1836_Immermann_045_236.txt

Er ging.

Der Oberamtmann blickte ihn nach. – "Wäre doch kein Mann für mich", sagte er nach einer Pause. Auch er ging, sein Buch in der tasche, die Galanterie für Clelia und die Elberfelder Assise im Herzen.

Auch die Bauern erhoben sich und wollten gehen, desgleichen der Chirurgus. Da kam aber der Ehinger Spitzenkrämer in das Zimmer gestürzt und rief überlaut: "Wisst's was Neues? Wisst's was Neues? Ja, wann die Ehinger nit wären, ihr erführt euer Lebtag' nichts Neues."

"Was ist denn vorgefallen?" fragten die Bauern.

"Vorgefallen? Nichts vorgefallen, eingefallen ist was. Das alte Schloss da droben eine halbe stunde' von hier ist eingefallen in eurem wüsten Wind und Wetter hierzuland'. Ein Mann, der am Dorf vorbeilief, sagt' es mir soeben! O wenn mein Captain Gooseberry nur nicht noch darin verweilt hat!"

"Zum Henker!" riefen die Bauern, "das ist ja ein vertrackter Streich. Wenn nur der alte Herr Baron nicht darunter zu Schaden gekommen ist! kommt alle hin!" – Sie brachen stürmisch auf, die einen, um zu helfen, die anderen aus Neugier.

Der Chirurgus war tiefsinnig in der Mitte der stube stehengeblieben, den Finger an die Nase gelegt. – "Wollt Ihr nicht mit?" fragte der Ehinger, der noch einmal zurückkam. "Ihr könnt vielleicht Hülf' schaffen."

"Allerdings", versetzte der Chirurgus, und brachte den noch von früherer Zeit heraushangenden Busenstreifen in Ordnung. "Trepanieren oder zum wenigsten sezieren. – Aber, Freundschaft, lasst uns langsam nachgehen, denn der Schutt muss doch erst hinweggeräumt werden, bevor die Lebendigen oder zum wenigsten die Toten herauskommen. – übrigens kann dieses anscheinliche grosse Unglück eine sehr nützliche allgemeine Hauptveränderung bei dem alten Herrn Baron hervorbringen."

"Wie das?" fragte der Ehinger.

"Freundschaft, passt auf. SturzFall auf einen harten KörperSchock! Pia MaterRevolution im CerebellululoLebensgeister in AufruhrBefreiungGegenschock! – Ich sage nichts weiter." Womit soll ich dich vergleichen, alte närrische Erde? Bist du ein Käse, auf dem Milben umherkrabbeln? Bist du ein Schachbrett, auf welches eine unsichtbare Hand die Figuren nach einer gewissen Ordnung und Regel stellt, und wo dann der grosse Spieler sie planvoll Zug und Gegenzug machen lässt, weil er mit sich selber die geheimnisvolle Partie spielt? Oder bist du ein Mittelding von beiden, ein schönes, getäfeltes, blankgebohntes Parkett, auf dem bei dem Schalle der Flöten und Geigen reizende Mädchen und hübsche Jünglinge den Cotillon tanzen, den reichen, tourenunerschöpflichen Tanz, und alte Herren umherstehen, und zärtliche verwelkte Mütter umhersitzen? Niemand weiss, ob ihn nicht eine Schöne in einer artigen Kaprice, wie das launenvolle Glück, holt, auf dass er mit dem holdatmenden Glücke noch eine unerwartete Runde durch den Saal mache; und andere, welche meinen, ihnen könne es nicht entgehen, bleiben ungeholt. – Plötzlich zerstört ein ungeschickter und übersehener Stuhl die künstlichsten Reigen und manche zärtliche Mutter wird unversehens auf den Fuss getreten, und die alten Herren wissen nicht, wohin sie sich vor einer improvisierten wilden Promenade der Jugend retten sollen. Mänadisch raset der Schwarm bis in die fernsten Seitenzimmer, und die Whisttische werden umkreiset; einen Augenblick sehen runzlichte Gesichter aus Galakleidern von der gemalten Coeurdame auf nach den lustklopfenden Busen der tanzenden Mädchen und zwei Tiefdenker, die Punsch trinken und philosophieren über schwerbewegliche Dinge, sind gestört und versenken sich in die Betrachtung leichtgeschwungener Gliedereinen Augenblick nurdie Jugend promeniert nach dem saal zurück und Robber und Philosopheme nehmen wieder ihren Fortgang.

Ja, alte närrische Erde, du bist kein milbentragender Käse, du bist auch kein quadriertes Brett für streng berechnete Züge. Du bist das Parkett, auf dem wir im Cotillon geholt werden, oder stehen bleiben nach Damenlaune, auf dem die alten Herren ins Gedränge kommen und die zärtlichen Mütter vor Schmerz über ihre gemisshandelten Füsse zuweilen aufschreien möchten, auf dem hölzerne Stühle den schönsten Reigen zerbrechen können, auf dem der Übermut der Jugend zwischen die Karten und Argumente der Gala und Philosophie fährt, auf dem plötzlich alles auseinanderläuft und sich ebenso plötzlich alles wieder zusammenfindet! – "Ist es möglich? bin ich verzaubert heute? oder bist du es wirklich?" rief der junge Graf Oswald, der jetzt den Kamm des Gebirges wieder erreicht hatte einen Menschen in blauem Kittel und Holzschuhen an, der ihm entgegenkam, ein grosses Bund Heu auf dem Rükken.

Der alte Mensch sah auf, liess zwar das Bund Heu sinken, gab aber sonst kein Zeichen lebhafter Verwunderung von sich, sondern sagte bloss: "Ei, da sind Sie ja! Ich dachte' wohl, dass Sie mich nicht sitzenlassen würden." – Darauf küsste er seinem jungen Gebieter freundlich die Hand.

"Jochem, bist du's, oder bist du's nicht?"

"Ja freilich bin ich's, mein Herr Graf."

"Aber um des himmels willen, wie kommst du denn hieher, und was treibst du hier? Und warum suchtest du mich denn nicht auf?" – Er legte seine Hand auf den Kittel des Alten, gleichsam um sich durch das körperliche Gefühl zu überzeugen, dass ein wirklicher Mensch vor ihm stehe.

Der Alte liess sich ruhig befühlen, ehe er antwortete. Denn er gehörte zu