Stalle umgewendet und nichts gefunden.
Jetzt erhob er sich, um in dem ersten Stock des Hauses nachzusehen. Das Licht vor sich hinhaltend, ging er zitternd und gebeugt langsam die Treppe hinauf und hielt sich am Geländer. Oben stand er still und überschlug, wo er seine Forschungen anstellen müsse. Denn auch in dieser verzweiflungsvollen Seelenstimmung verliess ihn seine Bedächtigkeit nicht. Er erinnerte sich, dass er in der kammer, worin die Kiste stand, schon gleich nach dem Wahrnehmen des Raubes nichts undurchstöbert gelassen hatte; dort also wäre jede erneute Mühe umsonst gewesen. Aber alle anderen Gemächer, Gelasse, Ecken und Winkel durchspähte er. Er rückte die Schränke ab, wo dergleichen standen, und blickte hinter jede Kiste. Er öffnete die Schränke und Kisten, bückte sich über sie und leuchtete hinein. Jedes Gerät, welches einen Gegenstand verbergen konnte, nahm er auch hier von seinem platz und sah nach, ob das Schwert nicht dahinter liege. Über diesem stillen und vergeblichen Suchen gingen wieder mehrere Stunden hin. Der Morgen begann schon zu dämmern.
Wie der alte Mann so, unaufhörlich gehend, sich bückend, spähend, nie übereilt in seinen Bewegungen, aber auch nimmer rastend, umherwanderte, gewährte diese unablässige, stumme, stete, gleichmässige Mühe einen peinlichen und fast schauerlichen Anblick. Wäre er rascher in seinen Bewegungen gewesen, so würde man ihn haben einem Raubtiere vergleichen können, welches nach seinen Jungen sucht; so aber, wie er sich verhielt, glich er einer ewigen, toten, stillwühlenden Naturkraft.
Das letzte Gemach, welches er durchforschte, war Lisbets Zimmer. Er dachte nicht daran, dass er ein entkleidetes und schlafendes Mädchen dort hätte finden können. Er verwunderte sich auch nicht, dass er Lisbet nicht darin fand, dass ein anderer es und in solcher Art, wie er sah, innehatte, denn er hätte sich über nichts verwundert, seine Seele war gleichgültig gegen alles, ausser gegen den einen Gegenstand, der sie erfüllte. – Nun hatte sich die Sache gewendet. Der Alte war in Bewegung und der junge Mann ruhte, oder regte sich wenigstens nicht, erschöpft von Anstrengung und Leiden. Er hatte sich, nachdem er der Hoffnung leer geworden war, Lisbet heute wiederzusehen, über ihr Bette geworfen, um etwas zu berühren, was ihr Körper berührt hatte. So lag er, die arme über das Kissen gebreitet und dieses an seine Wangen drückend. Leise stöhnte er und rief zuweilen schluchzend den schwäbischen Schmerzenswunsch: "Ich wollt', ich wär' bei meiner Mutter!" – Die Mutter, nach der er hinverlangte, lag aber im grab, und die Geliebte, um die er bekümmert war, sass wenige Türen von ihm, in der Nachtkälte frierend, ein erstarrtes Vöglein, welches tages zuvor so lieblich gesungen hatte.
Der Hofschulze bekümmerte sich nicht um Oswald, und der Jüngling hörte nicht, dass der Hofschulze in das Zimmer getreten war. Auch hier tat und vollbrachte nun der Alte sein mühevoll vergebliches Werk. Der Schweiss troff ihm von der Stirne. Er seufzte tief und machte sich jetzt auf den Weg nach dem Söller, dem letzten noch undurchforschten raum des Hauses. Als er in die Nähe der Söllertreppe kam, stand er jedoch plötzlich still und ein Schauder schüttelte seine Glieder. Nachdem dieser Schauder vorüber war, hatten seine Züge ein verändertes Ansehen gewonnen. Die Muskeln des Antlitzes spannten sich straff an, die Augenhöhlen wurden weiter, in seine Augen trat ein seherischer Glanz, sie blickten unbeweglich mit geisterhaftem Blicke vor sich hin, als schaue er etwas, ein Ding oder einen Ort, und plötzlich griff er mit der Hand nach der Luftgestalt, die ihm der auf der Höhe seiner Anstrengungen gewordene ekstatische Zustand vorspiegelte. Jene Handbewegung brachte ihn zu sich selbst zurück. Er blickte nun mit seiner gewöhnlichen Art um sich her, strich sich über die Stirne, die Anspannung der Muskeln liess nach, die Brauen sanken herunter, die Augenhöhlen nahmen ihre gewöhnliche Grösse an, er sah aus, wie zuvor. Der ganze Paroxysmus hatte nur wenige Sekunden gedauert. Aber ohne Zweifel war während desselben etwas Ausserordentliches in ihm vorgegangen. – "Also da liegt es!" murmelte er froh und beruhigt, und stieg raschen Schrittes die Söllertreppe hinauf.
Oben achtete er dessen nicht, dass er mit dem brennenden Lichte neben Stroh und Heu vorbeiging; eine Unvorsichtigkeit, wofür jeder Knecht unfehlbar den Dienst bei ihm verwirkt haben würde. Geraden Schritten ging er auf den Verschlag zu, worin Oswald so unbequeme und doch so glückselige Nachtstunden zugebracht hatte. Mit der Sicherheit eines, der weiss, dass ihn seine Vermutung nicht täuscht, machte er die tür auf und sah sich im Verschlage um.
Aber als er nun das Lagerstroh umgekehrt und die wenigen Sachen, welche der enge, kahle Raum entielt, hinweggetan hatte, brach er gewaltsam zusammen. Denn zwischen diesen vier leeren Bretterwänden war das Schwert Karls des Grossen auch nicht zu finden. Das brennende Licht entsank seiner Hand, er setzte sich oder fiel vielmehr auf einen dort stehenden Kasten und stiess einen furchtbaren Schrei aus, einen von den Lauten, die sich nicht beschreiben lassen, weil die natur in ihnen ihre eigensten, nur sich selbst vorbehaltenen Rechte übt.
Das Licht schwelte mit seiner Flamme auf dem Fussboden in der Nähe des umherzerstreuten Strohes. Der Hofschulze aber hatte kein Auge für diese Feuersgefahr. Er blieb auf dem Kasten sitzen. Die Kniee hatte er zum haupt emporgezogen, die arme auf die Kniee gestemmt