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, als dieses bei der Geschäftslast zu haus möglich ist."

Clelia summte halb singend zwischen den Lippen:

Niemals ward ein edler Bote

So bedient von Damen süss

Als der grosse Don Quixote,

Da er das Kastell verliess.

Ihr Gemahl biss sich auf die Lippen und alles sah dem Ausbruche eines Gelächters über den armen Oberamtmann ähnlich, als dieser sich mit grossem Ernste zu der jungen mutwilligen Dame wandte und sagte: "Gnädigste Frau, wenn Sie mich für eine Art von AktenDon Quixote halten, dem das württembergische Landrecht überall seinen Oberamtsbezirk phantasmagorisch zeigt, so erlaube ich mir, Ihnen zu erwidern, dass der Ritter von La Mancha in seinem Wahne von einer Zeit der Grossmut, Tapferkeit und Courtoisie in einer nüchternen Gegenwart durchaus nicht geringzuschätzen war, und dass daher, wer jetzt in dieser zerfahrenen, reisenden, umherrennenden Zeit nur in einem Dinge, und sei es auch nur das württembergische Landrecht und ein Oberamtsbezirk, zu haus sein mag, keinesweges zu den schlechtesten Staatsbürgern gehören dürfte."

Auf diese komisch-feierliche Anrede streifte die junge Dame den Handschuh von ihrer weissen Hand, hielt diese zum Kusse dem Geschäftsmanne hin und sagte: "Ich vergebe Ihnen, denn eigentlich blutet Ihnen doch das Herz, Ernst, wenn Sie sich so rauh gegen mich anstellen, was Sie freilich meines Gemahles wegen tun müssen, um ihn nicht eifersüchtig zu machen, da man ja weiss, dass ich immer Ihre stille Liebe war."

Solchen plötzlichen Wendungen war er nicht gewachsen und wusste ihnen um so weniger zu stehen, als es ihm immer besonders wohl tat, wenn man ihn für eine zärtliche natur hielt. Er beugte sich daher auf Clelias Hand, küsste sie nicht ohne Ausdruck, sah ihr gedankenvoll in das schöne, blühende Antlitz, seufzte und lachte dann plötzlich, wie in tiefer Zerstreuung, auf. In dieses lachen waren nunmehr die jungen Gatten einzustimmen berechtigt und so endete der ganze Einhergang lustig.

Der Kammerdiener meldete, dass der Oberhof nur wenige Stunden entfernt sei. Clelia aber, die noch bis vor kurzem ihr Vergnügen geäussert hatte, den Vetter mitten aus den Bauern herauszuholen, änderte jetzt plötzlich, was ihr täglich zu öfterem begegnete, ihre Meinung, hielt es für schicklich, nach der Stadt zu fahren und Oswald dahin bestellen zu lassen. Wie hätte der junge Gemahl, der nichts als Glut und Zärtlichkeit war, wie hätte der geheime zärtliche alte Anbeter widerstehen können? So schwebte denn die kleine volle Gestalt, die ein braunseidener Überrock knapp umschloss, am arme des Gemahls graziös zur tür hinaus und zeigte, als die Männer ihr die Hand zum Einsteigen boten, das zierlichste Bein über dem feinen fuss. Der Oberamtmann erklärte, als er einsteigen sollte, dass er nach der Stadt gehen wolle, weil er um diese Stunde daheim sich seine Motion zu machen pflege. Der junge Kavalier konnte kaum einen Ausruf des Entzückens bei dieser Nachricht, die ihm den Wagen ungeteilt mit seiner Dame versprach, unterdrücken. Sie sah errötend mit halbgeöffneten Lippen vor sich hin, er stieg zu ihr ein, legte ihr aufmerksam die Boa, welche heruntergefallen war, um Schulter und Leib, und die beiden Glücklichen, deren ganzes Wesen in süsser, süddeutscher Sinnlichkeit schwamm, rollten davon.

Auch der Oberamtmann kehrte in erhöhter Stimmung nach der Schenkstube zurück, um sein Buch zu holen. Er pfiff sogar für sich ein Stückchen aus der "Zauberflöte", worüber er jedoch erschrak, als er es hörte. Inzwischen war der Mann im braunen Oberrock aus der Krypte wieder nach der Schenke gekommen und erkundigte sich in der stube ungeduldig bei dem Wirte, ob noch kein Freiherr von Münchhausen dagewesen sei und nach ihm gefragt habe. Auf die verneinende Antwort des Wirtes, der sehr einfältig zu sein schien, gab ihm der Schriftsteller, der nicht gern in der Schenke warten, sondern sich durch einen abermaligen gang die Zeit vertreiben wollte, seine Karte, damit kein Missverständnis und keine Namenverwechselung vorfallen möge. Der einfältige Wirt, der nicht lesen gelernt hatte und vermutlich glaubte, dass ein dritter unparteiischer Zeuge in dieser dunkelen Angelegenheit das beste Licht verbreiten könne, reichte die Karte dem Oberamtmanne mit der Bitte, sie ihm zu entziffern. Dieser las was darauf gedruckt stand, und musterte dann den Fremden, zu dem ihn schon bei dem ersten Sehen eine gewisse Sympatie hingezogen, mit glänzenden Blicken. Der Blitz von Galanterie, der bei dem Kusse auf Clelias Hand sich in seinem Herzen entbunden hatte, fachte die geschäftliche Begeisterung nur noch mehr bei ihm an. Er fragte den anderen rasch und leidenschaftlich: "Wissen Sie vielleicht, ob in einem der Orte weiter abwärts von Köln gegenwärtig Assisen gehalten werden?"

Der Gefragte stutzte, besann sich und versetzte: "Assisen? Gegenwärtig? Weiter abwärts? Ich weiss nichtdoch jawenn mir recht istich erinnere michin Elberfeld können sie bald im gang sein."

"Elberfeld? Wie weit von hier?"

"Acht bis neun Meilen."

Der Oberamtmann schnippte wie ein Knabe der erfährt, dass keine Schule heute sei, mit den Fingern und rief fröhlich: "So kann ich ja wahrhaftig doch noch so glücklich sein, einer Assise beizuwohnen."

Der im braunen Oberrock setzte jetzt abermals seine Brille auf, legte die hände auf den rücken, trat dem Oberamtmanne dicht unter die Augen, zog seine Brauen zusammen, sah ihn scharf an und sagte darauf: "Glückselig, mein Herr? – Sonderbarer Schwärmer!"