Indem der Eidam sich zu den Lippen des Schwiegervaters hinüberbeugte, rief aber der alte Fronbote überlaut: "Halt! Das Ding ist geschändet, wir haben einen Lauscher in der Nähe, ich hörte ein Geräusch ganz deutlich."
"Nun ja", sagte Oswald, der hinter der alten Linde hervortrat, gezwungen lachend, "ich habe euch belauscht. Ich stand in dem hohlen Baume da. Das Horchen, welches ich noch nie getan, wollte mir aber so schlecht behagen, dass ich mich rührte, um fortzugehen, womöglich da in den Forst, euch unbemerkt. Nehmt mir 's nicht übel, ich werde nichts von euren Sachen verraten, es ist, als ob ich sie nicht gehört hätte." – Er trat in den Forst zurück und verlor sich unter den Bäumen.
Wie wenn bei einem fröhlichen Mahle plötzlich ein fremder Eindringling durch eine ungeheure Beleidigung der ganzen Gesellschaft den Fehdehandschuh hinwirft – anfangs ist alles lautlos und gleichsam versteinert, mit einem Male aber springt jeder auf und lässt das verletzte Gefühl in blick, Gebärde, Drohung, Zornes- und Racheworten ausschäumen, so wirkte hier die unerwartete Erscheinung des fremden Zeugen anfangs nur ein atemloses Staunen und die Bauern sahen ihm, ohne ein Wort zu sagen, nach, bis er im Forste verschwunden war. Dann aber sprangen sie wütend auf, ballten die Fäuste und ergossen sich in einem Strome von wilden Reden, Drohungen, Verwünschungen. Einige riefen: "Soll das geschehen dürfen wider uns?" Andere antworteten: "Nimmermehr; tot sollte man ihn schlagen!" – "Tot!" riefen alle und bekräftigten dieses finstere Wort durch ein lautes Murren, welches schauerlich von der nebelumgebenen Höhe klang. – An eine Fortsetzung des Freigerichts wurde nicht gedacht.
Der Hofschulze war während des Getöses stumm geblieben, sein Antlitz sah aber kreideweiss aus. Als jetzt nach jenem Murren eine augenblickliche Stille eintrat, erhob er sich und sagte: "Nachbarn, wollt ihr mir überlassen, die Sache in aller Manier zu schlichten?"
Die Bauern versetzten: "Tut das, Hofschulze. Nur dass nichts auskommt von der Heimlichkeit."
"Ich hoffe, es soll nichts auskommen", versetzte der Hofschulze, mit einem seltsamen Lächeln.
"Wie wollt Ihr es anfangen?" fragten seine Nachbarn.
"Ich will euch nur veroffenbaren", sagte der Hofschulze und sein Lächeln wurde immer sonderbarer, "dass ich eine Sache von meinem Vater seliger ererbt habe, die, wenn man sie gehörig braucht, jemandem den Mund schliesst über jegliches Ding, worüber man will."
"Ja", sagte einer, "so etwas müsst Ihr wohl innehaben, denn vom Oberhofe ist niemals was herunter geschwatzt worden" – Sie schüttelten ihm die Hand und liefen nach allen Richtungen hügelabwärts auseinander, unterweges ihr Murren, Schelten und Verwünschen fortsetzend.
Als die beiden Alten oben auf der Höhe allein waren, wechselten sie miteinander die allerverwunderlichsten Blicke. Der Fronbote hatte seit dem Abgange des jungen Grafen wie ein Falke nach jedem Gesichtszuge seines Freigrafen gespäht.
Er verstand ihn und der Freigraf verstand den Fronboten; es bedurfte aber dazu keines Wortes unter ihnen.
Nach langem Schweigen erhob zuerst der Fronbote seine stimme und sagte: "Wollt Ihr mir eine Nachbargefälligkeit tun, Hofschulze?"
"Ja, wenn ich kann", versetzte der Hofschulze.
"Ihr könnt schon", sagte der alte Fronbote. "Es fehlt mir im Nussholz an Fällern und auf der Pfaffenwiese an Grummetwenderinnen. Darf ich Eure Knechte und Mägde dazu vom Oberhofe mitnehmen, die Knechte nach dem Nussholze schicken und die Mägde nach der Pfaffenwiese? Ihr kriegt sie aber vor spät abend nicht zurück, denn es ist viel zu tun."
"Nehmt sie nur alle mit, Knechte und Mägde, und behaltet sie bis zum späten Abend draussen"; antwortete der Hofschulze.
"Ich tue Euch auch einen Gefallen dagegen", sagte der Fronbote. "Ihr spracht neulich, dass Ihr den alten Brunnen hinter der Scheure wieder aufnehmen wolltet; er ist aber ganz versperrt; das Geströhde vor dem Zugange will ich Euch daher immer schon etwas wegräumen, wenn ich hinunterkomme."
"Es soll mir lieb sein", erwiderte der Hofschulze. "Wohin geht Ihr von hier aus?" fragte der Fronbote.
"In die Hollenberge, um nach den Mandeln zu sehen", antwortete der Hofschulze, und schlug, ohne sich weiter zu verweilen, einen Pfad zwischen den Kornfeldern ein. Der Fronbote sah ihm nach und sagte dann: "Wenn man nun einstmals unvermutet um Sachen befragt werden sollte, so kann man schwören, dass er weder in den Oberhof noch in den Forst da gegangen ist, dem Menschen nach." Hierauf schritt er den Weg zum Oberhofe hinunter.
Der Hofschulze kehrte, als er einige hundert Schritte gegangen war, um und ging in den Forst, bebend, bleich, ausser sich.
Zehntes Kapitel
Wie der Hofschulze und der Graf Oswald aneinander
und auseinander gerieten
Unten im Oberhofe befahl der Fronbote den Knechten zum Holzfällen nach dem Nussholze, den Mägden zum Grummetwenden nach der Pfaffenwiese zu gehen, der Baas habe sie ihm für den Tag verstattet. Sie sollten sich Brot mitnehmen und am Abend werde er Ihnen das eingebüsste Mittagsessen wohl ersetzen, fügte er hinzu.
Die Knechte und Mägde gehorchten ihm, denn der alte Fronbote war des Hofschulzen genauester Freund und galt wie der Herr selbst im hof, wenn jener entfernt war.
Nachdem sich alle Menschen,