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eine Flechte von Weidenzweigen aus dem Rockärmel und gab sie dem Fronboten, der sie auf einen tischartigen Stein vor dem stuhl legte.

Die Bauern murmelten und einer fragte: "Die Wyd sehen wir; wo ist das Schwert?"

Der alte Freigraf zuckte zusammen und der Fronbote antwortete statt seiner: "Es hat nicht gleich auf der Stelle gefunden werden können."

"Nachbarn", sagte der Hofschulze zitternden Lautes, "es ist ein Malheur mit dem Schwerte von Carolus Magnus geschehen, und wenn ihr so wollt, stehen wir auf und gehen heim."

"Nein!" riefen die Bauern; "aber dass das Schwert mangelt, ist schlimm, denn es bedeutet das Kreuz, woran der Herr Christus gelitten hat."

Sie blieben in nachdenklichen Stellungen. Auch ihr alter Vorstand hatte Mühe, seine Fassung zu behalten. Er erhob indessen die stimme und sprach zum Fronboten:

Ich biete, zu sagen mir:

Sind Notschöffen allhier?

Oder Mann, die nicht wissen?

Das sage mir beflissen.

Der Fronbote sah sich im Kreise um und versetzte dann mit lautem Tone:

Alle Mann sind wissend und gerecht,

Weder Notschöffen, weder Juden, weder Knecht.

Jetzt redete der Hofschulze die Versammlung mit folgenden Worten an: "Ist es die rechte Stätte und die rechte Stunde, Ding und Gericht zu halten nach Freistuhlsrecht unter echtem Römischen Königsbann?" – Die Bauern antworteten einstimmig: "Ja, sie ist es"; und der Hofschulze fuhr fort: "So warne ich euch vor Unlust, Keif, Scheltwort. Niemand soll sprechen, denn mit Fürsprach, niemand scheiden vom Gericht, denn mit Urlaub. – Dieweil –" setzte er hinzu

Dieweil an diesem Tage

Mit eurer aller Behagen

Unter dem hellen Himmel klar,

Ein frei Feldgericht offenbar

Wo Notschöffen keine

Gehegt beim lichten Sonnenscheine,

Nicht in Schlüften

Nicht in Klüften

Zwischen sieben Uhr frühe

Und ein Uhr mittags; siehe!

Alle Mann auch nüchtern kommen sind,

Königsstuhl und Mass man recht befind't,

So sprecht das Recht ohne Witz und Wonne,

Weil scheint die Sonne.

Die Bauern sprachen: "Wir wollen's."

Der Hofschulze fragte abermals: "Was gibt dem Freischöffen Fug und Recht?"

Die Bauern murmelten dumpf: "Hebende Hand, blickender Schein, gichtiger Mund." –

Darauf sagt der Fronbote: "Herr Grafe, es steht draussen ein Mann, der Begehr am Ding und Gericht hat."

Der Hofschulze wandte sich wieder an die Versammlung und sprach: "Ist es euch genehm und zum Behagen, dass mein Eidam vom Jürgenserb, frei, keinem eigenbehörig, ohne Schimpf noch Schande, unverleumd't im land, wissend gemacht werde auf roter offener Erde, fahe Losung und Heimlichkeit, wie Kaiser Carolus gesetzt zu seiner Zeit?"

Die Freischöffen erwiderten: "Es geschehe." – Der Hofschulze gab nun dem Fronboten einen Wink, dieser ging zu dem Eidam und führte ihn herbei. Der junge Bauer sah sehr stolz und freudig aus, als er in den Kreis trat, in welchem er die höchste Ehre von seinesgleichen empfangen sollte.

Der Fronbote gab ihm Anweisung, darauf entblösste der junge Bauer sein rechtes Knie, kniete bedeckten Hauptes vor seinem Schwiegervater nieder, legte die linke Hand auf die Weide, die ihm der Fronbote vorhielt, und empfing in dieser Stellung vom Hofschulzen die Vermahnung vor Eidbruch, die ihm unter schweren Verwünschungen erteilt wurde. Bei der Weide solle er denken an den Strick um den Hals, hiess es darin, und bei der Linde, die er sehe, an den Baum, der den Verräter trage. Vermaledeit sei dessen Fleisch und Blut, der Wind solle ihn verwehen, die Krähen, Raben und Tiere in der Luft sollen ihn verführen und verzehren.

Noch schrecklichere Drohungen entielt dieses Verwarnen. Der Eidam verzog aber keine Miene dabei. Hierauf nahm ihm der Fronbote den Eid ab, den der neue Schöffe nachsprach. Er schwor, die Feme zu hüten:

Vor Mann, vor Weib,

Vor Dorf, vor Traid,

Vor Stock, vor Stein,

Vor gross, vor klein,

Auch vor Quick

Und vor allerhand Gottesgeschick,

Ohne vor dem Mann,

Der die heilige Feme hegen und hüten kann,

Und nicht zu lassen davon

Um Lieb noch um Leid,

Um Pfand oder Kleid,

Noch um Silber, noch um Gold,

Noch um keinerlei Schuld.

Als der Eidam den Eid geleistet hatte, wollte er aufstehen, der Fronbote hielt ihn aber in seiner knienden Stellung fest und sagte, sich vergessend, und aus der feierlichen Redeweise in seine Bauersprache fallend: "Wollt Ihr denn wie das liebe Vieh Schöffe sein? Ihr kriegt ja erst die Losung."

"Auch gut!" rief der junge Bauer, dem die fürchterliche Verwarnung und der Eid ein Behagen erregt zu haben schien. "Her mit der Losung!"

Der Hofschulze setzte den Hut auf, der Eidam musste ihn abnehmen und nun sagte jener: "Die Losung und das Notzeichen, das ich dich lehre, lautet: Stock, Stein, Gras, Grain."

"Gut", versetzte der Eingeweihte. "Stock, Stein, Gras, Grain, das ist wohl zu behalten. Aber was bedeutet: Stock, Stein, Gras, Grain?"

"Neige dein Ohr zu meinem mund", versetzte der Freigraf, "du sollst den heimlichen Sinn erfahren, den ausser dir nicht einmal die Lüfte hören dürfen."