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alten Schmitz zu sprechen. Denn zu diesem hatte der gemiedene und geringgeschätzte Mensch eine Art von Verhältnis. Der Sammler hatte ihm manchen Groschen geschenkt und sah ihn nicht ungern. Weil der Patriotenkaspar überall umherstrich und -kroch, so war es ihm möglich gewesen, dem alten Raritätenfreunde hin und wieder eine nützliche Nachweisung zu erteilen, oder ihm auch wohl selbst irgendein seltsam geformtes Schnitzwerk zuzubringen. Der alte Sammler war daher auch der einzige, bei dessen Anblick in die arme und elende Brust dieses jämmerlichen Bettlers ein Gefühl drang, dass er doch nicht ganz und gar auf dieser Gotteswelt ein Ausgestossener sei. Für den alten Schmitz wäre er durchs Feuer gegangen, er, der sonst am vergnügtesten lachte, wenn anderen etwas recht Übles begegnet war.

Jetzt lauschte er hinter einer Wallhecke an einem feld des Oberhofes, ob er seinen alten gönner nicht allein ansichtig werden möchte. Als er ihn vorher in der Gesellschaft des Hofschulzen vorbeiwandern gesehen, hatte er nicht gewagt, ihn anzureden. Entdekken wollte er ihm etwas vorlängst Geschehenes, und ihn um eine sonderbare hülfe ersuchen. Nach langem Harren war ihm endlich die rechte Stunde dazu gekommen. – "Nun ich meine Lust gebüsst habe an dem alten Blutunde und er den Tort hoffentlich nicht verwindet, den ich ihm angetandenn es liegt wohl versteckt, tief versteckt, und das Dach wird er darnach nicht abdecken lassennun will ich auch mein Recht erleiden, wie recht ist", sagte er hinter seiner Wallhecke.

Der alte Schmitz kam vom Oberhofe zurück und ging vorüber. Der Patriotenkaspar begrüsste ihn und sagte: "Herr Schmitz, ich habe hier auf Sie gewartet, weil ich Ihnen etwas offenbaren wollte."

So verdriesslich der Sammler war; diese Anrede, in welcher er nur die Ankündigung eines Fundes für sein Kabinett zu hören glaubte, machte ihn aufmerksam. Er stand still und fragte: "Was ist es denn, Kaspar?" – "Nein", versetzte der Spielmann, indem er seinen Leierkasten über den rücken warf, "hier kann es nicht geschehen, sondern an Ort und Stelle muss es veroffenbart werden."

Er ging dem Sammler auf dem Wege, der nach dem hof des Schwiegersohnes führte, voran, bog jedoch einige hundert Schritte von diesem hof in einen Seitenpfad ein, der zwischen Erdwänden vertieft unter hohen Rüstern dunkel fortlief. Nicht weit hinein kreuzte den ersten Pfad ein zweiter. Er war noch dunkler, weil ihn noch höhere Bäume überschatteten.

An diesem Kreuzwege, der einsam und schauerlich zwischen den Erdwällen, Rüstern, zwischen Brombeergebüsch, Nachtschatten und Schierling lag, setzte der Spielmann seinen Leierkasten ab, bog einen Brombeerbusch zurück, so dass ein grosser Stein entblösst wurde, kniete vor dem Steine nieder und sagte dann, halb rückwärts nach dem Sammler gewendet: "Hier war's."

Der Sammler, welcher glaubte, der Patriotenkaspar werde dort etwas für ihn aus der Erde scharren, trat dicht zu ihm hin, senkte seinen Kopf, so dass er fast die Schulter des Knienden berührte und fragte eifrig: "Was? Was?"

Der Patriotenkaspar sah ihm, mit dem Auge unstet zwinkernd in das Gesicht und sagte heiser und gedämpft: "Hier habe ich einstmals des Hofschulzen seinen Sohn, den Fritze, totgeschlagen."

Ein Knabe, der von einem Strauche eben eine lekkere Beere pflücken will und dem Unversehens unter dem Strauche eine Natter mit funkelnden Augen entgegenzischt, kann nicht erschreckter zurückfahren, als der alte Schmitz bei dieser Eröffnung vor dem Patriotenkaspar zurückfuhr. Den blick starr auf ihn heftend und rückwärts vor ihm weichend, als fürchte er, einem geständigen Mörder seinen rücken preiszugeben, entfernte er sich bis in die entgegengesetzte Ecke des Kreuzweges. Dort blieb er stehen, den Patriotenkaspar immer in das Auge gefasst, unschlüssig, ob er nun sich wenden, so fortgehen und dadurch den gefährlichen Menschen aus seinem beobachtenden Blicke verlieren sollte.

Der Patriotenkaspar seinerseits richtete sich an dem Steine empor. Als er bemerkte, welchen Eindruck seine Worte auf den einzigen gönner machten, den er besass, nahm sein Auge einen wehmütigen Glanz an, und in der verwüsteten stimme zitterte etwas wie Trauer, als er so sprach: "Ach, mein lieber Herr Schmitz, warum fürchten Sie sich doch vor mir? Ich bin ja ein armer, zerlumpter, von Hunger entkräfteter Mensch. Sehen Sie, da kehre ich meine Taschen um, und es ist nichts darin, weder Messer, noch Hammer noch sonst etwas, womit ich Sie erstechen oder erschlagen könnte. Wenn Sie sich aber vor meinen Fäusten fürchten, so will ich da mit meinem Halstuche sie binden, so dass Sie ganz sicher sein können, dass Ihnen kein Leid von mir widerfährt. Ich wollte Ihnen bloss die alte geschichte erzählen und Sie um eine Güte und gefälligkeit bitten."

Der Sammler, der sich noch immer nicht zu fassen wusste, sagte: "Ich glaube. Ihr seid betrunken, Kaspar."

"Nein, Herr Schmitz, wüsste nicht, woher das kommen sollte, indem ich wenig genossen habe", versetzte der Patriotenkaspar. "Ich wiederhole Ihnen in der Nüchternheit: Hier habe ich des Hofschulzen seinen Fritze totgeschlagen. Es ist aber lange her und Gras ist darüber gewachsen. Indessen will ich mein Recht über diese Tat haben, denn nunmehr ist die Stunde dazu gekommen, nachdem ich meinem Feinde und Überwältiger den Tort getan habe, den er verdiente, und dazu suche ich Ihren Rat und Beistand, weil Sie ein Schriftgelehrter sind und