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. Nun behorchen Sie auch noch die Heimlichkeit, meine Heimlichkeit! Ei, Herre, war das recht? Nachdem ich Ihnen Logement gegeben manchen Tag und mich ganz in der Ordnung mit Ihnen betragen? Sie werden es ausbringen und haben uns eine Schande angetan, eine Schande, dass mir zumute ist, als wäre meiner Tochter durch Sie Gewalt geschehen –"

Oswald rief: "Ich schwöre, nichts ..."

" ... zu verraten, das wollen Sie schwören", fiel der Hofschulze ein. – "Sie schwören es heute und brechen es morgen, ich verstehe mich auf solche Schwüre. Wer dergleichen absonderliche Heimlichkeit erfuhr, der verrät sie auch an seinen Freund, oder an seine Liebste, oder an ein Blatt Papier, oder an die Lüfte und die Sache kommt unter das Schwabenvolk draussen im Reich. Nein, nur der Tod stopft den Mund über diese Dinge, auch sagen die alten Rechte ganz genau, wer Freigerichtes Heimlichkeit sieht, ohne wissend zu sein, der ist des Lebens los. Ich habe einen Hass auf Sie, wie auf keinen Menschen sonst in der Welt, dennsagen muss ich Ihnen auch nur: In der Nacht zeigte mir das Gesicht mein Schwert in Ihrem Verschlage, darunter stecken Sie also auch mit, und nun tun Sie dasdasdas –"

Er hielt, von innerer Wut zusammengeschnürt, einige Augenblicke inne. Dann fuhr er patetisch fort: "So dachte ich da droben auf der Höhe am Stuhl: Herr, Herr, wie soll das werden? Die Heimlichkeit darf nicht von der roten Erde, wie aber magst du es gleichwohl schlichten? Du kannst nicht drei hinter ihm hergehen lassen, die ihn fassen am Kreuzweg und aufhenken und ihm lassen Geld und Gold und ihr Messer neben ihn stecken in die Borke des Baumes nach Königsrecht! – Und darfst du ihn locken in dein Gehöfte und abmeucheln und sollst noch so etwas Schandhaftiges auf dich laden in deinen urältesten Tagen, o pfui, o pfui! – Auf einmal aber tat es in mir einen Blitzschlag und eine innerliche Erleuchtung und ich wusste, wie ich mich zu fassen und zu verhalten habe. Denn ich bin zwar noch stark bei Kräften, aber Sie sind jung und auch nicht schwach, und so sind wir einander gleich. Deshalb wollen wir nun kämpfen um unser Leben, Mann gegen Mann, Auge in Auge blikkend. Schlage ich Sie darnieder, so ist Ihr Grab im alten Brunnen bereitet und die Heimlichkeit bleibt auf der roten Erde, tun Sie es mir an, so hat es Gott also gewollt; auf jegliche Weise aber ist dieses ein wahres und aufrichtiges Gottesgericht. Also frisch ans Werk, denn ich weiss mir sonst nicht zu helfen!"

Er erhob eine Axt, die neben ihm stand, und sah, indem er sie leicht wie eine Feder emporschwang, furchtbar aus, gleich einem von den Streitern Wittekinds in den Schlachten bei Detmold und an der Hase.

"Seid Ihr bei Sinnen, Hofschulze?" rief Oswald. "Ich fürchte mich vor keinem Feinde, aber womit soll ich mich verteidigen gegen Euch alten, rasenden Mann?"

"Dort steht eine zweite Axt", sagte der Hofschulze. "Nehmt sie, Herre; jegliches Gerät kann zu einer Waffe werden in des Mannes Faust, und wie geschrieben steht, so sind sie vor alten zeiten auch solcherweise mit Streitäxten aufeinander losgegangen."

"Ich nehme die Axt nicht und haue mich nicht mit Euch herum wie ein Schlächter und Stierfäller", versetzte stolz und fest der junge Graf. "Ihr seid, scheint es, in der Berserkerwut, dem uralten Wahnsinne Eures Stammes. Ihr werdet aber zu Euch selbst kommen und Euch dann schämen mit mir so verfahren zu sein um Possen ..."

"Possen!" schrie der alte Bauer mit einer entsetzlichen stimme. "Possen!" wiederholte er ebenso laut und stiess den Stiel der Axt so heftig auf den Boden, dass ein teil des Kalks von der Decke fiel. – "Herr! Herr! In den Possen bin ich alt und grau geworden, und mit den Possen habe ich mir Recht genommen an einem Schalk und Sohnesmörder, und mit den Possen folgen mir meine Landsleute, wohin ich sie haben will, wie eine Lämmerherde, und um die Possen verstehen sie mich, ohne dass wir ein Wort miteinander zu reden brauchen, also mögen es wohl für euch da draussen in Schwabenland Possen sein, aber für mich und meinesgleichen sind es keine Possen nicht. – Und Herr, ich will jetzt mein Recht haben und meine Rache an Euch und die Sicherheit von wegen der Heimlichkeit. So wahr der Herr lebt, ich suche das alles nicht wie ein schlechter und boshafter Mensch, sondern in grausamer Herzensangst und Unruhewisst Ihr ein ander Mittel, sagt es anaber werden muss mir es, mein Recht und die Sicherheit, und werden soll mir es, so wahr uns hier niemand hört als Gott und die vier weissen Wände, denn der Fronbote hat die Menschen hinweggeschafft vom hof und nur das blöde Vieh brüllt da drunten in seinem Stalle."

Das Saatlaken bewegte sich und eine bleiche, jungfräuliche Gestalt trat dahinter hervor. "Ihr irrt Euch, Hofschulze", sagte Lisbet zitternd am ganzen Körper, aber mit fester stimme. – "Aus meinem Verstekke treibt es mich hervor. Euch vor Torheit zu retten. Nicht Gott allein hörte Euch und die stumme Wand