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, sondern auch ich hörte Euch und er setzte mich zu einer Zeugin Eurer wilden Gedanken. So hat Euch also Gott mit Eurem Vermessen in mir zuschanden werden lassen, deshalb steht von den Werken blinden Grimmes ab."

Die Gewalt dieser plötzlichen Erscheinung war zu gross, als dass der Hofschulze nicht vor ihr mit seiner doch nur fieberhaften Aufregung hätte zusammenbrechen müssen. Er liess die Axt fallen, seine Gestalt schrumpfte gleichsam vor dem zitternden Mädchen, welches doch so fest sprechen konnte, ein, stumm und gebeugt verliess er die kammer.

Oswald war überrascht, freudig und kummervoll vor Lisbet in die Kniee gesunken. Ach, sie war wieder da, aber wie sah sie aus, und wie streng und kalt hatte sie ihn einen Augenblick angesehen, um dann beharrlich von ihm wegzublicken! – "Kommst du endlich wieder zum Vorschein, Lisbet?" stammelte er. "O was hattest du vor? – Du hast mir mein Leben gerettet, denn ich glaube, die Kraft würde mir ausgegangen sein dem wütenden Alten gegenüber."

"Sie haben mir dafür nicht zu danken, Herr Graf oder Fürst, um zu sprechen wie der Hofschulze sprach", versetzte Lisbet. "Was ich hier tat, würde ich jedem Fremden erwiesen haben." Sie wollte das in einem kalten Tone sagen, aber die stimme bebte so heftig, dass es wie Zorn klang.

Die Liebe hört in solchen Fällen nur auf die Worte und deren Klang. Zornig und bestürzt sprang er auf, trat weit von ihr zurück und sagte schneidend: "Also ist es wahr? Also doch verabschiedet nach vierundzwanzig Stunden?"

"Ich habe mit Ihnen nichts mehr zu reden", erwiderte Lisbet kaum hörbar. "Ich bitte Sie, mich ruhig meiner Wege gehen zu lassen. Ich wollte nach der Stadt zu dem Herrn Diakonus, von dem ich vorhin einige Zeilen auf meinem Zimmer gefunden habe, dass er mich aufnehmen will."

"Nach der Stadt wollte ich auch", sagte er kalt lächelnd. "Wie aber die Sachen zwischen uns stehen, so werden Sie wohl meine Begleitung ablehnen."

"Ich fürchte mich nicht und bin gewohnt, allein zu wandern", antwortete Lisbet. – "übrigens darf ich Ihnen ja die offene Strasse nicht verbieten, die Ihnen wie mir gehört." – Sie verliess die kammer und wäre er ihr nachgefolgt, so hätte er ein Schluchzen wahrnehmen können, welches das ganze Wesen des armen Kindes aufzulösen drohte.

Er hätte sie nur fragen dürfen: "Was hast du gegen mich Lisbet? Sage mir 's! Selbst wenn du meinst, dass ich geraubt und gemordet habe, so musst du mir mein Verbrechen doch nennen." – Dann hätte sie gesprochen und er hätte gesprochen und aus dem Sprechen wäre wahrscheinlich ein lachen über die unnützen Kümmernisse geworden. Aber er dachte nicht daran sie zu fragen. Denn Liebe ist alles; auch ungerecht und hochmütig ist Liebe, sie sieht in manchen Fällen die Geliebte lieber treulos oder veränderlich, als unter der Wucht eines Missverständnisses erliegend.

Ingrimmig knirrte er mit den Zähnen, als er allein war. "Es ist unglaublich!" rief er, "freilich aber doch wahr." Er stiess seine Stirn wider die Wand, um nur einen recht heftigen körperlichen Schmerz zu empfinden. Dann rief er in seine Brust hinein, in welcher es eben wieder unheimlich zu wühlen begann: "Herauf ihr kleinen roten Schlangen! Herauf ans Tageslicht!" – Die Axt nahm er, die der alte wilde Bauer ihm hatte aufnötigen wollen und warf sie mit solcher Gewalt nach einem Kasten, dass die Schärfe des Beils tief in das Holz fuhr und darin stecken blieb.

Ein Geräusch draussen verriet ihm, dass Lisbet fortgehe. Obgleich sie ihm nicht mehr gehörte, so war ihm doch, als sei noch Leben im Oberhofe, solange Lisbet darin verweilte. Nun aber kam es ihm vor, als öffne sich das Grab. – "Fort aus dem grab!" rief er und sprang Lisbet nach. Sie stand, ihr Bündelchen unter dem arme, unten einen Augenblick still und zuckte zusammen, als sie Oswald kommen sah. Er wollte ihr das Bündel abnehmen, sie versagte es mit stummer Gebärde. Sie ging und er schlug, mehrere Schritte zwischen sich und ihr Raum lassend, denselben Weg ein. So geschieden und sich scheidend verliessen sie den Oberhof, in welchem ihnen viel begegnet war, beides, Freude und Schmerz.

Eilftes Kapitel

Eine Art von Feldzug

In keinem Trauerhause fehlt es an jemand, der auf eine so lächerliche Weise zu weinen weiss, dass er die Wehklage der anderen fast in Unordnung bringt und nahe dem Umschlagen in eine geheime Heiterkeit. – Der würdigste Vater mag sich bei der wohlgemeintesten und wohlgesprochensten Ermahnung an seine mannbare Tochter ja davor in acht nehmen, dass irgendein sonderbar mitandelnder Zipfel ihm ein durchaus komisches Ansehen leihe. – Ernste Männer vom grössten Verdienst haben nicht selten das Unglück gehabt, dass ihre feierlichsten Handlungen durch den ungeschickten Eifer eines Anhängers fast wie Schnurren ausliefen. – Mir ist, um auf das Trauerhaus noch einmal zurückzukommen, der Fall bekannt, dass eine ganze Familie am Begräbnistage einer teuren Verwandten in das tiefste Leid eingetaucht um einen Tisch her versammelt sass, plötzlich aber zu einem ärgerlichen und unwiderstehlichen lachen fortgerissen wurde, weil einer, und gerade der Schluchzendste, sacht eine baumwollene Nachtmütze hervorholte, diese sich auf den Kopf setzte und unter derselben fortfuhr zu schluchzen. An und für sich