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!" schrien die anderen und einer rief:"Ich glaube, der hat Tollbeeren gefressen!" – "Ich will dir die Tollbeeren an den Hirnkasten geben!" erwiderte der Lange und schoss sein Gewehr ab, zwar nur in die Luft, indessen gab dieser Knall das Zeichen zu einer allgemeinen Schlägerei. Denn einige stürzten auf den Schiessenden zu und rannten dabei andere über, die, hiedurch beleidiget, sich zu rächen entbrannten, der Verwirrung ihrer Sinne aber nicht die Überrennenden angriffen, sondern dritte Unschuldige, welche sich am fernsten von dem Streit gehalten hatten. So war bald jeder, ohne dass er wusste wie? mit einem Gegner versehen; alles balgte sich herum, Ohrfeigen, Püffe, Stösse regnete es, wenn auch nicht vom Himmel; dazwischen platzten die Gewehre ab, die aber zum Glück hier alle nur mit Pulver geladen waren, und es gab eine wilde Kampf- und Blutszene (denn schon manche Wange und Nase war aufgeschlagen), welche sich von der Strasse nach dem angrenzenden Kornfelde wälzte, weil die Schwächeren zufällig an dieser Seite gestanden hatten und sich dortin zurückzogen, um wenigstens auf Garben und Mandeln zu einer weicheren Niederlage zu gelangen.

Als Oswald seine List selbst über die Erwartung hinaus gelungen und den Platz frei sah, winkte er Lisbet, die in einiger Entfernung ängstlich stillgestanden hatte. Scheu ging sie über den Platz, ohne sich nach der Schlägerei umzusehen, und als sie einige hundert Schritte von dort ausser dem Bereiche dieser Roheiten war, erwartete sie ihren Beschützer. – "Ich habe Ihnen Dank zu sagen für Ihren Beistand", sprach sie, als Oswald sich ihr genähert hatte. – "Nicht den geringsten", versetzte er. "Ich würde mich jedes Frauenzimmers angenommen haben, mit welchem ich desselben Weges gegangen wäre." – Sie wandte sich von ihm ab und er von ihr und beide gingen in der früheren Weise weiter.

Eine halbe Stunde von dort lag das alte Spritzenhäuschen. Dieses kleine Gebäude war unter den Streitigkeiten zweier Bauerschaften darüber, welche dasselbe zu erhalten habe? verfallen und darauf hatten sich die beiden Bauerschaften neue Spritzenhäuser erbauen müssen. Die Wolken des himmels schauten durch die Öffnungen im dach und die Lüfte des Feldes fuhren zur Türöffnung hinein und zu den Löchern in dem lehmernen Fachwerke wieder hinaus. – In diesem luftigen Lustäuschen hatte der Küster sein Mittagsquartier aufgeschlagen, um eine recht vergnügliche Mahlzeit zu halten, nach welcher sein Sinn mit einem besonderen Verlangen stand. Er sass auf altem Holzwerk, welches sich dort noch hatte vorfinden lassen; vor ihm war eine Serviette ausgebreitet, auf welche die Magd nun Brot und Fleisch legte, auch eine Flasche Wein stellte, die man ihm auf besonderes Wünschen vom Oberhofe hatte mitgeben müssen, weil er seiner Versicherung nach am Hochzeittage der Furcht vor dem Schulmeister wegen zu keinem ordentlichen Schlucke gekommen war. Die ganze Zurüstung dieses ländlichen Mahles liess der Küster mit einem feierlichen Schmunzeln geschehen. Er weidete sich wie es schien an den grossen Augen der Magd, welche nicht begriff, warum ihr Herr, der, wenn er sonst im Freien etwas verzehrte, ein Stück Brot ohne viele Umstände aus der tasche ass, zu dieser Mahlzeit so schwerfällige Vorbereitungen machen liess.

Nachdem alles Essbare aufgesetzt worden war, und die Magd ein Glas Wein eingeschenkt hatte (denn auch ein Glas war vom Oberhofe leihweise mitgegeben worden), teilte der Küster seiner Dienerin ein Stück Brot und Fleisch zu und fragte sie dann, bevor er selbst anbiss, was sie wohl davon denke, dass er sich hier so häuslich niederlasse und sein Mittagsessen im Freien halte?

"Ja, was soll ich davon denken?" erwiderte die Magd. – "Ich denke, es gibt hin und wieder kuriose Einfälle, die dem Menschen anwehen, wie der Wind."

"Du denkst das vermutlich nur, Gudel, weil wir uns hier im Winde befinden, der allerdings einigermassen stark durch das Spritzenhäuschen hindurchzieht. Nicht ein blosser kurioser Einfall ist es von mir, im Freien hier mir gehörig decken zu lassen, sondern lange hatte ich mir vorgenommen und nur immer nicht der gelegenheit dazu habhaft werden können, einmal Hochzeitfreude ohne den lästigen Zwang, den mir mein Stand auferlegt, zu geniessen. Es war dieses mein dritter und grösster Lebenswunsch. Denn wohl mag mancher, der draussen umherschleicht, den Küster beneiden, dass er sich an der Hochzeittafel so vollstopfen kann, wie jener denkt, weil er nahe der Schüssel sitzt, und ihm unter den ersten stets präsentiert wird. Aber die Bürde des Amtes beachtet der oberflächliche Urteiler nicht! Keinen beschäftigteren Mann gibt es wohl auf einer Hochzeit als den Küster. Denn erst muss er singen und dann muss er beten und über Tische die Augen allerorten haben, seinen zierlichen Spass anbringen zur rechten Zeit und in rechten Einschnitten, und abtrumpfen, wer sich zu mausig macht und ermuntern, wer wie ein Tuckmäuser dasitzt. Während dieser Amtshandlungen isst und trinkt nun zwar ein Küster, was er kann, aber auch nur gleichsam pflichtmässig schlingt er alles hinunter, ohne rechtes Gefühl von Speise und Trank. Weshalb ich sagen darf, dass mir von den mehreren hundert Hochzeiten, denen ich beigewohnt habe, wenig Erinnerung verblieben ist. Nun aber muss es nach meiner Überzeugung eine der schönsten Empfindungen sein, in voller Seelenruhe und in dankbarer Erhebung zu Gott, dem Geber alles Guten, zugleich der Festesspeise und Tränkung froh zu werden, zu geniessen und dabei der feierlichen gelegenheit zu denken, bei welcher man geniesst, des