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? Folgt mir nach der Schenke!"

"kommt sie?" flüsterte Münchhausen leise mit hohler stimme.

"Wer?"

"Sie! Der böse Feind. Hu! – An den Röcken kennt man sich wieder, wenn die Gesichter unkenntlich geworden sind. Warum zog ich meinen roten Rock an, warum ging das Rosakleid nicht verloren und der grüne Schuh und der Paradiesvogel? – Abscheuliche Erinnerung!"

"Welche Erinnerung?"

"Die! – Erinnert Euch an heute morgen! Einen Punkt gibt es im Leben jedes Menschen, an den darf man nicht rühren, sonst wird der Mensch toll. Eine Gestalt gibt es, wenn die kommt und sich an den Pfeiler Laran gegenüber stellt, und nichts weiter sagt als: 'Er ist's!' so kann Lara sich nicht mehr zufriedengeben. Eine Gans zu belügen und zu verführen, um Geld zu kriegen und dann hören zu müssen, die Gans sei kahl, gerupft! Puh! einzige Sünde meines Lebens! Abbüssen wollte ich sie durch tausend bussfertige uneigennützige Lügen! – Umsonst! Die Gans erscheint wieder. Armer Münchhausen! Wie herrlich standest du da noch vor drei Stunden! Münchhausen war gross, Münchhausen war ein Held, denn Münchhausen hatte selbst die Feigheit überwunden und wollte sich schiessen. Und so zertrümmern zu müssen!" –

"Man wird Euch ja wohl vor Angriffen und Zudringlichkeiten schützen können", sagte der Schriftsteller, der nun allgemach den Zusammenhang begriff.

"Wer? Schützen? Nein!" antwortete der Freiherr todesmatt. "Du kannst dich vor dem Lichte verbergen, du kannst eine Höhle finden vor dem Orkan, wenn er dahersauset, und bückst du dich beizeiten, so fährt die Kanonenkugel über dich hin, aber du kannst dich nicht verstecken vor einem tollen weib, das dir nachläuft. Sie hat mich ausgewittert, sie wird mich finden allerorten. Es gibt Vorurteile in der Welt. Man soll heiraten, wen man ... Sie heiraten! Schrecklicher Gedanke!"

Der Schriftsteller dachte: "Ich hoffe, der Ehrgeiz soll auf ihn wirken." Er sagte daher: "Münchhausen, der Erbprinz erwartet Euch." – Aber mit einer vielsagenden Gebärde nahm der Freiherr aus der tasche seiner Uniform den Brief jener hohen person und zerriss ihn. Der Schriftsteller, den diese symbolische Handlung äusserst betroffen machte, fragte ihn, was er denn nun eigentlich vorhabe, was er beginnen wolle?

"Verdampfen! Verduften! Verschwinden!" sagte der Freiherr. – "Ihr seht mich nie wieder, Ihr hört nichts mehr von mir. Lebt wohl! Mein Tagwerk ist getan. Lasst uns wie Männer scheiden! Keine Träne bei diesem Abschiede! – Sie werden mir nachzupfuschen suchen, aber Ihr werdet, das weiss ich, ewig Euren Freund vermissen."

Sein Kurator suchte alle Gründe hervor, womit ein Mann, der sich in heiler Haut weiss, den Leidenden überzeugen zu können glaubt, dass es die Pflicht des Leidenden sei, nicht zu leiden. Er erinnerte ihn an die Aufgabe, die das Leben jedem zu lösen gebe, nämlich sich zusammenzunehmen und unter allen Umständen gefasst zu bleiben. Er sprach von Cato, Sokrates und von anderen grossen Männern des Altertums, er sagte ihm zuletzt, eine feuchte und kalte Krypte sei wenigstens auf keinen Fall der Ort, um lange darin ohne Schnupfen und Husten zu verweilen.

"Nun denn!" rief Münchhausen, dessen Lebensgeister noch einmal wild aufzuspringen schienen, "so will ich eine neue Religion stiften und Ihr sollt Ali sein, der erste der Gläubigen. Bringt Wein her, feurigen Wein, schäumenden Wein, wir wollen den Manen des Toten da am Kreuz eins zutrinken!"

Der Schriftsteller trat drei Schritte zurück. – "Nein, das wollen wir hübsch bleiben lassen!" rief er so tönend, dass es durch das Gewölbe hallte. "Alles muss seine Grenzen haben."

"Wofern Ihr das nicht wollt, so verschafft mir wenigstens einen Mantel und einen Hut, damit ich mich anständig sehen lassen kann", sagte der Freiherr.

Der andere wandte sich, stieg aus der Krypte empor, um das Begehrte herbeizuschaffen. Er war jedoch kaum oben angelangt, als er ein heftiges Getöse unten vernahm. Es war, als ob Steine von ihrem Orte gebrochen würden und dann schollernd niederfielen. Sogleich eilte er, schlimmer Ahnung voll, in die Kluft zurück. Münchhausen war von seinem Sitze verschwunden. Der andere sah sich um; nirgends war er zu erblicken. Er rief; es erfolgt aber keine Antwort. Er suchte hinter den Pfeilern, in den Seitennischen hinter den Grabmälern, bei den Steinhaufen; vergebens! Der Freiherr hatte sich nirgends versteckt.

Nach der Schenke zurückgekehrt, bewog er einige Bauern, ihm mit Laternen und Windlichtern zu folgen. Bei deren Scheine wurde nun eine zweite sorgfältige Nachsuchung vorgenommen. Umsonst! man forschte nach einem geheimen Gange aus der Krypte, aber diese zeigte sich, wohin man leuchtete, umschlossen, auch wollten die Bauern von einem solchen nie etwas gehört haben. Man prüfte endlich mit Stökken und Hacken das Pflaster und Gemäuer, ob es nicht irgendwo losgebrochen und nur notdürftig wieder zugesetzt sei. Pflaster und Gemäuer waren überall fest. Diese vergebliche Arbeit dauerte über eine Stunde. Endlich musste man von ihr abstehen. Münchhausen war und blieb auf unbegreifliche Weise verschwunden.

Vierter teil

An Ludwig Tieck

Sie schrieben mir vor einigen Monaten und sprachen mir Ihre Freude über den ersten teil des "Münchhausen