von sich; unter dem Stein habe ich den Ring verscharrt, soll mich wundern, ob er noch da liegt?"
Der Patriotenkaspar, welcher den letzten teil der Erzählung mit so lebendigen Gebärden vorgebracht hatte, dass seinem alten Zuhörer ein Schauder über die Haut rieselte, wälzte trotz seiner anscheinenden Kraftlosigkeit den Stein hinweg, kratzte etwas in der Erde darunter und zog mit einem gellenden Freudenschrei, als habe er den köstlichsten Schatz entdeckt, einen Ohrring hervor, der nicht verrostet war, weil er stark vergoldet gewesen sein mochte. "Ei, wie so ein Ding übrigbleibt, wenn der Mensch längst verrottet ist!" rief er, und gab den Ring dem alten Schmitz, der ihn nur zagend annahm.
"Als ich nun dem Fritze das Seinige gereicht hatte, liess ich ihn liegen und ging nach haus, Herr Schmitz", fuhr der Patriotenkaspar fort. – "Es war nun starkes Unwetter geworden und bei dem Donnern und Blitzen unterweges wurde mir graulich zumute. Ich dachte: Die Magdalis erwartet dich in ihrer kammer, und ihr Bruder liegt da tot am Kreuzweg, und der Hofschulze schläft und lässt sich nichts träumen, und du gehst über das Stoppelfeld. – Zu haus nahm freilich der greuliche Schmerz im Auge alle meine Besinnung weg, und nur unterweilen konnte ich mir vorstellen, dass sie mir nun vielleicht den Kopf abschlagen würden. Es kam aber alles ganz anders, Herr Schmitz.
Den anderen Tag liess ich den Feldscherer holen, und der sagte mir, dass das Auge heidi sei, denn mit uns Bauersleuten machen die Doktors nicht viele Umstände. Na, das Auge lief auch wirklich aus, Herr Schmitz, und schrumpfte weg, und ich erwartete alle Tage die Gerichte im Erb, die mich abholen würden, denn fliehen mochte ich nicht. Aber keine Gerichte kamen.
Dagegen kam ein Kerl, der der Fronbot hiess, von wegen des Dings droben unter den drei Linden, und sagte, ich sei geheischen und geladen zum Stuhl, sie wollten's unter sich abmachen, und ich sollt' Rede und Antwort stehen. Ich rief: Er sollte sich zum Teufel scheren, sie könnten mir dies und das tun, dem Amtmann sei ich Rede und Antwort schuldig.
Wie ich nun zum ersten Male den Kopf wieder aus dem Loch hervorstrecke, höre ich kuriose Geschichten. Der Alte hat seinen Sohn gleich nachdem die Leiche gefunden worden, begraben lassen und überall gesagt, der Junge sei spät nach haus gegangen und habe einen bösen Fall getan. Keine Anzeige hat er gemacht und alles bleibt still von der Sache, und kein Amtmann und kein Kriminal bekümmert sich um mich. Ja, was soll das bedeuten? denke ich.
Ich konnte es aber bald spüren, Herr Schmitz. Es war mir schon auffällig gewesen, dass während meiner Wehtage nicht eine Menschenseele nach mir fragte, denn wenn ich auch nicht viele Freunde hatte, so besuchte mich doch je zuweilen sonst einer oder der andere. Aber da sass ich ganz allein und verlassen, und zuweilen tat mich nicht nur meine wunde Augenhöhle schmerzen, sondern ich heulte auch mit dem gesunden Auge meine bitteren Tränen. Als ich nun wieder 'naus ging, so wollte ich, weil ich nicht verfolgt wurde, bei einem Nachbar vorsprechen, aber der schob zur Hintertüre hinaus, als ich in die Vordertüre trat. Im Kruge rückten sie zischelnd zusammen, als ich kam und riefen den Wirt beiseite und sprachen sacht mit ihm und der kam dann zu mir und sagte: 'Kaspar, Ihr könnt nicht verlangen, dass ich um Euretwillen meine Nahrung einbüsse. Sie wollen nicht mehr bei mir sitzen, wenn ich Euch zapfe.' – 'Nicht mehr bei Euch sitzen?' fragte ich wild. – 'Still!' rief er. 'Ich will's Euch heute abend offenbaren, Ihr habt mir manchen Taler zu verdienen gegeben, und darum kann ich Euch den Gefallen wohl tun. kommt heute abend, wenn alles zur Ruhe ist, her, da sag' ich's Euch.'
So ging ich denn den Abend, wie Polizeistunde geboten war, und niemand mehr in der stube sass, zu ihm. Und da erzählte er mir, dass der Hofschulze über den Tod seines Jungen mit den anderen zusammengewesen sei droben am Freistuhl, und habe gesagt, er wolle keine Anzeige wider mich machen, und keiner solle es tun, aber er habe mich mit seinem Schwert von Carolus Magnus verfeimt und geächtet, und die Sache sei schon durch die Bauerschaft und weil die Grossen drin einig seien, so seien die Kleinen auch nicht dawider und sei ich also nun aus dem Frieden und aus der Freundschaft gesetzt bei allen.
Ich lachte und rief: 'Was scher' ich mich um euren Frieden und um eure Freundschaft!' – Aber ich hatte übel gelacht, Herr Schmitz. Keine Anzeige kam wider mich bei den Gerichten ein, was damals leicht möglich war, denn der grosse Krieg war eben im Gange, und alles lief bunt über Eck, und als es wieder ruhig worden, war die Sache schon alt; jedoch ein Verfeimter war ich und ein Verfeimter blieb ich, und das war böser als Verhör und Urteil. Herr Schmitz, das Menschenkind kann alles ausstehen, Not und Krankheit und Feuersbrunst und Gewaltzwang, aber von seinesgleichen verstossen sein, das kann das Menschenkind nicht ausstehen. Denn der Vogel fliegt mit seinesgleichen, und der Hirsch geht in Rudeln und der fisch im