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, worin die Mordtat vorgefallen war, nennen. Er dachte nach und sagte dann: "Kaspar, das Protokoll würde keinen Erfolg haben. Die Sache ist verjährt."

"Was heisst das: Verjährt?"

"Das heisst: Ihr mögt über die Sache angegeben werden, oder Euch selbst angeben, ja, Ihr mögt, wie Ihr tut, die Strafe begehren, so wird dem keine Statt gegeben, denn nach dem Ablaufe von dreissig Jahren ist eine Untat ab und tot vor dem Richter. Ihr müsst also Euer Geschick schon so nehmen, wie es einmal liegt und es bis an Euer Lebensende tragen."

Er ging an dem Totschläger vorüber, gab ihm den silbernen Ring, da dieser bei näherer Betrachtung ihm nichts Merkwürdiges gezeigt hatte, zurück und entfernte sich. Der Geächtete stand betroffen, sann über die Verjährung und konnte darin durchaus keinen Sinn finden. "Also", sagte er endlich, "meine Gedanken an die Missetat muss ich behalten und bis in jene Ewigkeit mit hinüberschleppen; aber wenn ich mit meinem Fell die Sache büssen will, so geht das nicht mehr an, weil dreissig Jahre vorüber sind!" –

Ein Lärmen, der ganz in der Nähe entstand, unterbrach sein Nachsinnen und machte ihn aufmerksam. Kaum zwanzig Schritte vom Kreuzwege kamen auf dem Wege vom Oberhofe Menschen gelaufen und andere begegneten ihnen, die vom hof des Eidams gegangen kamen. – "Wisst ihr's schon?" fragten die vom Oberhofe überlaut. – "Was denn?" versetzten die anderen. Ihren Weg eiligst nach dem Jürgenserbe fortsetzend, riefen die vom Oberhofe: "Der Hofschulze hat eine Überfahrung12!"

"Das wäre der Henker!" riefen die ersten und liefen nach dem Oberhofe zu.

Der Patriotenkaspar fletschte die Zähne, sprang wie unsinnig auf dem Mordplatze umher und schrie: "Heisa! Heisa! So ist's recht. Die Tochter machte ich dir zur Hur', den Jungen zu Brei, und dich macht' ich nun zunicht'! Ihr sollt erfahren, was es heisst, geringere Leute verachten! Könnt' ich jetzt mein Protokoll aufgenommen kriegen, wäre ich ganz zufrieden!"

Viertes Kapitel

Der Hofschulze kommt wieder zu sich und Lisbet

schreibt an den Diakonus

Auf der kammer, worin er das Schwert Karls des Grossen verwahrte, sass oder lag der Hofschulze blass und halb betäubt neben der eisenbeschlagenen Kiste. In diesem Zustande war er von einer Magd, die vor der kammer vorbeiging, gefunden worden, kurz nachdem er sich die Treppe hinaufbegeben hatte. Sie war erschreckt hinuntergesprungen und hatte von dem Vorfalle Lärmen gemacht, den einige Vorübergehende weitertrugen.

Die Magd kehrte mit Essig zurück und bestrich ihres Broterrn Schläfe. Das einfache Mittel brachte ihn auch bald wieder zu sich selbst, denn der Schlagfluss war eine Vergrösserung des Unfalls, der den alten Bauer betroffen hatte. Er war nur von einem Schwindel und von jener Betäubung befallen worden, wie sie die Folgen eines plötzlichen grossen Schrecks zu sein pflegen, besonders bei alten Leuten. Als er von dem scharfen Geruche des Essigs wieder erwachte, hob er sich, ohne dass ihn das Mädchen zu unterstützen brauchte, sogleich strack auf seine Füsse, fuhr mit der Hand über die Stirn und warf seinen ersten blick in die Kiste, deren Deckel aufgeklappt war. Mit einer Mischung von Entsetzen und Kummer kehrte aber der blick des alten Mannes in sich zurück; er klappte hastig den Deckel zu, als wollte er den Verlust seines Teuersten jedem Auge verbergen und trieb die Magd an, ihn zu verlassen. Diese fragte zwar, was dem Baas zugestossen sei, erhielt jedoch keine andere Antwort von ihm, als dass ihn eine plötzliche Schwäche, vielleicht von dem vielen Pläsier, welches gestern und heute gewesen, angewandelt habe.

Als er auf der kammer allein war, stand der Hofschulze erst eine geraume Zeit mit übereinandergeschlagenen Händen ohne sich zu regen, da. Dann setzte er sich auf die Kiste und nahm seinen Kopf in beide hände, um alle Winkel des Gedächtnisses zu durchforschen. Darauf erhob er sich, öffnete abermals die Kiste, wie wenn er es nicht für möglich halte, dass das Schwert daraus habe verschwinden können, liess aber augenblicklich den Deckel zufallen, da er wohl sah, dass er nur in die Leere blicke, und stöhnte wie ein verwundeter Stier.

Nach diesem begann der Alte ein stummes eifriges Suchen in der kammer. Er kehrte jedes Gerät um, er durchspürte jeden Winkel, er leerte alle Kisten und Kasten aus, welche dort vor und hinter dem Saatlaken umher standen. Kein Platz blieb undurchforscht, aber alle diese Mühe war vergebens, denn das Schwert zeigte sich nirgends. Indem hörte er unten die stimme seines Eidams und seiner Tochter, sowie der Freunde und Nachbarn, welche von der Tanzgesellschaft herbei gekommen waren, um nach ihm zu sehen. Rasch verliess er die kammer, um nicht in seinen Anstrengungen betroffen zu werden und ging hinunter, scheinbar gefasst. Dort stellte sich alles mit fragen nach seinem Befinden um ihn, worauf er dieselbe Antwort gab, welche schon die Magd empfangen hatte und hinzufügte, dass ihm wieder ganz wohl sei. Er bat die Leute, sich in ihrer Lustbarkeit nicht stören zu lassen und wieder zum Tanze zurückzukehren; eine Aufforderung, welcher mehrere folgten, andere aber auch nicht. Diese blieben vielmehr im hof, weil sie an dem Tanze kein Vergnügen hatten, es kamen noch fortwährend Leute vom Jürgenserbe und so war ein beständiges Ab- und Zugehen