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Über diesen vergeblichen Anstrengungen, die Krackelfüsse zusammenzustellen, und durch das optische Glas die Wahrheit zu entdecken, war wohl eine halbe Stunde vergangen, während welcher der Baron noch gar nicht dazu gekommen war, sich nach dem Geber der vor ihm liegenden Gottesgabe zu erkundigen. Auch der Bediente, der mit aufgesperrtem mund bald das Kind, bald die Anstrengungen seines Gebieters betrachtete, hatte bisher verabsäumt von dem alten weib zu reden. Endlich verfiel der alte Baron auf die unter den obwaltenden Umständen so natürliche Frage, der Bediente gab die Auskunft, die er erteilen konnte, wurde der Spitzbübin nachgesandt, rannte einen halben Tag lang in allen Richtungen umher, kam aber unverrichteter Sache zurück, denn er hatte weder das alte Weib gesehen, noch jemand getroffen, der sie gesehen hätte.

Inzwischen waren die Frauen, die alte Baronesse, welche damals noch lebte, und fräulein Emerentia, in das Zimmer getreten, und der alte Baron, der mit seiner eigenen Verwunderung noch zu schaffen hatte, musste jetzt dem Sturme von Ausrufungen und fragen Rede stehen, welcher über die Lippen der Gemahlin und Tochter strich. Eine Dienerin war gefolgt und sorgte, während die Herrschaften über die Exegese des Ereignisses verhandelten, für die notdürftige Fütterung und Stillung des noch immer schreienden Kindes.

Als dieses still, lächelnd und schlummernd wieder in seiner Schachtel lag, setzte sich die Familie um den Tisch, worauf letztere stand, zu einer Beratung nieder, was mit dem Findlinge zu beginnen sei. Der Hausund Schlossherr, dessen Torheiten nur von seiner unverwüstlichen Gutmütigkeit übertroffen wurden, war sofort der Meinung, dass das Kind zu behalten, und wie ein eigenes aufzuziehen sei. Seine Gemahlin leistete ihm einigen Widerstand, bequemte sich indessen doch bald zum milderen Entschlusse, da ihr einfiel, dass der ältere Zweig der graumelierten Linie, der Zweig Schnuck-Muckelig-Pumpel selbst mütterlicherseits von einem Findlinge abstamme, in welchem eine Tochter hoher Herkunft gesteckt habe. Den heftigsten Einspruch hatte er von Emerentien zu erleiden. Das fräulein war nach ihrer zweiten Badereise so überaus tugendsam, zartsinnig und verschämt geworden, dass auch die entfernteste Beziehung auf die Verhältnisse, durch welche wir entstehen und werden, sie tief verletzen konnte. Sie mochte die Blumen nicht mehr leiden, seitdem ihr ein durchreisender Professor die Bedeutung der Staubfäden auseinander gesetzt hatte, sie war vom Tische aufgestanden, als man erzählte, dass die braune Diane sechs Junge geworfen habe, und hatte vor ihrem Fenster Scheuchanstalten besonderer Art gegen die Sperlinge anbringen lassen, um die Schnäbeleien nicht mit ansehen zu dürfen, womit diese Tiere nach der Lebhaftigkeit ihres Naturells leider gegeneinander nur zu freigebig sind.

In dem Findlinge ahnete sie nun, wie sie sagte (und die Ahnung der Frauen ist stets sicher und wahr), eine Frucht verbotener Liebe. Worte, die sie vor Scham kaum hervorzubringen vermochte! Sie erklärte, dass sie eine solche nur mit Abscheu anzusehen vermöge, dass ihr das Verbleiben der Kreatur unerträglich sein werde. Sie beschwor ihren Vater, das Kind einer öffentlichen Anstalt zu übergeben. Aber der alte Baron blieb fest bei seinem Vorsatze, und da die Mutter, wie schon berichtet worden ist, auch auf seine Seite getreten war, so musste sich Emerentia endlich, wiewohl mit grossem Widerwillen, fügen.

Diesen liess sie aber in der Folge auf jede Weise an dem kind aus, und selbst, als die blonde Elisabet, oder Lisbet, wie sie im schloss genannt wurde, heranwuchs, und das beste, zutätigste Wesen wurde, mochte sie sich selten dazu verstehen, ihr einen gütigen blick zu gönnen. Lisbet dagegen war durch nichts in den sonderbaren Neigungen, die ihr die natur vorgezeichnet zu haben schien, irrezumachen. An dem fräulein, die ihr so übel begegnete, hing sie mit einer unglaublichen Zärtlichkeit, sie verrichtete freudig das Schwerste für sie, liess sich von ihr schelten, und lächelte danach noch eins so freundlich, wogegen sie dem alten Baron, der doch eigentlich ihr alleiniger Beschützer und Wohltäter war, nur eine Empfindung widmete, welche die Grenzen der Dankbarkeit nicht überschritt.

Fünftes Kapitel

Der alte Baron wird Mitglied eines

Journal-Lesezirkels

In ihm war, als Jagd, Spiel und Gastereien für ihn aufgehört hatten, und nur die Schwalben oder Fledermäuse, welche durch die Mauerlücken schlüpften, in den unbewohnten Zimmern des sogenannten Schlosses zu nisten, allenfalls noch für Besuche gelten konnten, eine grosse Langeweile entstanden, die anfangs auf keine Weise sich beschwichtigen lassen wollte. Zwar malte er sich zur Unterhaltung seine Erwartung bestens aus, wie er bald als Geheimer Rat im höchsten Kollegio sitzen werde, neben sich den Herrn von Soundso und den Herrn von Daundda auf der Adelsbank, er stellte sich den Präsidenten lebhaft vor, und alle Besonderheiten des altertümlichen Konferenzsaals, er entwarf das Bild des Sessionstisches mit den grossen Haufen von Schriften und Papieren darauf, die er mit seinen Herrn Nachbarn nicht zu lesen habe, sondern welche von gelehrten und bürgerlichen Beisitzern durchzustudieren seien; aber als dieses Gemälde von ihm zum hundertsten Male im stillen vollendet und seinen zwei Angehörigen beschrieben worden war, wurde es ihm doch zu eintönig, und er sehnte sich nach anderer Beschäftigung. Diese versuchte ihm nun seine Tochter Emerentia zu gewähren, indem sie ihrerseits eine Schilderung zu liefern begann, wie Fürst Hechelkram, pseudonym Rucciopuccio geheissen, plötzlich eines Tages in einem rotlackierten Wagen mit sechs Isabellen bespannt, ankommen, einen schottischkarierten Läufer mit Blumenhut und seidenem goldbefranstem Schurz hereinschicken und anfragen lassen werde, ob Marcebille oder Emerentia, nach der er so lange