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Liebste hat ja nicht so durchdringende Augen und soll uns doch ebenso genau kennen, wie Gott, weil er sich nicht auf dieses und jenes in uns, sondern auf alles in allem Zeit seines Lebens verlassen muss. Wer mir also, wenn er sagt, dass er mich liebe, dennoch einen Schein vorweben kann, von dem muss ich glauben, was sie mir wider ihn vorbringen, und möchte es auch das Allerschlimmste sein. Wer mir sagt, Herr Diakonus, er sei ein armer Förster und ist ein grosser Graf, der kann auch noch anderen Lug und Trug wider mich vorhaben. – Ach Gott! Ach Gott! Zuweilen denke ich: Es ist gar nicht möglich, dass ein Mensch, der so gut aussieht, so schlimm sein kann! – –

Ich bin eigentlich ganz elend worden, und wäre in den Schmerzen dieser Nacht wohl gestorben, hätte mir nicht mein Stolz geholfen. Weil ich aber tief gedemütigt werden sollte, so hat mich das sehr stolz gemacht, ganz überaus stolz. Nun ist dieser Stolz freilich wohl nur hülfe in der äussersten ersten Not, und deshalb flüchte ich mich zu Ihnen. Ich bitte Sie, gönnen Sie mir eine Freistatt in Ihrem haus, Kosten mache ich Ihnen ja nicht viel und Ihrer lieben Frau kann ich doch immer etwas helfen. Sie sind immer sehr gut und freundlich gegen mich gewesen und werden mich gewiss nicht verlassen. Nach dem schloss gehe ich auf keinen Fall zurück, mich schaudert davor. Das war wohl bisher gut so weit, aber nun geht es nicht mehr; nein, nein. Ich bin also wie eine Staude, die vom Boden abgeschnitten ist und weiss noch kein Erdreich, worin ich wieder wachsen kann.

Dass Sie sich aber über mich nicht irren, so muss ich Ihnen sagen, dass ich gar kein Verlangen nach der Kirche habe, oder nach der Religion, wenigstens nicht mehr als sonst. Ich habe mir schon Vorwürfe darüber machen wollen, denn man sagt ja immer, dass der Mensch im Unglück hauptsächlich viel beten müsse, aber das muss denn wohl ein anderes Unglück sein, als meines. Ich fühle mich als ein so ordentliches, unschuldiges Mädchen, dass ich nicht begreife, warum ich Gott gerade jetzt besonders bitten sollte, nur beizustehen. Sondern es ist über mich verhängt worden, und nun trage ich es, und er lässt mich gehen in meiner Weise. Auch kann der Gott, von dem gepredigt wird, einem Herzen nicht helfen, welches sich weggegeben hatte und sich nun wieder zurücknehmen muss. Dem hilft sicherlich auch ein Gott, aber er steht in keinem lied, sondern ganz tief im Herzen selbst ist er verborgen, stumm, und ich glaube, der grosse Stolz, den ich empfinde, ist sein Kleid.

Haben Sie nur rechte Geduld mit mir, mein lieber, lieber Herr Diakonus, Sie und Ihre Frau; Sie sollen sehen, die Lisbet hilft sich schon heraus, denn von einem Tage zum anderen kann man doch nicht verloren sein, wenn es gleich den Anschein davon hat. Es ist aber erstaunlich, was für Schmerzen der Mensch aushalten kann. Wäre ich nur katolisch, so ginge ich zu den Barmherzigen Schwestern; es muss eine recht angenehme Beschäftigung sein, zeitlebens die armen Kranken zu pflegen. Und nehmen Sie mir das schlechte Schreiben nicht übel; es wollte aber nicht besser gehen. Durch den Überbringer bitte ich um Antwort."

Die Entschuldigung wegen der Handschrift wäre nicht nötig gewesen; denn die Züge waren so eben und klar, wie sonst. Keine Träne war auf das Blatt gefallen. Sie sah sogar gleichmütig aus und alle ihre Züge leuchteten wirklich von einem wunderbaren Stolze. Sie rief einen Knaben herbei und schickte ihn mit dem Briefe nach der Stadt.

Fünftes Kapitel

Lisbet und Oswald

Aber ihre ganze Fassung war hin, als sie gedankenvoll durch das Fenster nach den Hügeln blickend, durch die Nebel einen Mann herankommen sah, eine bekannte Gestalt. Heftig bedeckte sie ihr Gesicht mit den Händen und noch einmal brach ein Strom der bittersten Tränen aus den schon erschöpft gewesenen Augen. Ihre Wangen wurden eiskalt und ihre hände starben ab – "Ach! Ach! Ach!" war alles, was die Brust, die sich so grimmig beraubt wähnte, zu ächzen vermochte. Was sollte sie tun? Ihre Seele wurde von der Verzweiflung in zwei Hälften gespalten. Ach, das war er ja immer noch, der da so langsam herbeigeschritten kam, "gewiss", dachte sie blitzschnell, "geht er so langsam, weil ihn die Schuld drückt; wie würde er sonst fliegen! Das ist seine Kleidung, das ist sein gang, das ist sein Antlitz, und nur er ist es nicht, nur er nicht!"

Sie strich über ihre Schläfe, die ein kalter Schweiss bedeckte. – Dann sah sie sich im Zimmer um, wo noch manches vom vorigen Abend die Verwirrung ihrer Sinne bezeugte. Auch in dieser gramvollen Not schämte sie sich, dass er etwas unordentlich bei ihr finden könnte. Sorgfältig verbarg sie ihre Nachtkleider unter der Decke des Bettes und sah nach, ob auch dieses recht in Ordnung und überall von der Decke überhüllt wäre, denn gemacht hatte sie es freilich gleich, nachdem sie aufgestanden war. Sie rückte den Tisch am Fenster gerade und stellte die Stühle an ihre Plätze, auch den Zunder von dem verbrannten Gedichte kehrte sie sauber beiseite, und die Stücke des zerschnittenen Tuches, welche auch noch am Boden lagen,