1836_Immermann_045_270.txt

Tages, an welchem ein von Gott selbst gestifteter Stand sich begründet. Diese aus Erbauung und Wohlgeschmack zusammengesetzte Empfindung hätte ich gern schon lange einmal gehabt, konnte aber wie gesagt auf den Hochzeitschmäusen selbst nie dazu gelangen. Als ich nun im Oberhofe vorgestern durch gerechte Furcht vor einem Rasenden um alle Hungersstillung gebracht wurde, erkannte ich plötzlich den Finger Gottes und entschloss mich sogleich zu diesem meinem heutigen Hochzeitnachschmause, den ich denn auch bei noch frischer Erinnerung an Predigt, Lied, Orgelspiel, abgelegt die Last meines Amtes, abgestreift die Fessel des Ranges, hier unter Gottes freiem Himmel (denn das Dach des Spritzenhäuschens will wenig sagen) in der schönen gemischten Empfindung zu halten denke, welche, wie ich deutlich verspüre, währenden Redens bereits in mir aufgestiegen ist. – Wolltest du mich aber fragen, Gudel, warum ich nicht zu haus nachspeise so wäre dieses eine unnütze Frage. Denn abgesehen von der Kurrende, welche heute zu mir gelaufen kommt, um die Büchse zu überreichen, und welche mir alle Gedanken vertreiben würde, so fehlt mir überhaupt zwischen meinen vier Pfählen bei dem Reden meiner Ehefrau jegliche Einbildungskraft, und sie würde nur gemeines Essen sein, diese Hochzeitspeise, welche ich dort zu mir nähme."

Die Magd hatte von der langen Rede ihres Broterrn wenig oder nichts verstanden. Sie dachte nur an den Schulmeister, von dem ihm eine Überraschung bevorstand und fragte den Küster: "Mögt Ihr jemand lieber vor Tische sprechen, oder nach Tische, Herr?"

"Ich weiss nicht, wie du auf diese Frage kommst, Gudel", versetzte der arglose Küster. "Indessen, da du einmal fragst, so antworte ich: nach Tische spreche ich niemand gern, wie du weisst, sondern liebe zu schlummern."

"Wohl, so will ich draussen auch mein Stück Brot und Fleisch verzehren", erwiderte die Magd ohne allen logischen Zusammenhang. Sie ging aus dem Spritzenhäuschen, stellte sich an die durchlöcherte Wand und winkte dem Schulmeister, der sich in der Nähe schon versteckt aufgestellt hatte.

Leise schleichend näherte sich der Schulmeister dem Spritzenhäuschen. Auch er hatte eine Rede vorbereitet, fast so lang als die des Küsters gewesen war. Sie begann so: "Herr Amtsbruder, es ist endlich Zeit, verjährten Irrtümern zu entsagen. Der Mann soll den Mann erkennen, wie er ist, das ist Mannespflicht. Schämen soll der Mann sich nicht, erkannten Irrtümern zu entsagen. Blicken Sie in das Herz eines Mannes, welcher Ihrer Freundschaft nicht unwürdig ist, stossen Sie einen Mann nicht von ihrer Brust zurück, welcher an derselben zu ruhen recht herzlich sich sehnt!" – Nach diesem Erregung des Gefühls bezwekkenden Eingange wollte er durch eine klare Auseinandersetzung auf den Verstand des Verstandesleugners wirken.

Jenen Eingang still für sich wiederholend schlich er zum Spritzenhäuschen, worin der andere eben, auch durch seine Rede zu einer Art von erbaulichem Seelentaumel gesteigert, das erste Stück Rindfleisch in die Hand genommen hatte. In diesem Augenblicke hörte der Küster hinter der Wand neben der Türöffnung mit sanfter stimme sagen (denn der Schulmeister wollte seine Erscheinung stufenweise vorbereiten): "Herr Amtsbruder, es ist endlich Zeit, verjährten Irrtümern zu entsagen ..." Er kannte die stimme – "geronnen fast zu Gallert durch die Furcht" sass er da, das Stück Rindfleisch starr erhoben haltend vor dem geöffneten und doch nicht zufassenden mund, ein mitleidswürdiges Bild! Aber eine schwache Hoffnung im letzten Winkel seines Herzens flüsterte ihm zu:"Nein, es ist nicht möglich, es muss eine Täuschung sein, so hart kann dich der Herr nicht strafen." – Doch da erschien in der Türöffnung das Entsetzliche, die Harpyie, die nun abermals auch diese Nachmahlzeit besudeln wollte, das Haupt der Gorgone wurde sichtbar, wirklich stand der tolle Kerl, der Agesilaus, in der tür, diesmal sogar mit einem Knotenstocke bewaffnet! Aufsprang der Küster, schleuderte dem Feinde, was er in der Hand hatte, in das Antlitz, nämlich das Rindfleisch, und stürzte schreiend nach dem hinteren Teile des Häuschens, sich gegen die lehmerne Wand drückend und mit Augen, die fast aus ihren Kreisen schossen, nach seinem Gegner starrend. Der Schulmeister, von dieser Unvernunft erzürnt und von dem Wurfe mit dem Rindfleische auf das empfindlichste beleidigt, verlor nun alle Geduld. Mit den Worten: "Wenn du verfluchter Kerl nicht hören willst, so sollst du fühlen!" sprang er, den dikken Knotenstock schwingend, in das Häuschen auf den Küster zu. Unfehlbar würde er diesen jetzt für seine Meinung, er sei rasend, wie ein Rasender abgestraft haben, wenn nicht die Verzweiflung den Küster gerettet hätte. Hatte derselbe vorher geschrieen, so brüllte er nunmehr. Brüllend griff er mit der Faust durch ein Loch der Lehmwand hinter sich und fasste die Magd, welche aussen wacker gegengestemmt stand, in den Schopf. Die Magd, welche sich so schmerzlich berührt fühlte, vergass nun auch ihre Aufgabe, die Wand zu halten; sie zerrte sich vielmehr mit aller Kraft ihres starken Leibes von der Wand ab, um der Faust aus dem Schopfe quitt zu werden. Dadurch wurde der Küster, der sich an diesem letzten Strohhalme in seiner äussersten Not, an einem menschlichen, mitfühlenden Wesen, krampfhaft festielt, gegen die Lehmwand heftiger gepresst. Die Lehmwand leistete unter solchem Drucke keinen längeren Widerstand, sondern brach zusammen und der Lehm überschüttete den Küster scheusslich gelb von oben bis unten, so dass er aussah, wie ein König der gelben Erbsen