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Abend und mehrere Stunden der Nacht hindurch, erpicht auf sein Vorhaben. Und gleichwohl war dieses nicht auf ein grosses Verbrechen oder einen reichlichen Vorteil gerichtet; er wollte dem Hofschulzen weder seine Geldsäcke rauben, noch ihm das Haus über dem kopf anzünden, sondern nur ihm einen Schabernack anzutun übte der Feind des Reichen eine solche zähe Beharrlichkeit.

Gegen vier Uhr morgens endlich, als die Gegend noch im halben Dämmer lag, wurde die tür aufgestossen, ein Knecht kam herausgegangen um wasser zu holen und diesen Augenblick benutzte der Lauerer, um in das Haus zu schlüpfen. Er lief über den Flur und die Treppe hinauf, sich vorläufig zu verbergen und während des Tages, wann, wie er vorher wusste, der Oberhof von allen Bewohnern verlassen werden würde, mit seiner Beute zu entkommen.

Nachdem es heller Morgen geworden war, ging der Hofschulze, zwei grosse Geldsäcke tragend von dem oberen Teile des Hauses nach der stube unten neben dem Flure und hinter ihm drein ging der Schwiegersohn. Dort setzten sich beide schweigend, wie gestern bei allen wesentlichen Stücken der Hochzeit, an einen grossen Tisch. Jeder von ihnen öffnete einen Sack und zählte aus demselben dreitausend Taler in harten runden Talern auf. Es störte den Hofschulzen nicht, dass mehrere Hausgenossen und auch einige Nachbarn, welche sich schon im hof eingefunden hatten, vom Flure aus, oder in der tür der stube stehend, diesem Aufzählen zusahen. Vielmehr schien es ihm lieb zu sein, Zeugen bei dieser Handlung zu haben, die seinen Reichtum dartat, wie ein hin und wieder zur Seite geworfener stolzer und schmunzelnder blick andeutete. Das ganze Geschäft nahm wie es begonnen worden, seinen Fortgang und erreichte auch so seine Endschaft; nämlich beide Hauptpersonen redeten kein Wort miteinander während des Geldzählens. Als sechstausend blanke Taler auf dem Tische lagen und von dem Schwiegersohne sorgfältig nachgesehen worden waren, schrieb dieser stumm die Quittung über die empfangene Mitgift und reichte seinem Schwiegervater den Schein, ohne Dank zu sagen, hin, strich sodann das Geld wieder in die beiden Säcke ein und setzte sie zur vorläufigen Verwahrung in einen Wandschrank, der sich in der stube befand und von welchem er die Schlüssel zu sich steckte.

Der alte Schmitz hatte das Geschäft unterbrechen wollen und war mit der Äusserung, dass er nach der Stadt zurück wolle, vorher aber seine Sache mit dem Hofschulzen in Ordnung bringen müsse, zu diesem in die stube getreten. Der Hofschulze verweigerte jedoch heute wie gestern, ohne von seinen Talern aufzusehen, jede Einlassung, bis das ganze Pläsier, wie er sich ausdruckte, zu Ende sein werde, worauf er gern über alles und jedes zu Dienst stehen wolle. Denn zwei Sachen zu gleicher Zeit zu treiben, war nicht sein Ehrgeiz, er brachte immer erst eine vollständig zu ihrer Richtigkeit, ehe und bevor er eine andere angriff, und mit diesem Grundsatze war er zu den guten Umständen gelangt, in denen wir ihn kennengelernt haben. – Der alte Sammler entfernte sich verdriesslich und ging nach einem Stalle, worin er etwas hatte niedersetzen lassen, dessen Besitz jetzt seine Seele drückte. Er sah es unter wehmütigen Gedanken an und wünschte sehnlich das Ende des Pläsiers herbei, welches für ihn kein Pläsier war, weil es die Qual der Unentschiedenheit für ihn verlängerte.

Von der Regel, nur ein Geschäft zu derselben Zeit zu treiben, machte indessen der Hofschulze in betreff der kranken Blesse eine Ausnahme. Er begab sich ungeachtet der noch bevorstehenden Hochzeitvergnügungen zu dem Tiere, sah nach, ob ihm auch die Hausmittel gereicht würden, die er verordnet hatte, schaute es mitleidig an, schüttelte den Kopf, streichelte ihm sanft die Weichen und behandelte es überhaupt viel zärtlicher, als seine Tochter oder seinen Schwiegersohn. Leider schien diese Sorgfalt wenig zu verschlagen, da der Zaunpfahl die Kuh zu hart berührt hatte. Sie stöhnte noch erbärmlicher als gestern. Über den rotaarigen Knecht fühlte er den heftigsten Verdruss, denn er hatte dessen Gewaltsamkeit noch spät in der Nacht vor dem Schlafengehen erfahren. Sogleich hatte er dem Menschen den Dienst aufgesagt. Als er ihn daher jetzt ansichtig wurde, rief er heftig: "Was treibst du dich hier noch umher?"

"Ich wollte Euch nur fragen, Baas, ob es Euch ein Ernst gewesen ist mit dem Aufsagen?" versetzte der Rotaarige.

"Wenn ich aufsage, so heisst das Aufsagen und wenn ich nicht lache, so ist das kein Spass", erwiderte der Hofschulze.

"Es ist aber unrecht, dass wenn man den besten Willen hat zur Lustbarkeit und dafür sorgen will, dass alles recht schön wird, man aufgesagt kriegt", antwortete der Rotaarige.

"Wenn ich einer Kreatur, die in ihrer Unvernunft keinen Begriff davon hat, dass Hochzeit ist, die Rippen im leib kaputt schlage, so hilft das nicht absonderlich zur Lustbarkeit", versetzte der Hofschulze kaltblütig. – "Genug, du bist aus dem Dienste und kannst froh sein, dass ich dir nicht den Schaden vom Lohne abziehe, wie Rechtens wäre."

Der Rotaarige bat hierauf seinen gewesenen Herrn nur um die Vergünstigung, wenigstens noch ein paar Tage im hof bleiben zu dürfen, da es ihm gar zu despektierlich sei, gerade auf einer Hochzeit fortgejagt worden zu sein. Diese Erlaubnis gab ihm der Hofschulze, jedoch unter der Bedingung, dass er sich nicht in den heutigen Zug mische, denn er wolle ihn, sagte er, bei dem Pläsier nicht vor Augen haben. Der Rotaarige setzte sich mit einem giftigen Blicke auf einen Schemel im Flur