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jedem Augenblicke wurde ihm freier und freier; ihm ward zumute, wie dem begnadigten Sünder, wie dem verlorenen Sohne, da der Vater ihm ein köstliches Mahl anrichten liess. Ganz und voll durchdrang ihn eine unaussprechliche Empfindung, die aus hülfreichem Mitleid und schöpferischer Zärtlichkeit gemischt war; ein herzliches Wollen, ein tiefes Entschliessen und eine göttliche Geburtswehe des Gemütes. Alles das wallte wie ein Meer in ihm empor und in die Fluten dieses Meeres sanken die Fratzen des sogenannten Schlosses hinab und wurden nicht mehr gesehen.

Ja, er hatte sie wieder, die zufällig Gefundene, rasch Geliebte, für die Ewigkeit Erkannte! – Er hatte sein Reh wieder, sein Mädchen, sein Herz, und was gestern noch Glück war, das war heute eine schwere, süsse Eroberung durch die Tapferkeit seiner wärmsten Blutstropfen geworden. Er rieb sich vor Vergnügen die hände; jauchzend rief er: "Bin ich nicht frei, bin ich nicht zu meinem allergrössten Glücke ganz frei?" – Und dann setzte er sich auf den Stuhl am Fenster, auf dem sie zu sitzen pflegte, nahm die Feder, mit der sie eben den traurigen Brief an den Geistlichen geschrieben hatte und focht damit in der Luft hin und her, fröhlich wie ein Junker, der seinen ersten Degen erhalten hat. Er schrieb nicht mit der Feder auf dem Papiere, nein in den Lüften zog er einen schönen Schnörkel aus L und O geschlungen und freute sich über die gefällige Form dieser Buchstaben und um dieselben zog er ein lateinisches W. Ihm dünkte das ein trefflicher Namenszug zu sein. Mutig rief er; "Und wäre sie von Räubern und Mördern entsprossen, und wäre sie unter dem Hochgerichte geboren, sie bliebe doch die Lisbet, und doch würde sie mein!" –

Wer von der Geliebten Abschied nehmen will, gehe nicht in ihr Zimmer, sondern schreibe an sie, obgleich auch dann wohl manches Billett zerrissen werden und statt des Billetts der Liebende sich auf den Weg machen möchte.

Sechstes Kapitel

Suchen und nicht Finden

Er sagte: "Aber erfahren darf sie es nie, nie darf sie nach ihrem Ursprunge forschen. Auf mich allein und in meine Brust muss sie gepflanzt sein." – Da war nun das Erdreich, in welchem die arme abgeschnittene Staude wieder wachsen sollte, und sie wusste es nicht. Sie war so nahe, dass sie fast seine stimme hören konnte und doch wusste sie es nicht. – Nichtige Nöte! Ihr gehört zur Liebe, wie Schwindel zum Rausche.

Sie kam aber immer nicht. Er wurde unruhig, ging hinunter und fragte nach ihr. Die eine Magd wollte sie den ganzen Tag über nicht gesehen haben, die andere meinte, sie sei aus dem hof gegangen. Er durchstrich die nächsten Umgebungen des Oberhofes, aber da war nichts von Lisbet zu erblicken. Es fing schon an, düster zu werden.

Sein Herz wurde ihm nach kurzer Freude noch schwerer als früher. Ihr Verschwinden war ihm unerklärbar. Er ging wieder auf ihr Zimmer, worin er wegen der Dunkelheit die Gegenstände nicht mehr unterscheiden konnte. Nach kurzem Verweilen trieb es ihn abermals hinunter, er traf nun den Hofschulzen an und erkundigte sich bei dem, wo sie sei? – "Die wird nach Ihnen nicht viel mehr fragen, junger Herr", versetzte der Alte. "Sie ist gewitziget." – "Was!" rief Oswald in äusserster Bestürzung und wollte von dem Hofschulzen nähere Auskunft haben. Diese versagte aber der Alte, denn er hatte zwar seine Pflicht, wie er meinte, gegen das Mädchen üben müssen, aber mit dem jungen verliebten Hitzkopfe mochte er nichts zu tun haben. Liebessachen gehörten überhaupt nicht zu den Gegenständen, die für ihn von Wichtigkeit waren, und worin er Treue und Glauben als Pflichten anerkannte. Um sich des Jünglings durch irgendeinen Vorwand, wahr oder falsch, zu entledigen, setzte er hinzu: "Junge Frauenzimmer sind wetterwendisch; es mag ihr wohl so ernst nicht gewesen sein, nun schämt sie sich und will sich nicht vor Ihnen sehen lassen."

Ein Weiteres war von dem Alten nicht herauszubringen. Ausser sich stürzte Oswald zum dritten Male nach Lisbets Zimmer, als müsse sie dort sein, wenn er sie suche. Er hatte ein Licht mitgenommen. Lisbet fand er nicht, wohl aber bei dem Scheine des Lichtes und mit dem Scharfsinn, den der Kummer gibt, die traurigen Zeichen der zerstörten Liebeshuld. Er nahm, was auf dem Kasten lag, hinweg, da sah er drinnen seine Goldrolle und das grüne Särglein liegen, von Lisbets Busen verstossen, hinweg geworfen! – Die Stücke des zerschnittenen Tüchleins sah er; der Schnitt ihrer Schere hatte eigentlich dem Bande zwischen ihnen gegolten! – Auch ein halbverbranntes Stückchen Papier erhob er vom Boden, denn alles war ihm wichtig, was sein Elend ihm erleuchten konnte. Noch stand darauf:

In deinem Ernst, in deinem lachen

Gehörst du dir

Weiter war nichts zu lesen. – "Ja", rief er, "du gehörst nur dir und keinem anderen, aber das lachen wird dir wohl eigener sein, als der Ernst!" – Er war böse auf sie, er zürnte ihr ingrimmig, denn auch er glaubte, was der Hofschulze ihm gesagt hatte, und meinte, das Mädchen habe nur in einem Anstoss, der rasch verflogen sei, sich in seinen Arm gelegt. Es war das Unglaublichste, was es nur geben konnte, aber er hätte nicht geliebt, wenn er gezweifelt hätte.