; indessen wurde er von der Magd, an deren Schopfe er gleichsam wie ein Geschleifter hing, in das Freie gerissen und erhielt nur einen Schlag über die Nase vom Schulmeister. Der genotängsteten Magd glückte es endlich, den Broterrn mit Zurücklassung eines Haarbüschels in seiner Hand abzuschütteln und der Küster stürzte draussen immer brüllend zu Boden. Die Magd sprang von dannen, der belehmte und nasenblutende Küster raffte sich nun auf und sprang ihr nach, und der Schulmeister, dem sein wohlgemeinter Verständigungsversuch so übel geraten war, rasete in seiner blinden Wut, wie Ajax in die Herde, in das schuldlose Mahl des Entsprungenen. Er zerriss die Serviette, trat die Fetzen mit den Füssen, schleuderte die Weinflasche gegen einen Stein und warf Brot, Fleisch, Hühner, Eier, Salz, Kuchen nach allen vier Winden, kurz, er benahm sich ganz so, als sei er der, wofür er irrtümlich gehalten wurde.
Eine so traurige Wendung erbaulicher Essgedanken bereitete dem Küster seine ausnehmende Feigheit.
Zwölftes Kapitel
Aus dem tod Leben
Aber dieser abgeschmackte Vorfall brachte an einer anderen Stelle eine tragische wirkung hervor.
Lisbet war auf ihrem Wege gerade dem Spritzenhäuschen gegenüber angekommen, als das Gebrüll des Küsters in demselben erscholl. Was nun die erhitzten Bauern mit ihrem gefährlichen Schiessen nicht über sie vermocht hatten, das bewirkte das Geschrei der Feigheit; sie entsetzte sich, floh vor dem Orte, wo jener furchtbare Ton dröhnte, und stürzte, wie von einem dunkelen Triebe geleitet, bewusstlos in die arme Oswalds, die sich ihr entgegenbreiteten. Er fühlte die Geliebte abermals an sich ruhen, wenn auch nur aus Angst, aber dieser neue plötzliche Übergang von einem zum anderen entfesselte die Dämonen in ihm, die schon seit zwei Tagen an ihrem Gefängnisse gerüttelt hatten. – Das alte Übel, welches Schmerz, Angst, Zorn, körperliche Anstrengungen, selbst das Übermass der Freude an seinem Liebestage, in ihm emporgewühlt, brach kläglich aus.
Mit einem Schrei fasste er an seine Brust. Mit einem zweiten Schrei stiess er Lisbet fast zurück. "Ich hab's gedacht, mein Blut, da ist es!" ächzte er und ein dunkler Purpurstrom quoll aus seinem mund. Er taumelte und sank auf eine Rasenerhöhung. "O mir! Ich ersticke –" waren seine letzten Worte, denn es folgte ein zweiter Anfall des grimmigen Übels. Sein Gesicht war wie eines Toten Antlitz.
Im ersten Augenblicke war Lisbet über das Zurückstossen erschrocken gewesen. Aber was wollte dieser Schreck gegen das Entsetzen bedeuten, als sie das Blut ihres Lieblings sah? – Ja, ihres Lieblings! Sein Ächzen, sein Blut, sein Totenantlitz gab ihr augenblicklich den Liebling zurück. Vergessen war der Lügner, nur der sterbende Geliebte lag vor ihr. Mit einem Rufe, in dem sich Zärtlichkeit, Jammer und die alleräusserste Besorgnis zum herzzerreissendsten Tone mischten, stürzte sie zu ihm nieder und sah ihm mit dem Blicke der innigsten Verzweiflung in die müden und erloschenen Augen. Weinend und wimmernd legte sie ihre unschuldigen Finger auf seine Lippen, als könne sie damit den furchtbaren Blutstrom hemmen. Noch immer sandte die in ihren Tiefen versehrte Brust einzelne Tropfen nach, obgleich die Gewalt des Übels bereits gebrochen zu sein schien. Keiner Befleckung an Händen und Kleid achtete sie, sie, die Reine, Reinliche. Sie rief heftig und mit lauter stimme: "Gott! Gott! Gott!" als müsse Gott ihr helfen, denn auf Erden wusste sich das unglückliche Mädchen keinen Rat. Unwillkürlich war sie in die Kniee gesunken. So entstand dem Kranken eine Ruhestätte für sein Haupt auf ihrem Schosse, denn sie hatte sich mit dem leib rückwärts gebeugt, um ihm die Lage bequem zu machen. Er lag auf dem rücken, seine Augen waren geschlossen, seine Wangen völlig farblos. Matt und kalt hingen die arme in das Gras hinunter; in welchem liebliche Vergissmeinnicht blühten, gleichsam ein Blumenspott über den Jammer der Menschen. Sie aber hatte ihm um Haupt und Brust ihre arme gebreitet in der allerzärtlichsten und sanftesten Weise. Traurig schaute sie in sein Gesicht, soviel sie vermochte. So ruhte er ganz von ihr umfangen und an sie gelehnt im Heiligtume jungfräulicher Liebe und Bekümmernis! Sie wusste nicht, was sie tun sollte, ihm seinen Schmerz zu erleichtern, sie hätte zur Qelle werden mögen, zum umspülenden Bade, wenn das ihm Linderung zu verschaffen vermocht hätte. Schluchzend fragte sie ihn, ob er auch so bequem ruhe? und bat ihn dann inständigst nicht zu antworten, weil ihm das Sprechen schaden könne.
In der Tiefe dieser Not empfand sie den heissesten Drang sich mit ihm zu verständigen. "Ach", schluchzte sie, "mein Oswald, vergib mir doch nur und fühle, dass du nicht sterben darfst! O mein Gott, du musst ja nicht sterben, musst's nicht, denn was sollte dann aus mir werden, wenn du stürbest?
Nicht wahr, Oswald, du stirbst nicht, du tust mir das nicht zuleide? Ach, kannst du es mir denn so übelnehmen, dass ich ein ordentliches Mädchen bleiben will? Siehst du, mein Oswald, deine Frau musste ich werden, deine ehrliche Frau und sonst nichts weiter! Denn wäre ich auf deine Schlechtigkeit eingegangen, Oswald, da hätte ich mich auch an dir versündigt und hätte dich mit zum Bösewicht werden lassen, und das darf die Geliebte nicht; nicht einen Flecken darf sie auf ihren Freund kommen lassen. Denn das ist eine schlechte Liebe, die nur den anderen