Noten. Denn, pflegte er oft gegen die Seinigen zu äussern, es kann heutzutage nichts Dümmeres geben, als den Kopfschüttler und Zweifelmütigen zu machen; man muss nur Mitglied unsres Journal-Lesezirkels geworden sein, um zu erfahren, dass nichts so wunderbar ist, was nicht jetzt vorfällt; die Menschen und die Sachen und die Erfindungen sind in einem erschrecklichen Fortschritte, und wenn er noch zunimmt, so erleben wir, dass das wasser Balken bekommt, und dass man mit Extrapost von hier direkt nach Londen fährt.
Konnte etwas seine Stimmung trüben, so war es der Mangel eines Freundes, dem er sich hätte erschliessen, mit dem er seine Ideen hätte austauschen mögen. Die sehnsucht nach einem Gleichgestimmten, nach einem fördernden Umgange wurde oft sehr gross in ihm. Seine Tochter konnte diesem Verlangen nicht genügen, sie hing nur ihren empfindsamen, ideellen Richtungen nach, und hegte für Realkenntnisse wenig Sinn; Lisbet aber hatte ein für allemal, da er mit ihr von den Dingen, die ihn so mannigfach beschäftigten, reden wollen, ablehnend erwidert: sie wolle sich nichts in den Kopf setzen lassen.
Sechstes Kapitel
Wie der Dorfschulmeister Agesel durch eine deutsche Sprachlehre um seinen Verstand gebracht wurde, und
sich seitdem Agesilaus nannte
Einigermassen, wenn auch nicht genügend, wurde die sehnsucht des alten baron befriedigt, sie erhielt sozusagen, wie das Sprichwort lautet, eine Birne für den Durst, als der Schulmeister Agesilaus in seine Nähe kam. Dieser Mann, welcher früher Agesel geheissen hatte, und ein alter Bekannter des baron war, bekleidete bis zu dem Umschwunge in seinem Schicksale das Amt, die Jugend eines benachbarten Dörfchens im Lesen und Schreiben zu unterrichten. Er wohnte in einer Hütte von Lehmwänden, die ausser der Schulstube nur sein Schlafkämmerchen fasste, hatte dreissig Gulden jährlichen Gehalt, ausserdem das Schulgeld: zwölf Kreuzer für den Knaben und sechs für das Mädchen, einen Grasfleck für ein Rind und das Recht, zwei Gänse in die Gemeindeweide mit einzutreiben. Er versah seinen Dienst ohne Tadel, lehrte die Jugend nach der alten Manier, so wie sie im dorf seit hundert und mehreren Jahren gebräuchlich war, buchstabieren: G-e-, Ge, s-u-n-d, sund, h-e-i-t, heit; Gesundheit – B-e-t, Bet, t-e-l, tel, Bettel, s-a-c-k, sack; Bettelsack usw. und brachte die fähigsten Köpfe nicht selten so weit, dass sie Gedrucktes ohne sonderliche Anstrengung lesen lernten. Was das Schreiben anlangte, so ging auch aus seinen Händen dieser und jener hervor, der den eignen Namen zustande zu bringen wusste, wenn man ihn nicht übereilte, sondern ihm die nötige Zeit liess.
In diesem Systeme war unser Schulmeister fünfzig Jahre alt geworden. Da ereignete es sich, dass die allgemeinen Steigerungen des Zeitalters auch einen neuen Lehrplan im land hervorriefen, der bis zu den Dorfschulmeistern umbildend durchgreifen sollte. Seine Vorgesetzten schickten ihm ein Lehrbuch der deutschen Sprache zu, eines von denen, welche die ABC-Wissenschaft tiefsinnig und philosophisch begründen wollen, und erteilten ihm die Weisung, seine bisherige rohe Empirie zu rationalisieren, sich selbst zuvörderst aus dem buch zu unterrichten, und dann danach die veränderte Belehrung der Jugend anzufangen.
Der Schulmeister las das Buch durch, er las es noch einmal durch, er las es von hinten nach vorn, er las es aus der Mitte, und er wusste nicht, was er gelesen hatte. Denn es war darin gehandelt von Stimmlauten und Mitlauten, von Auf- In- und Umlauten; er sollte daraus die Laute trüben und verdünnen lernen, er sollte durch Säuseln, Zischen, Pressen, durch Näseln und Gurgeln die Laute hervorbringen, er vernahm, dass die Sprache Wurzeln treibe und Seitenwurzeln, er erfuhr endlich daraus, dass das I der reine Urlaut sei, und dass dessen Erzeugung durch starkes Zusammendrücken des Kehlkopfes nach dem Gaumen hin geschehe.
Er bat Gott um Erleuchtung in diesen Finsternissen, aber sein Flehen prallte zurück von dem ehernen Himmel. Er setzte sich wieder vor das Buch, mit der Brille auf der Nase, um schärfer zu sehen, wiewohl er bei Tageslicht wohl noch ohne Gläser fertig werden konnte. Ach, nur deutlicher traten seinen bewaffneten Augen die furchtbaren Rätsel des Daseins, die SauseZisch- Press- Nasen- und Gurgellaute entgegen! Darauf legte er das Buch weg, fütterte seine Gänse und gab einem Jungen, der gerade dazukam und sagte, der Vater wolle das Schulgeld nicht zahlen, zwei derbe Maulschellen, um durch das praktische Leben Aufschluss für die Teorie zu gewinnen. Umsonst. Er ass eine Knackwurst, sich körperlich zu stärken. Vergebens. Er leerte einen ganzen Senftopf, weil er gehört hatte, dieses Gewürz schärfe den Verstand. Eitles Bemühen!
Er legte das Buch abends vor dem Schlafengehen unter sein Kopfkissen. Leider fühlte er am anderen Morgen, dass weder die Wurzeln, noch die Seitenwurzeln ihm in den Kopf gedrungen waren. Gern hätte er das Buch, wie Johannes jenes vom Engel getragne, auf die Gefahr der empfindlichsten Leibschmerzen hin, verschlungen, wäre er dadurch des Inhaltes Meister geworden; aber welche Hoffnungen konnte er nach dem Bisherigen von einem so gewagten Versuche hegen?
Die Schule stand still, die Kinder fingen Maikäfer, oder jagten die Enten in den Teich. Die Alten aber schüttelten den Kopf und sagten: "Mit dem Schulmeister hat es seine Richtigkeit nicht." Eines