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wie er glaubte, aus dem hof entfernt hatten, blieb er noch einige Minuten in dem stillen haus stehen und sagte dann wohlgefällig: "Jetzt kann hier geschehen, was recht ist." Darauf ging er über den Hof nach den Ställen. Zwischen der Scheure und dem Pferdestalle war ein schmaler gang, der noch dazu durch Rasen und Reisig etwas versperrt war. Diese Hindernisse räumte der Fronbote hinweg, legte sie jedoch so, dass sie mit leichter Mühe wieder an ihren Platz getan werden konnten. Von dem Gange gelangte er auf ein kleines dunkeles Plätzchen hinter der Scheure, welches kaum acht Fuss im Gevierte hielt. Nur ihm und dem Hofschulzen war das Dasein dieses Plätzchens kund, auf welchem der alte Brunnen des Oberhofes stand, der, welcher gebraucht worden war, ehe durch den Bau der neuen Scheure vor dreissig Jahren das Plätzchen verbaut wurde, welches durch einen Winkel der hinter der Scheure durchziehenden Hofesmauer entstand.

Ein grosser Holunderbaum, welcher an dieser Mauer grünte, überschattete das Plätzchen und machte es feucht. Nesseln und Unkrautspflanzen wucherten dort in wilder Fülle. Der Fronbote schlug einige der höchsten Nesseln zurück, und seine rauhen Fäuste empfanden nichts von ihrem Brennen. Er stiess mit dem fuss die Kröten fort, die auf den feuchten Steinen in Menge sassen, nahm ein Paar morscher Bretter, womit der Brunnen überdeckt war, hinweg, beugte sich über die niedrige Brunnenmauer, liess einen Stein hinunterfallen und freute sich, als das Plätschern unten anzeigte, dass noch wasser in dem Brunnen war. Er legte einige grosse Steine neben den Brunnen und einen Strick, den er aus der tasche zog, legte er dazu. Dann schwang er sich ungeachtet seines Alters rüstig an dem Holunderbaume über die Mauer, nachdem er noch ein Blatt von dem Baume abgebrochen hatte. Auf dem Blatte pfiff er eine Melodie, während er draussen durch Wiesen und Felder nach seinen Besitzungen ging. Zuerst wollte er das Nussholz und dann die Pfaffenwiese besuchen.

Als das Haus des Oberhofes ganz still geworden war, tat es oben an der tür der kammer, worin das Schwert Karls des Grossen gelegen hatte, ein leises Klinken, so leise, als fürchte der Klinkende, dass auch nur das geringste Geräusch von ihm vernommen werden möchte. Darauf schlich es ebenso leise über den gang nach dem Zimmer Lisbets, und dann wurde es wieder eine Zeitlang ganz still, als werde an der tür gehorcht, ob jemand in dem Zimmer sei. Darauf klinkte die tür des Zimmers schon etwas lauter und als nun letztere geöffnet worden war, ging es oben und tat ein Kramen wie von jemand, der nicht mehr darauf achtete, ungehört zu bleiben.

Aber plötzlich ertönte unter dem Kramen ein Schrei, es kam aus dem Zimmer gesprungen, die tür desselben wurde rasch zugeworfen, es rannte über den gang, huschte in die kammer und auch deren tür flog mit Geräusch zu.

Kurz nach diesem Vorgange betrat der Hofschulze mit dem jungen Grafen Oswald das Haus. Das war ungefähr um die Zeit, als der Fronbote sein Geschäft am Brunnen getan hatte. – "Welche Versicherung begehrt Ihr von mir, dass ich Eure Heimlichkeit nicht ausbringe?" fragte Oswald seinen alten Gastfreund. "Ich bin willfährig mit Euch gegangen, als Ihr mich oben im Forste darum ersuchtet, aber nun beeilt Euch und sagt mir an, was Ihr wollt." – Mit einem schweren Seufzer setzte er hinzu: "Es gefällt mir nicht mehr bei Euch, und ich muss fort."

"Ich werde Ihnen da droben meine Meinung veroffenbaren, da droben in der kammer am Gange", sagte der Hofschulze so mühsam und stockend, dass jedes Wort sich wie von Klammern in seiner Brust loszuringen schien. Er liess den Gast vorangehen und folgte ihm mit schweren und dröhnenden Schritten.

Als sie oben in die kammer eingetreten waren, schob der Hofschulze den Riegel vor das Schloss und warf seinen lichtblauen Feiertagsrock ab. Dann reckte er seine Glieder und die ganze Gestalt wuchs wieder wie damals, als er im Mondschein den Jäger warnte, an die Geheimnisse des Schwertes zu rühren. Er wiegte die arme und Fäuste, gleichsam um ihre Kraft zu prüfen, hin und her.

Oswald, durch dessen Seele eine finstere Ahnung flog, sagte nicht ohne Schauder: "Was soll das?"

Der Alte zog die buschichten Brauen in die Höhe und versetzte kalt: "Einer von uns beiden verlässt diese kammer nicht lebend."

"Was!" rief Oswald entsetzt. "Ihr wollt mich ermorden? Zum Meuchelmörder wollt Ihr an Eurem gast werden?"

"Keinesweges", sagte der Hofschulze ruhig wie in guten Tagen, "sondern es soll alles mit der Manier zugehen. Jetzt höret mich an, junger Herr Graf oder Fürst, oder wer Ihr sonst sein möget, denn es kann sich treffen, dass ich auf dieser kammer liegen bleibe, und drum ist mir sehr vonnöten, dass Ihr eine gute Meinung von mir heget und behaltet. Das Gemüte des Menschen kann ein vieles ertragen, aber vom Übermass wird es in die Desperation getan. Ich bin desperat, Herre, und kann dafür nichts. Meine Seele ist voll Nöte und Pein und schreit wie ein Hirsch nach der Wasserquelle. Es ist zuviel Kreuz und Herzeleid über mich gekommen in diesen paar Tagen und das letzte war das schlimmste. Mein Schwert ist mir gestohlen, mein Schwert! mein Schwert! Das Schwert von Carolus Magnus! Ich bin wie Asche und Scherben, wenn ich daran gedenke