und mit seinem mund nagte er an den Händen. So blieb er, ohne dass er sein Lager aufgesucht hätte, oben, bis es heller Tag geworden war.
Achtes Kapitel
Wie der einäugige Spielmann seine Absicht bei einem
leidenschaftlichen Juristen erreicht
Am folgenden Morgen zwischen zehn und elf Uhr hielt ungefähr eine halbe Stunde vom Oberhofe ein kleiner leichter Wagen vor einem einzeln stehenden haus. Den Schlag des Wagens öffnete der alte Jochem, welcher auch das Pferd – denn der Wagen war ein Einspänner – gelenkt hatte, und half dem darin sitzenden mann heraus. Dieser war der Mann im graubraunen Mackintosh, der Oberamtmann Ernst.
"Ihr bleibt nun hier, Jochem", sagte der Oberamtmann, "ich aber will das Geschäft in der Bauerkate, in dem sogenannten Oberhofe besorgen."
"Warum fahren Sie nicht vor, Herr Oberamtmann", fragte der alte Jochem.
"Weil ich alles aufsehen vermeiden will", versetzte der Geschäftsmann. "Wie Ihr mir Euren Herrn beschreibt, Jochem, ist er in einer etwas erhöhten Stimmung. Unterhandlungen aber mit Leuten in solcher Stimmung wollen ganz besonders vorsichtig angefasst sein, sonst misslingen sie leicht. Ich würde mit dem Wagen die Leute im hof aufmerksam machen, der Graf könnte vielleicht durch die Anwesenheit von Zeugen gereizt werden, und was dergleichen mehr sein dürfte. Deshalb ziehe ich es vor, allein, gleichsam schleichend, nach der Kate zu gehen, ihn so zu überraschen und sacht mit fortzunehmen. – Eine Liebschaft, Jochem, sagt Ihr?"
"So sagt' ich, Herr Oberamtmann", versetzte der alte Jochem. "Aber er wollt' nichts mehr damit zu tun haben und weinte dabei erbärmlich."
"Kenne das, Jochem", sagte der Oberamtmann. "Rixae amantium usw." – Er schlug die hände über dem kopf zusammen, dass der Mackintosh wie das Segel eines Hamburger Evers flog und rauschte und rief: "grosser Gott, so behielte ja der 'Merkur' recht mit der Reise nach dem aufgelesenen Schätzchen!"
"Herr Oberamtmann", sagte der alte Jochem, "wenn ich Ihnen raten soll, so schicken Sie mich nach dem hof, denn ich weiss doch allein meinen Herrn zu behandeln." – Der Oberamtmann mass den Alten mit einem geringschätzigen Blicke und schüttelte das Haupt. Der Alte, den dieser blick etwas verdross, und der die Eigenheit hatte, dass er zuweilen laut dachte, murmelte, dass jeder es verstehen konnte: "Wenn der ihn mit seiner Unterhandlung aus dem Oberhofe fortbringt, so will ich nicht Jochem heissen."
Nicht weit von dem platz, auf welchem dieses Gespräch vorfiel, torkelte unter den Tannen ein Mensch umher, dessen Gebärden einen Betrunkenen verrieten. Was diesen Betrunkenen vor anderen seines Zustandes auszeichnete, war, dass er nicht fiel, obgleich ein Leierkasten, den er auf dem rücken trug, hin und her rutschend das Gewicht auf der Seite vermehrte, auf welche er sich gerade neigte. So aber mit dem bald links, bald rechts fliegenden Leierkasten gewährte der Patriotenkaspar – denn dieser war der Betrunkene – das Schauspiel eines auf hohen Wellen treibenden Schiffes, welches gleichwohl nicht untergeht. Er hatte sich von dem Erlöse des Silberringes, den er an einen Hausierer verkauft, auf das Rachegefühl der Nacht in dem kalten Morgennebel gütlich getan, und war so in diese Verfassung geraten, welche ihn jedoch nicht hinderte, zwar heftige aber doch völlig zusammenhängende Reden zu führen, die er unaufhörlich hervorsprudelte.
Der Weg nach dem Oberhofe lief durch die Tannen. – "Das Pferd bleibt wohl ruhig hier stehen", sagte der Oberamtmann. "Geht doch etwas voran, Jochem, und haltet mir den Menschen da seitab; Ihr wisst, dass ich mit Betrunkenen nicht gern zu schaffen habe."
Jochem ging voran und der Oberamtmann folgte in gemessener Entfernung. Er sah, dass der Alte mit dem Betrunkenen sich in ein Gespräch gab, und rief, was da vor sei? Jochem kam zurück und meinte, das sei der kurioseste Fuselichte, der ihm jemals vorgekommen. "Bloss die Beine sind benebelt", sagte er; "im übrigen ist der wüste Kerl vernünftig und spricht verständlich wie ein nüchterner Mensch von Protokoll und Mord und Totschlag."
Als der Oberamtmann diese Worte hörte, horchte er hoch auf. "Was gibt es denn damit?" fragte er sehr gespannt. Sein Widerwille gegen den Betrunkenen war viel kleiner als seine Neugier nach dem Protokolle und nach dem Mord und Totschlag. Er ging daher zu dem Patriotenkaspar, der wirklich einen eigenen Rausch hatte, von dem sozusagen nur die Extremitäten angegangen waren, das Gehirn aber unversehrt geblieben war. Ein nicht seltener Fall bei erschöpften Körpern. Der betrunkene Spielmann rief dem Oberamtmanne gleich entgegen: "Könnt Ihr mir ein Protokoll machen, he?"
"Mein Freund, das könnte ich allerdings wohl", versetzte der Oberamtmann mit einem juristischen Lächeln.
"Nun denn, so kommt Ihr mir ja wie ein wahrer Retter in der Not entgegen", rief der Spielmann und wollte den Oberamtmann umarmen. Dieser wich zurück, darüber verlor Kaspar das Gleichgewicht und fiel mit der Nase auf die Erde. Er raffte sich aber gleich wieder empor, liess den Fall sich nicht anfechten und fuhr fort: "Macht mir ein Protokoll, und ich will Euch zeitlebens dankbar sein."
"Aber was soll denn in dem Protokolle stehen?" fragte der Oberamtmann. – "Herr", sagte der alte Jochem