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noch länger die Ehre des Zusammenseins mit ihr zu haben.

Nach der Klippe, die in der Nähe dieser Schenke über einem rauschenden Waldbache hing, mitzugehen, hatte er natürlich auf das entschiedenste und höflichste abgelehnt, sich vielmehr während des Aufentalts zu seiner Lektüre niedergesetzt. Diese brachte in ihm stets eine Art von Rausch hervor. Er fühlte sich immer, solange er in dem württembergischen Gesetzbuche las, oder unmittelbar nach der Lesung der Gegenwart und Umgebung entrückt. Dadurch hätte er heute fast eine unangenehme Szene haben können.

Die Erscheinung des Fräuleins zog ihn nämlich eine Zeitlang von dem buch ab. Er betrachtete ihren Anzug, er hörte ihre Reden und seine Meinung hatte sich bald festgestellt. nachher vernahm er von den Gesprächen der Bauern und des Chirurgen wenig oder nichts, denn er wünschte die Materie zu Ende zu lesen, bei deren Erwägung ihn jener sonderbare Auftritt gestört hatte. Als dieses geschehen war, stand er auf, ging zu dem Haufen und fragte mit Würde, indem sein Auge den Chirurgen als einen Nichtlandmann herausgefunden hatte: "Ist hier niemand unter euch, der eine Art von Amt bekleidet?"

Die Bauern, die bisher nicht auf ihn geachtet hatten, betrachteten ihn jetzt aufmerksam und neugierig. Schon seine Bekleidung musste ihre Verwunderung erregen, denn eine dergleichen war in dieser Gegend noch nicht gesehen worden. Er trug nämlich gegen Regen und Staub einen sogenannten Mackintosh, welcher offenstehend, dem mann das Ansehen einer Vogelscheuche, zugeknöpft aber die Gestalt einer Wurst gibt. Der Oberamtmann hatte ihn zugeknöpft und sah daher aus wie eine Wurst. Dieser Rock und die plötzliche Frage machten die Bauern stutzen; sie stiessen einander an, flüsterten, aber niemand gab eine Antwort.

"Ist hier niemand unter euch, der eine Art von Amt bekleidet?" wiederholte der Oberamtmann, schärfer betonend.

Der Chirurgus trat vor, denn seine Ehre erlaubte ihm nicht, auf eine so bestimmte Frage anonym zu bleiben. Er war sich zwar bewusst, keinerlei Staatsexamen gemacht zu haben und mitunter in Notfällen auch zu rasieren; das schadete aber dem Gefühle seiner Würde nicht und trotzig, das Chemisett aus der Weste zerrend, sagte er: "Allerdings habe ich ein Amt in dieser Gemeine, nicht eine Art von Amt, sondern ein Amt."

"So geht, Freund, jener person nach und bringt sie zum Vorsteher, damit sie nach ihren Papieren befragt werde, denn ihr Anzug und ihr ganzes Betragen war höchst auffallend, und das Passreglement schreibt vor, auf solche verdachterregende Inividuen überall Augenmerk zu haben."

"Freundschaft", versetzte der Chirurgus mit dem landüblichen Ausdrucke, "ich verstehe Euch nicht."

Der Oberamtmann, welcher sich weit aus Westfalen entrückt wähnte, rief zornig: "Ich sage Euch, Ihr sollt mit jener person zum Gemeinevorsteher gehen."

"Freundschaft", erwiderte der Chirurgus, "wenn Ihr etwas beim Vorsteher zu suchen habt, so geht selbst zu ihm." – Die Bauern murrten und drängten sich halb lachend und halb ergrimmt näher.

Der Oberamtmann, der vom Schwarzwalde her die Mittel kannte, widerspenstige Eingesessene zum Gehorsam zu bringen, warf rollende Blicke im Kreise umher und rief mit starker stimme: "Wisst ihr, wer ich bin?"

"Ihr seid nicht recht klug, Freundschaft", fuhr der Chirurgus heraus, der in so starker Gesellschaft einen ausnehmenden Mut besass. – Sich vergessend, trat der Oberamtmann auf ihn zu, die Hand erhoben, die Bauern aber drängten sich tumultuarisch zwischen beide, der Chirurgus sah in solcher Verschanzung sehr giftig und tollkühn aus, ein Bauer fing die aufgehobene Hand des Oberamtmannes, zwei andere zerrten hinten an dem Mackintosh, so dass die Figur des Oberamtmanns dem Schmetterlinge zu gleichen begann, welcher der Trauermantel heisst, die anderen liessen bedrohliche Gebärden sehen, und die wildeste Unbill stand bevor, wenn nicht in diesem verhängnisvollen Augenblicke das junge Paar die stube betreten hätte.

Clelia hatte auf einen Augenblick ihre Laune eingebüsst und sich schüchtern hinter den Gemahl gestellt. Dieser rief den Bauern einige freundlich begütigende Worte zu, und da sie schon wussten, dass er ein Vornehmer war, so liessen sich die Leute auch sogleich beschwichtigen. Die Hand des Oberamtmannes wurde ihrer Haft entlassen. Der Mackintosh bekam ebenfalls seine Freiheit wieder, die Bauern setzten sich still in eine Ecke. Nur der Chirurgus drohte noch einige Male von fern mit der Faust.

Clelia sass bei dem buch und sah lächelnd nach dem Oberamtmanne, der verlegen und verdriesslich im Zimmer auf und nieder ging. "Um des himmels willen, was hatten Sie denn hier vor?" fragte ihn der junge Kavalier leise.

"Diese Schelme versagten mir den Gehorsam, als ich einen zu dem Gemeinevorsteher schicken wollte", polterte der Oberamtmann.

"Aber, mein Gott, Freund, wir sind ja nicht im Schwarzwalde", sagte sein Reisegefährte lächelnd.

Hier schien der eifrige Beamte erst wieder ganz zu sich selbst zu kommen. Er warf einen bestürzten blick auf sein Buch, wurde etwas rot und stotterte: "Man kann sich wohl einmal vergessen, wenn man sich in eine Materie vertieft hat." – Er wollte das Buch nehmen, der Kavalier kam ihm aber zuvor, las den Titel und rief verwundert: "Wie? Sie studieren gar auf der Reise in Ihrem Gesetzbuche?" – "Ich habe es allerdings mitgenommen", versetzte der Oberamtmann, "um in müssigen Stunden, deren es auf Reisen manche gibt, einige schwierige Punkte darin reiflicher zu überdenken