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wasser schwimmt selbzwanzig dahin und dortin, selbst der Wolken wandern immer mehrere zusammen, wie sollte das Menschenkind es allein bestehen können? – Sie hielten 's, was sie oben am Freistuhl ausgemacht. Und die Kleinen mussten's ihnen nachtun. Wenn ich mir Stroh und Korn borgen wollte, wie der Fall sein kann in jeder Wirtschaft, kriegte ich nichts; einmal brannte meine Scheune, die liessen sie brennen und kamen mit der Spritze, als nur noch die Trümmer rauchten, und wenn sie an meinem Erb' vorbeigingen, so greinten sie höhnisch und spuckten aus, und wenn ich selbst zu ihnen trat, so wiesen sie mir den Rükken. – Das frass mir ins Herz hinein und ich sagte: 'Ich will's euch allen zuvor tun, dass ihr Seelenverkäufer die Kränke vor Ärger kriegt und will mir Gesellschaft und Kameraden aus der Stadt halten.' Zechte also brav auf meine eigene Faust, liess mich mit Menschen in der Stadt ein, Schreibergehülfen und Ladenburschen und so dergleichen, gab denen grosse Traktamente auf dem Erb. Aber es wollte mir dergestalt nicht schmecken, Herr Schmitz, und wenn ich noch so viele lustige Schreibergehülfen und Ladenburschen bei mir hatte, so würgte es mir in der Kehle, weil ich immer dachte: Sie sind doch nicht deinesgleichen. natürlich geriet ich auch durch die Lebensart tief in die Schulden hinein; auf einmal kam mir nun der Jude, der mir vorgeschossen hatte, über den Hals und liess mir das Erb anschlagen. Ich wurde herunter gepfändet und hatte dann die Erde zum Lager und den Himmel zum Dach. Und so bin ich denn nach und nach, Herr Schmitz, zu dem Leierkasten, in diese Lumpen, in den Hunger und in die Kälte geraten, und so ein räudiger Bettelhund geworden, wie Sie mich da sehen."

Der arme und jämmerliche Mensch sah nach dieser Erzählung mit dem Blicke eines so kalten und bodenlosen Elendes vor sich hin, dass es den alten Schmitz, der von natur weichherzig war, erbarmte. Er begriff nun wohl, dass er von dem unglücklichen Mörder nichts zu befürchten habe, trat ihm daher näher und sagte: "Ich fasse noch nicht recht den Grund, weshalb der Hofschulze Euch den Gerichten entzog, denn, wenn ich auch sonst wohl einsehen kann, warum er mit seinem Freigerichte hantiert, so hätte ihm in diesem Falle Eure öffentliche Verurteilung doch eine grössere Genugtuung gegeben."

"Oh", rief der Patriotenkaspar, "das ist eben die ausbündige Bosheit des alten Blutsaugers!" – Er raufte seine buschichten Augenbraunen. – "Denn wie ich nachgehends gehört habe, so sind Zeugen gewesen, zu denen der Bengel, der Fritze, sich berühmend gesagt hatte, er wolle mir an dem Abende auflauern. Nun war der dicke Knüppel neben dem Toten gefunden worden und mein Auge war doch auch weg, also folglich konnte ich mich auf Notwehr berufen, und den Kopf hätten sie mir nicht 'runter gehauen, sondern ich wäre vermutlich mit etwas Gefängnis davongekommen. Das sah der alte Satan voraus und deshalb wollte er mich auf seine eigene Hand für zeitlebens unglücklich machen. Ich habe aber auch eine Wut auf ihn gehabt die Jahre her bei meinem Leierkasten, Herr Schmitz, ich kann Ihnen nicht sagen, was für eine Wut. Und lange konnte ich ihm nicht beikommen, aber nun – –"

"Pfui", sagte der alte Schmitz. "Schämt Euch, Kaspar, wer wollte so rachgierig sein!"

Der Patriotenkaspar stürzte seinem gönner zu Füssen, umschlang die Kniee des alten Mannes mit seinen hageren und haarichten Fäusten, als wollte er ihn um Verzeihung für seine Sinnesart bitten und rief mit hohlem zerreissendem Tone: "O Herr Schmitz! Rachgierig muss der Mensch sein, wenn sie ihm alles genommen haben, sonst verkommt er gar. Ich wäre längst verhungert, aber ich frass meine Rache, und so blieb ich leben. Es steht wohl geschrieben: 'Segnet, die euch fluchen', aber es gibt keinen, keinen auf Erden, für den es geschrieben steht, zum wenigsten keinen Unglücklichen."

"Nun, und was soll ich mit dieser ganzen sonderbaren geschichte anfangen? Was treibt Euch, sie gerade mir und jetzt zu erzählen?" fragte der Sammler.

Der Patriotenkaspar erhob sich und sagte: "Herr Schmitz, ich will nun mein Recht haben. Ich habe mein herz befriedigt und nun will ich mein Recht desgleichen haben. Ich will nicht länger unter dem Banne von meinesgleichen leben, sondern mein Urteil haben vor den Gerichten des Königs. Ihnen habe ich die Sache erzählt, weil Sie sich doch auch auf Amtssachen verstehen, damit Sie ein hübsches und richtiges Protokoll aufnehmen, worin alles gehörig steht von Notwehr und von den Zeugen, denen der Fritze gesagt hat, er wolle mir auflauern (denn es leben ihrer noch einige), damit mir nicht der Kopf abgehauen wird. Dazu habe ich keine Lust, aber sitzen will ich ein paar Jahre recht gerne. Im Gefängnis betrage ich mich ordentlich, mache mir Überverdienst, komme mit einem guten Attestat vom Direktor zurück, lege von meiner Sparsumme einen Winkelkramladen an, und dann soll das Donnerwetter dem in die Eingeweide fahren, der mich noch ferner hoch necken oder verachten will!

Also, Herr Schmitz, tun Sie mir die gefälligkeit, das Protokoll zu schreiben, ich will dann drei Kreuze darunter setzen und es selbst in die Gerichte tragen."

Der Sammler liess sich das Jahr