und Nacht laufen wollten, nach Stuttgart eilte."

"Und aus solchen offenbaren Zeichen erkennen Sie den Gott nicht, der in Ihrem und Ihres Vetters Schicksale waltete?" fragte der Diakonus mit komischem Ernst.

"Welcher Gott?"

"Der Zufall!" rief der Diakonus feierlich.

"Das ist ein schöner Gott", versetzte Clelia und lachte.

"Gnädige Frau", sagte der Diakonus, "glauben Sie mir sicherlich, die Welt wird erst wieder anfangen zu leben, wenn die Menschen sich erst wieder vom Zufall hin und her stossen lassen, wenn man z.B. ausgeht, um Rache zu nehmen, und sich nicht darüber verwundert, findet man statt der Rache eine Braut, wenn man (Sie verzeihen meine Freimütigkeit