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Attest schreiben über wohlgeführte Administration; was mich betrifft, so gehe ich jetzt in das höchste Kollegium und werde Geheimer Rat."

Ach! aber als er nach dem höchsten Kollegio fragte, so war ein solches nicht mehr vorhanden, und als er nach den Fürsten von Hechelkram fragte, so sagte man ihm, die hätten längst aufgehört zu regieren, und als er sich bei dem Reichstage erkundigen wollte, wie er seine wohlhergebrachten Ansprüche durchzusetzen habe, so hörte er, das Deutsche Reich wäre schon vor soundso vielen Jahren einmal unversehens dem Kaiser unter den Händen weggekommen. "sonderbar!" rief der alte Baron, "wie ist das nur zugegangen?" Er versank in tiefes Nachdenken, und dachte mehrere Jahre lang darüber nach, wie nur das Deutsche Reich habe wegkommen, der Hechelkramische Fürstenstamm aufhören können, zu regieren, und wie es möglich sein sollte, dass er nicht mehr geborner Geheimer Rat im höchsten Kollegio sei? Für die beiden ersten Probleme fand er zuletzt noch eine Lösung, aber das letzte, das Geheimeratsproblem blieb ihm unlösbar, und deshalb kam er endlich auf den Gedanken, die gegenwärtigen Verhältnisse seien nur ein kurzer Übergang, die alte, gute Zeit stehe schon wieder vor der tür, und werde bald anklopfen. Mit diesem Gedanken erhielt er seine ganze Heiterkeit zurück. Er nahm sich vor, in der daraus entspringenden Überzeugung zu leben und zu sterben.

Inzwischen waren die Brillanten, Perlen, Roben und Spitzen der seligen gnädigen Frau vertrödelt worden, dann wurde das eiserne Gitterwerk von der Pforte abgebrochen und, benebst den Pflastersteinen des Hofplatzes, samt allen entbehrlichen Hausmobilien, nach und nach in Geld umgesetzt. Derweilen biss auch der Wappenlöwe in das Gras, darauf bröckelte der Bewurf von den Wänden, und dann wich die Giebelmauer gefährlich aus ihrer lotrechten Stellung, ohne dass eine Reparatur versucht werden konnte, weil die rohen Handwerksleute nur, wenn sie Geld sehen, Hand und Fuss regen.

Viertes Kapitel

Die blonde Lisbet

In dem nach und nach sotanerweise herabgekommenen sogenannten schloss Schnick-Schnack-Schnurr musste sich der alte Baron mit seiner Tochter Emerentia, die seit dem Eintritte in die stehenden Jahre so sehr an Fülle zunahm, wie die Mittel abnahmen, kümmerlich und einsam behelfen. Die Jagd hatte natürlich aufgehört, weil die Waldgründe verschwunden waren, in denen dieses Vergnügen sich betreiben lässt, und an Spiel war auch nicht mehr zu denken; man hätte um Rechenpfennige die Stiche machen müssen. allmählich waren daher auch die Freunde seltener geworden, zuletzt blieben sie ganz aus, waren auch wohl zum teil gestorben. Vater und Tochter hätten sich am Ende den Kaffee und die spärlichen Mahlzeiten selbst bereiten müssen, denn auch die Bedienten und Mägde schlichen sich allgemach aus Mangel der Bezahlung weg, wäre diesem dürftigen und zusammensinkenden Haushalte nicht eine Stütze in der blonden Lisbet erwachsen, welche, sobald sie die hände zu Dienstleistungen zu regen imstande war, dem alten Baron und dem fräulein wie die geringste Magd aufwartete, kochte, wusch, säuberte, dabei aber immer hold und freundlich aussah, und wenn sie das Schwerste verrichtet hatte, so tat, als habe sie nichts getan.

Die blonde Lisbet war ein Findelkind. Ein altes Weib hatte einst vor Jahren eine grosse Schachtel, mit kleinen Löchern versehen, auf das Schloss gebracht, sie einem Bedienten übergeben, und ihm gesagt, darin sei ein Geschenk für den Herrn, welches ein guter Freund schicke. Indem nun der Bediente die Schachtel zu dem gnädigen Herrn hineintrug, fing das Geschenk darin an, sich zu regen, und ein feines Geschrei zu erheben. Der Mensch hätte es bald vor Schreck zu Boden fallen lassen, besann sich indessen doch, und setzte die Schachtel vorsichtig auf einen Tisch in des gnädigen Herrn Zimmer. Der alte Baron öffnete den Deckel, und ein kleines Mägdlein von höchstens sechs Wochen streckte ihm aus den Lümpchen, womit der arme Wurm kümmerlich bekleidet war, wie hülfeflehend die Ärmchen entgegen, indem die kleine Kehle sich wacker in den ersten Lauten übte, welche die Menschheit von sich gibt.

übrigens lag das Kindlein weich in Baumwolle gebettet. Sonst aber fanden sich durchaus keine Amulette, Kleinodien, Kreuze, versiegelte Papiere, welche auf den Ursprung des kleinen Wesens hindeuteten, und ohne welche ein wohlkonditionierter Romanenfindling sich eigentlich gar nicht sehen lassen darf. Kein Mal unter der linken Brust, kein eingebranntes, oder eingeätztes Zeichen am rechten arme, von welchem sich dermaleinst im Schlafe das Gewand verschieben konnte, dass jemand, der zufällig die Schlafende sieht, Soupçon bekommt, und weiter nachfragt, wie? oder wann? und so fortkurz nichts, gar nichts, so dass mir selbst um die Wiedererkennung bange wird.

Nur ein graues Blatt Papier lag in der Schachtel, mit der Nachricht beschrieben, dass das kleine Mädchen christlich getauft sei und Elisabet heisse. Die Worte waren kaum leserlich; der Schreiber hatte offenbar seine Hand verstellt. Ringsumher in den Ecken des Blattes wimmelte es von Buchstaben, Krähenund Krackelfüssen, die aber trotz aller Bemühungen, sie zusammenzustellen, sich denselben ebensowenig fügten, als die Charaktere, welche auf dem Papiergelde sich zerstreut vorzufinden pflegen. Dieses Blatt war um einen Zylinder geschlungen, welcher zwei optische Gläser einfasste. Der alte Baron nahm den Zylinder, blickte durch das Okularglas, richtete das Perspektiv gegen das Freie, um sich die Erläuterung des Fundes aus der Luft zu holen, aber soviel er auch richtete und durchblickte, er bekam nichts, als blaue Luft und verworren-schwimmende Gegenstände zu sehen.