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mir mitunter eine Gütigkeit erwiesen haben."

Der klagende und sanfte Ton, womit der Patriotenkaspar dieses vorbrachte, flösste dem alten Schmitz Mut ein. Neugierig, wie er von natur war, empfand er ein Verlangen nach den Dingen, die einen Menschen bewegen konnten, über einen verschollenen Frevel zum Ankläger wider sich zu werden. Der Patriotenkaspar schwieg aber, senkte seinen blick und schien eine Aufmunterung erwarten zu wollen. Endlich sagte der Sammler: "Ich habe wohl vor Jahren davon gehört, dass ein Sohn des Hofschulzen plötzlich zu tod gekommen sei; es hiess aber damals, er sei mit der Stirn auf einen Stein geschlagen."

"Ja, so hiess es damals", versetzte der Patriotenkaspar. "Mit der Stirn schlug er allerdings auf einen Stein, und zwar auf diesen da, neben welchem ich stehe, allein nicht von selbst, sondern von einem anderen mit der Faust gegen den Stein gestossen, und wer ihn so lange mit der Faust gegen den Stein stiess, bis die Hirnschale zerbarst, das war ich."

"Also hatte doch jenes zweite alte Gerücht, was auch im stillen hie und da umherlief, recht!" sagte der Sammler. "Aber wie kam es, dass die geschichte nicht angezeigt und den Gerichten überwiesen wurde?"

"Das hängt mit diesem meinem ausgeschlagenen Auge, mit des Hofschulzen seinem Hochmut und mit dem Freistuhl da droben an jenem Berge zusammen", sagte der Spielmann.

Der Sammler versetzte: "Bringt Eure geschichte ordentlich und im Zusammenhange vor, Kaspar. Denn aus diesen zerstückelten Reden kann sich niemand vernehmen."

Der Patriotenkaspar erzählte hierauf an dem Mordsteine stehend, dem alten Schmitz, welcher ihm gegenüber an der anderen Seite des Kreuzweges stehenblieb, folgendes:

"Herr Schmitz, in den Geschichten, die ich da auf meinem Leierkasten feilhabe, kommen mitunter auch Sachen vor von Leuten, die ihresgleichen ächteten und von sich ausstiessen. Als zum Beispiel: einen trieben sie vor diesem aus, weil er gar zu gerecht war, und ein General wurde zu alten zeiten verbannt, weil sie ihm nachsagten, er mache den armen Leuten das Brot teuer, und dann gab es auch wieder einmal einen Herzog, der geächtet wurde, weil er seinen Freund nicht hatte verlassen wollen. Diese armen elendigen Verbannten führten ein jämmerliches Leben. Meistenteils ist zwar dergleichen nur bei grossen Herren und vornehmen Standespersonen vorgekommen, aber auch unter dem Bauerstande kann sich die Sache zutragen, und mit mir hat sie sich begeben.

Herr Schmitz, ich war zu meiner Zeit ein flinker, anstelliger Kerl und hatte mehr Witz als aller der Bauerpöbel hier herum zusammengenommen. Sah auch recht gut aus –"

"Ei", fiel der Sammler ein, "Ihr habt ja stets eine hohe Schulter gehabt, Kaspar."

"Das tut nichts", erwiderte der Patriotenkaspar, "demohnerachtet kann man doch schön aussehen. – Sah also recht gut aus, ehe ich das eine Auge verlor und in die Hungersnot versank, hatte was erlebt draussen als junger Mensch. Denn, wie Sie wissen, war ich dabei, als die alte Orange in Schoonhoven vermolestiert wurde und kam auch nach Gorkum und Nieuwpoort mit den Patrioten dazumal. Ich schor mich den Teufel um den Krimskrams hier unter den Bauerkerls, sagt' ihnen oft die Wahrheit über ihre Einfalt und es setzte schon gleich zu Anfang viel Streit und Wortwechselung mit ihnen. Es gab nie keinen Vertrag mit ihnen recht, denn sie konnten es mir nicht verzeihen, dass ich klüger war als sie und gewitzter. Also gut; wie ich meine vollen Jahre erreicht hatte, trat ich das Kolonat an, denn Sie müssen wissen, dass der Windkotten uns gehörte, mir und meiner Familie; ein recht hübsches Erb mit Feld, Baumgarten und Wiesenwachs, was nachgehends freilich parzelliert worden ist, und das Haus hat der Jude abbrechen lassen, der das Ganze zuletzt kaufte, so dass ich selbst kaum noch weiss, wo die Stätte gelegen hat.

Wie ich nun so Kolon und Hofesbesitzer war, da ging der rechte Verdruss erst an, Herr Schmitz. Denn ich konnte es gar nicht vertragen, dass die Grossen besser sein wollten, als wir Kleinen, und dass so ein Hofschulze es wie eine Gnade ansah, wenn er mit einem Kötter trank. Denn ich dachte: Ich baue so gut mein Feld, wie ihr, was habt ihr denn also voraus? Ich setzte mich also dreist zu ihnen, wenn ich im Kruge mit ihnen zusammentraf, ich sprach bei ihnen ungefordert ein. Wenn ich an einem der Grossen vorüberging, tat ich so als müsse er mich zuerst grüssen, und meinte, es wohl mit ihnen durchsetzen zu können. Aber, Herr Schmitz, man setzt dergleichen mit den Menschen nicht durch, denn man ist immer nur einer und sie sind viele, und das hält zusammen wie Pech und Schwefel. Grob behandelten sie mich, wenn ich sie besuchte, im Kruge rückten sie von mir weg, und wollte ich von ihnen auf Landstrasse und Nachbarweg zuerst gegrüsst sein, so lachten sie mir unter die Nase und keiner lupfte den Hut. Von allen aber war der Hofschulze im Oberhofe der Gröbste und Stolzeste und Schlimmste; denn er ist immer unmenschlich reich gewesen und hat grosses Ansehen von jeher gehabt.

Also, Herr Schmitz, den Hofschulzen nahm ich mir apart aufs Korn und dachte: Du sollst mir daran glauben. – Er hatte aber eine Tochter aus erster Ehe, denn drei Frauen hat