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das ganze Schnurrenburg-Mixpickelsche Geschlecht vergebens hindurchgefragt habe, bis er endlich zufällig erfahren, sie sei eine geborne Schnuck-Puckeligob sie, Emerentia, noch an die Stunde denke, die Stunde der Andacht in Nizza? Wie sie sich für diesen Fall schon ihre Antwort ausgedacht, also lautend: "Gnädigster Herr! In den Blütentagen der Jugend opferten wir der leidenschaft auf dem Altare unserer Herzen! Für dieses Opfer ist uns der Weihrauch ausgegangen. Aber der Altar blieb stehen; lassen Sie uns auf demselben der Freundschaft ein Opfer entzünden, für welches ich ewig, Ihnen gegenüber, Vorrat besitzen werde!" – Wie sie dann, mit dem grossen goldenen Stiftskreuze begnadiget, ein Schloss in der Nähe seiner Residenz beziehen, nur seine Freundin im reinsten platonischen Sinne sein, ihn nie anders als vor Zeugen sprechen, ihn mit seiner Gemahlin versöhnen, überhaupt der segnende Genius des Fürstenhauses und des Landes werden wolle.

Allein den alten Baron unterhielt diese Schilderung auch nicht; er hielt sie für ein "Carmen" wie er sich ausdrückte, und womit er Gedicht sagen wollte. Von Gedichten war er aber nie ein sonderlicher Liebhaber gewesen. Endlich fiel er auf den Gedanken, zu lesen, da er gehört hatte, dass damit so viele Menschen ihre Zeit hinbrächten. Indessen wollten auch die Bücher, deren eine kleine Sammlung von seinem Vater her noch auf dem Speicher stand, und unter denen er auf gut Glück jetzt wählte, wenig Trost gewähren. Die Sachen wurden ihm darin alle zu lang und ausgesponnen abgehandelt; der Autor sagte oft erst auf der vierundzwanzigsten Seite, was er mit der ersten gemeint hatte, pflegte überhaupt die Forderung an den Leser zu stellen, dass er seine Gedanken zusammenhalten solle, und dazu konnte sich der alte Baron in seinen vorgerückten Jahren nicht mehr bequemen. Er wollte Abwechselung, Zerstreuung, mancherlei, wie vorlängst in seinen grünen und lustigen Tagen.

Alles dieses fand er auf einmal, da ihm der gute Einfall wurde, in einen Journalzirkel einzutreten, der alle Wissbegierige auf dem Flächenraume der umliegenden vier Quadratmeilen mit Geistesnahrung versorgte, und dessen Reichhaltigkeit ihm schon lange gepriesen worden war. Der Unternehmer hatte, um die Nebenbuhler in der erwähnten weiten Ausdehnung unrettbar daniederzuschlagen, nicht weniger als sämtliche Zeitschriften des deutschen Vaterlandes in seinen Mappen versammelt. Es fanden sich sonach darin nicht nur die Morgen- die Abend- die Nachmittagsund Mitternachtblätter, sondern auch die Boten für West, Ost, Süd, Nord, Nordwest und Südsüdost; der Gesellschafter und der Eremit; die groben und die eleganten Journale; die Lesefrüchte und die Extrakte aus den Lesefrüchten; die liberalen, die servilen, die rationalistischen, feudalistischen, supranaturalistischen, konstitutionellen, superstitionellen, dogmatischen, kritischen Organe; die Fabelwesen: Phönix, Minerva, Hesperus, Isis; das Ausland, das Inland; Europa, Asien, Afrika, Amerika und die Stimmen aus Hinterpommern; der Komet, der Planet, das Weltallkurz, im ganzen vierundachtzig Hefte, so dass jeder Teilnehmer am Zirkel die Woche hindurch in jeder der zwölf Tagesstunden ein Journal zu lesen bekam.

Diese Unterhaltung war ganz nach dem Sinne des alten baron. "Endlich", rief er fröhlich aus, als er sich mit dem Umfange der ihm neueröffneten Vorratskammern bekannt gemacht hatte, "endlich doch Gedrucktes, welches einen belehrt, ohne zu beschweren!" In der Tat gewannen seine Vorstellungen durch das Lesen der Journale bald eine ausserordentliche Bereicherung. Hatte ihm das eine Blatt eine kurze Notiz von dem grossen Giftbaume in Indien gegeben, der die Atmosphäre auf tausend Schritte hin ansteckt, so lehrte ihn das folgende, wie die Kartoffeln im Winter vor Frost zu bewahren seien; in dieser Minute las er von Friedrich dem Grossen, in der nächsten von der Gräfenberger Wasserkur, aber nicht lange, denn gleich darnach erzählte einer die geschichte der neuen Entdeckungen im mond. Eine Viertelstunde war er in Europa, dann spazierte er wieder, wie von Fausts Mantel entrückt, unter Palmen; bald hatte er einen historischen Christus, bald einen mytischen, bald gar keinen; vormittags fiel er mit der äussersten Linken die Minister an, nachmittags war er absolutistisch gesinnt, abends wusste er nicht, wo ihm der Kopf stand, und ging als Juste-Milieu zu Bette, um nachts vom Taschenspieler Janchen von Amsterdam zu träumen.

Er hätte nie geglaubt, noch so glücklich werden zu können. Dass seine Umstände indessen immer mehr sich verschlimmerten, und dass er endlich nur auf einen kleinen Lehnsstamm, der ihn eben vor dem äussersten Mangel schützte und unangreifbar war, beschränkt ward, kümmerte ihn wenig. Sagte ihm die blonde Lisbet, das Haus bekomme nach der Giebelwand zu Risse, und könne über Nacht einmal einstürzen, so pflegte er zu erwidern: "Lass mich zufrieden. Ich habe noch sechs Hefte durchzustudieren." Wurde sie dringender, so rief er ärgerlich: "Ehe das Schloss einstürzt, bin ich Geheimer Rat!" und sie musste unverrichteter Sache weichen.

Freilich entstand durch das unendliche Material, welches er täglich zu verarbeiten hatte, in seinem kopf eine grosse Verwirrung der Vorstellungen, und er musste zuweilen das Haupt in beide hände nehmen, um sich zu besinnen, ob er noch in unserem, oder in einem fremden Weltteile, oder ob er überhaupt nur noch auf der Erde und nicht schon längst im Sirius sei? Auch begann er von jetzt an, alles zu glauben, was er hörte, und wenn man ihm gesagt hätte, die Vögel sängen nach