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, "wollen Sie nicht weiter nach dem Oberhofe?" – "Ich bitte Euch, Jochem, lasst mich doch; man muss jeden Menschen anhören", versetzte ungeduldig der Oberamtmann, dessen Teilnahme an diesem nach einem Protokolle durstigen Trunkenen sichtlich wuchs.

"Mord und Totschlag soll darin stehen!" rief der Patriotenkaspar. – "Ich habe einen Menschen totgeschlagen und keiner will mir ein Protokoll darüber machen, auf dass ich mein Recht und meine Strafe empfange, wie sich gebührt."

Die Gestalt des Oberamtmanns verwandelte sich bei dieser unerwarteten Nachricht zu der hölzernen Säule, an welcher er seine Inkulpaten züchtigen liess. Ein solcher Fall war ihm nie vorgekommen. Auch der alte Diener zeigte sich erstaunt und rief: "Ich sag's ja immer, wenn man aus Schwabenland heraus ist unter die Franken und Sachsen und Polacken gekommen, hört Recht und Gerechtigkeit auf. 's ist a wüst Volk haussen."

"Ihr habt einen totgeschlagen und sie wollen kein Protokoll darüber aufnehmen?" fragte der Oberamtmann einigermassen entsetzt.

"Richtig einen totgeschlagen und keine Möglichkeit, mein Protokoll darüber gemacht zu kriegen!" erwiderte der Spielmann.

Der Oberamtmann bedachte sich, senkte das Haupt, spannte in dieser denkenden Stellung den Mackintosh wie einen Wandschirm aus, und sagte dann: "Dieser Mensch ist entweder verrückt, denn der Trunk hat ihn, wie augenscheinlich, nicht um seinen Verstand gebracht, oder es herrscht eine Nachlässigkeit der Behörden hier, die ohne Beispiel sein dürfte." – Er hielt dem Patriotenkaspar die fünf Finger seiner rechten Hand vor die Augen und fragte: "Was seht Ihr da?"

"Fünf Finger", versetzte der Spielmann.

"Guckt einmal da oben hinauf. Was seht Ihr über Euch?"

"Den Himmel. Es ist aber noch Haarrauch, deshalb sieht man nicht viel vom Himmel."

"Sagt mir die Wochentage her." – Der Spielmann nannte alle Tage vom Sonntag bis zum Samstag in ihrer gehörigen Reihenfolge.

"Welches sind die zehn Gebote?" – Der Spielmann hob von dem "nicht andere Götter haben neben mir" an und liess keins aus.

Nach dieser Geisteserforschung sprach der Oberamtmann: "Dieser Mensch ist so wenig irr als ich oder Ihr, Jochem. Folglich ein geständiger Totschläger, der von Reue und Gewissensbissen zerfleischt, sich angibt, dennoch nicht eingezogen, ja nicht einmal zur Anzeige gelassen wird. Schöne Wirtschaft! Was für ein Staat! – kommt mit hinein in jenes Haus", sagte er zum Patriotenkaspar, "es wird ja wohl ein Bogen Papier nebst Feder und Dinte darin zu haben sein. Ich will etwas kurzes Schriftliches von Euch aufnehmen und mir währenddessen überlegen, was weiter in der Sache zu tun ist."

"Aber Herr Oberamtmann, der Oberhof –" sagte der alte Jochem.

"Der Oberhof läuft uns ja nicht fort", versetzte der Jurist, "und Euren Herrn werde ich eine Stunde später auch noch finden. Diese Sache geht vor, man soll von mir nicht sagen, dass ich von einem Kapitalverbrechen gehört habe und meiner Wege dabei vorübergegangen sei. Bleibt Ihr bei dem Pferde, Jochem, und Ihr, Mensch, folgt mir."

Man sieht, dass der Oberamtmann kurz vor der Fahrt im württembergischen Landrechte gelesen hatte. Er ging voran in das einsam liegende Haus; der Patriotenkaspar torkelte nach, sehr vergnügt, ein Protokoll gemacht zu bekommen, und der alte Jochem blieb kopfschüttelnd bei dem Pferde stehen, welches eine Art von Krippenbeisser war, denn es stiess beständig mit dem kopf nach vorn hinunter.

Neuntes Kapitel

Das Freigericht und was diesem folgte

Oswald trat in einer seltsamen Stimmung aus der tür des Oberhofes. Ihm wäre wohler gewesen, so bedünkte es ihn, wenn er Lisbet im Sarge vor sich gesehen hätte, dann wäre er jammernd über den Sarg gestürzt, hätte auf den erstarrten Lippen mit seinen Küssen einen kurzen Schein der Lebenswärme hervorgerufen, hätte sich das Herz in Tränen totgeweint. Aber ein Albernes, eine Grille, etwas unbegreiflich Dummes schied ihn von ihr, oder etwas noch Schlimmeres, eine plötzliche Reue über den rasch geschlossenen Bund; so musste er auch glauben. Der Zorn, der Schmerz über diesen unsichtbaren Feind, über einen dumpfen und stumpfen Zauber, den er nicht lösen, ja nicht einmal anfassen konnte, frass ihm tief in die Brust hinein. – "Ein leichtes, veränderliches Mädchen, die heute sich hingibt und morgen sich spröde versagt!" murrte er ingrimmig und empfand es wie ein scharfes Messer in seinen Eingeweiden, dass er solche Worte sprach. Es fiel ihm nicht ein, dass er ein grosser Graf und Lisbet ein armer Findling sei, dass dieses verlassene Mädchen auch ihr reichstes äusserliches Glück in der Ehe mit ihm finden müsse; in seinen schwärmerischen und wütenden Gedanken sah er sie hoch über sich. Er war der niedere Schäfer, sie die Prinzessin, die ihn nach Willkür an sich gezogen hatte, nach Willkür ihn nun verstiess. In so furchtbarer Gemütsverfassung, in so bitterer Pein fand er das grosse Gesetz der Liebe, welches dem Liebenden ewig seine Stelle zu den Füssen der Geliebten anweiset, und wäre diese eine aus dem Staube hervorgegangene Bäuerin. Habe du die Schätze des Moguls, grüne der Lorbeerkranz des Ruhmes um deine Schläfe, führe du Salomos geisterbeherrschenden Ring, kröne dich der Reif der Hoheit, die Geliebte wird, und nicht im abgeschmackten Gleichnis, sondern in der Wahrheit und Wirklichkeit deine Königin sein, demütig wirst du