österreichischen Erblanden getroffen, von ihm erfahren, dass auch er eine Rheinreise anzustellen im Begriff stehe und ihm sogleich einen Platz in ihrem Wagen angeboten. Der junge Ehemann machte zwar über diesen Zeugen seiner Flitterwochen ein etwas verdriessliches Gesicht, die junge Dame spürte einen Augenblick später aus gleichem grund eine leichte Reue, aber Verdriesslichkeit und Reue kamen zu spät, denn der ernste Mann hatte das liebenswürdige Erbieten schon angenommen. Man musste sich also zusammen auf den Weg begeben und ineinander zu schicken suchen, wie es gehen wollte. Nicht wenig lachte die junge Dame, als sie erfuhr, welches der eigentliche Reisezweck ihres Begleiters sei. Sie meinte, es sei wunderseltsam, dass die Vernunft hinter der Torheit herjage, das Einholen sei zweifelhaft, denn die Vernunft habe Elefantenfüsse und die Torheit federnde Sohlen. Und als er über diese leichten Reden ein verstimmtes Gesicht machen wollte, so hatte sie mutwillig gerufen: "Was gilt die Wette, dass Sie der einzige von uns allen sind, welcher auf dieser Reise Schwabenstreiche begeht?"
Nie war eine verschiedenartigere Gesellschaft zusammen auf Reisen gewesen. Die jungen Gatten wollten immer weiter, immer weiter, in Mainz sprachen sie von Rotterdam, in Koblenz von Amsterdam, in Köln sprach der junge Kavalier von England, was besucht werden solle, seine Dame rief: "Nein, Schottland muss ich wenigstens sehen!" – Der ernste Begleiter sehnte sich dagegen schon nach den ersten zwanzig Meilen in seine Amtsstube zurück. Den jungen Gatten war kein Turm zu hoch und kein Felsen zu steil, sie mussten ihn erklimmen; er blieb dagegen meistenteils unten, und suchte sich so leidlich als möglich im Tale auf seine eigene Hand zu unterhalten. Wenn die Dame nun davon hörte, so kannte ihre Munterkeit keine Schranken. Doch waren ihr und dem Gemahle die besonderen Neigungen, denen ihr Gefährte unterweges nachging, nicht gerade unlieb, denn er störte sie deshalb weniger, als sie anfangs befürchtet hatten.
Dieser Mann besass ein sehr ehrliches, wohlgebildetes, aber etwas aschgräuliches Gesicht, und zwischen Nase, Wangen und Kinn die Runzel, welche man die Aktenrunzel nennen kann. Er mochte in der Mitte der Dreissig stehen, sah jedoch viel älter aus. Er gehörte zu einer Klasse von Reisenden, die Yorick nicht in der "Vorrede im Désobligeant" aufzählt, und die immer mehr ausstirbt; er war der Geschäftsmann auf Reisen.
Der Oberamtmann Ernst vom Schwarzwalde – denn so wird er wohl heissen–hatte unterwegs nur Gedanken an sein Amt, an seinen alten Aktuarius und an die gelb angestrichenen Schränke seines Archives. Ihn verliess der Ärger darüber nicht, dass er es bei seiner Oberbehörde nicht hatte durchsetzen können, die Formulare zu den gewöhnlichen Expeditionen litographieren lassen zu dürfen, wodurch nach seiner innigsten und pflichtmässigsten Überzeugung nicht allein Zeit, sondern selbst Aufwand an Kosten erspart werde; ein Punkt, der ihm beinahe das Herz abstiess, denn, pflegte er für sich zu sagen, wenn der Unverstand zu breit regiert, so wird er dem ruhigsten Staatsbürger unerträglich. – Gern wäre er schon bei Frankfurt wieder umgekehrt, und nur die Vorstellung, dass diese Reise ein Geschäft sei, hielt ihn bei ihr fest. Ihr Ende wünschte er jedoch mit sehnsucht heran.
Indessen sollte sein Beharren doch auch einen Lohn empfangen, der ihn einigermassen schadlos hielt für die Felsen, Burgen, Kirchen, Sammlungen, die er, wie er vielleicht nicht ganz unrichtig bemerkte, daheim schon ebensogut gesehen hatte. In der Nähe des Rheins und den Strom entlängst begannen nämlich die Reste der französischen Verwaltung und die öffentliche Gerichtspflege, welche ihm neu war, seine Aufmerksamkeit zu fesseln und nahmen bald sein ganzes Interesse in Anspruch. Nun gab es kein Regierungs- und kein Justizhaus, was er nicht besuchte, ja seine Wissbegierde erstreckte sich bis zu den Friedensrichtern und Polizeibüros hinunter. Er stellte sich überall selbst als den Oberamtmann Ernst vom Schwarzwalde vor und in diesem dienstlichen Charakter gelang es ihm, mit Geschäftsleuten mannigfaltige Verbindungen anzuknüpfen, die ihm bisweilen auf Spaziergängen am Strome unter Klippen und Trümmern, oder byzantinischen Portalen und Weinhügeln vorbei zu schönen Aufschlüssen über Stempelsachen verhalfen, oder ihn mit dem Mechanismus der Sicherheitspolizei bekannt machten. Dann und wann hatte er selbst den Trost, seinen Gram über die nicht zu erlangen gewesene Litographierung der Formulare in den vertrauten Busen eines Friedensrichters auszuschütten, der ähnliche Gebresten über die Kurzsichtigkeit seiner Vorgesetzten ihm verstohlen entdeckt und ihm dadurch eine Zuversicht aufgeregt hatte. So konnte er denn eher die Beschwerden dieser Reise ertragen. Er liess das junge Ehepaar, wie er sich ausdruckte, umherrasen nach Belieben, und fing an, sich in der Fremde mehr zu haus zu fühlen. War er auf sein eigenes Selbst angewiesen, so las er in dem buch, welches er mitgenommen hatte, nämlich im württembergischen Gesetzbuche. Er war, nachdem er sich so eingerichtet hatte, jetzt zuweilen recht munter. Nur darüber empfand er Kummer, dass in keiner der Rheinstädte, welche die Reise berührte, gerade Assisen gehalten wurden. Denn einer solchen Verhandlung beizuwohnen wäre seine höchste Freude gewesen, weil er nicht zu begreifen vermochte, wie man einen armen Sünder bloss so mündlich und ohne wenigstens hundert Protokolle zum Schafott befördern könne. Von Köln war er, wie er dem Jäger früher angekündigt hatte, rechts abgegangen nach Westfalen. Gern wäre er allein gereiset, aber die junge Dame Clelia bekam plötzlich die Laune, ihren Vetter, den sie sehr lieb hatte, auch sehen zu wollen, und so musste er sich mit einem sauersüssen gesicht unendlich glücklich schätzen,