Bühne ging wegen Mangels an Gunst, Schutz und Geld unter, und so blieben denn jene Gedanken Träume.
Warum ich diese Saite hier berührt habe? Weil mir Ihr ganzes Bild vorschwebte und zu einem vollen Menschenleben die Entwickelungen und die Vereitelungen gehören. Wenn ich mit Ihnen Mund gegen Mund reden durfte, so hatten unsere gespräche immer einen Gehalt; eine gewöhnliche Dedikations-Epistel konnte ich Ihnen daher nicht schreiben. Nehmen Sie meine Worte auf, wie ich sie gemeint habe, und vor allen Dingen – leben Sie noch lange, leben Sie munter und kräftig fort, sich und uns zum Segen!
Düsseldorf, den 20. April 1839,
(an dem Tage, wo die letzten Seiten des "Münchhausen" zu Ende geschrieben wurden).
Immermann
Siebentes Buch
Das Schwert Karls des Grossen
Erstes Kapitel
Der Lendemain in einem Oberhofe
Während des Hochzeitschmauses und des Tages, der darauf folgte, hatte der einäugige Spielmann im Eichenkampe nicht weit vom Oberhofe gesessen. Man brachte ihm Speise und Trank dortin, er rührte aber nur wenig an und genoss auch dieses wenige mit Widerstreben, etwa so viel, als hinreichte, seinen wütenden Hunger zu stillen. Die Stelle, wo sich dieser Mensch aufhielt, lag kaum fünf Schritte von der Strasse ab, die durch den Kamp führte, sie war von den dicksten und höchsten Stämmen überstanden, deren einer mit seinen gewaltigen Wurzelknorren eine natürliche Brustwehr vor dem Erdreich bildete, welches hinter ihm in eine Vertiefung ablief, auf deren rand man bequem sitzen konnte.
Dort sass denn auch der Spielmann und sah beharrlich lauernd nach dem haus hinüber. Zuweilen erhob er sich mit halbem leib, um aufzustehen, und dies geschah, wenn sich eben niemand in der tür und im Flure des Oberhofes blicken liess, aber bei dem Abund Zulaufen der Menschen dauerte das immer nur einen Augenblick. Sobald wieder Menschen sichtbar wurden, setzte er sich immer wieder unwillig hin. Auch drehte er zuweilen heftig an seinem Leierkasten, worauf dieser widerwärtige Töne von sich gab, die pfeifend und heulend ausklangen. Darüber machten die Leute, die eben vorbeigingen (und es gingen viele an jenem Tage durch den Eichenkamp), ihre groben Spässe, und einer oder der andere sagte, der Patriotenkaspar pfeife aus dem letzten Loche. Doch äusserte sich so meistens nur das junge Volk, dessen Erinnerung den Spielmann bloss als eine lächerliche Gestalt kannte; die Alten bekümmerten sich hier so wenig um ihn als andererorten, wenn sie ihm zufällig begegneten. Die Spässe der jungen Leute liess der Patriotenkaspar ruhig und ohne Erwiderung an sich vorübergleiten, oder höchstens zwinkerte er dazu mit seinem unversehrt gebliebenen Auge. Ging aber ein Alter vorbei, der gar nicht tat, als ob er, der Patriotenkaspar, der die alte Orange in Schoonhoven mit hatte vermolestieren helfen, da sitze, so ballte er grimmig in dessen rücken die Faust und murmelte: "Ihr Schubjakken! Aber ich werde euren Obersten schon ..."
Was ihm am Tage misslungen war, nämlich in das Haus einzudringen, das meinte er, werde ihm in der Dunkelheit des Abends glücken. Aber er hatte sich getäuscht. Denn als es finster wurde, begannen ein paar Mägde vor dem haus ein Topfwaschen und Kesselscheuern, welches bis spät dauerte und ihn verhinderte, unbemerkt hineinzuschlüpfen. Als diese mit dem letzten Kessel fertig waren, hatten inzwischen zwei Betrunkene sich in die tür gestellt, wovon der eine dem anderen seinen Prozess klarmachen wollte, den er seit mehreren Jahren über eine Durchgangsgerechtigkeit führte. Der andere sagte nach jedem Satze seines Nachbarn: "Verstanden", und fragte darauf: "Wie war es aber eigentlich?" Der Prozessführende wiederholte dann seinen Satz, der andere noch einige Male sein verstehendes und fragendes Wort; so rückte die geschichte äusserst langsam vor, und es war kein Ende derselben abzusehen. Dabei hatten die beiden noch gerade so viel Besinnung, um jeden, der zwischen ihnen durch in die tür gehen wollte, mit heftigen Gebärden zurückzuweisen, weil sie, in die Prozessgeschichte vertieft, behaupteten, hier sei keine Durchgangsgerechtigkeit. Weshalb denn auch mehrere, die sich mit jener Absicht ihnen näherten, um Streit zu vermeiden, zurück und neben dem haus vorbei nach der Hoftüre gingen, der Spielmann aber die Ausführung des Vorsatzes, der ihn an seine Stelle fesselte, aufgeben musste, solange die Betrunkenen da standen. Endlich, es war schon Mitternacht, kam ein Dritter vom Flure nach der tür gegangen, fasste, ohne ein Wort zu sagen, die beiden von hinten am Kragen, zog sie zurück und in den Flur, schlug aber darauf sogleich die tür zu und verriegelte sie von inwendig. Sie wurde nachmals nicht wieder aufgetan.
Die Hochzeitgesellschaft verlor sich gegen ein Uhr nachts und der Oberhof lag nun in dunkelen Schatten still und lautlos da. Jetzt erhob sich der Spielmann von seinem Sitze und umschlich das Gehöft tückisch spähend wie eine Katze, um irgendwo eine offenstehende Lucke oder sonst eine vergessene Öffnung zu finden, durch welche er eindringen könnte. Aber es wollte sich nichts dergleichen finden, und als er an der niedrigsten Stelle der Hofesmauer sich bereitete, überzusteigen, erhoben die Hunde im hof ein solches Gebell, dass er befürchten musste, es möge jemand im Gehöfte wach werden. Er wich daher auf den Zehen und die Zähne zusammenbeissend zurück und ging wieder, seine Flüche verschlingend, nach der Sitzstelle im Eichenkampe, wo er nun ebenso hartnäckig in der Nacht ausharrte, wie bei Tage.
So sass dieser Mensch einen ganzen Nachmittag, einen