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Schock und Gegenschock, wie er sich in seiner Terminologie ausdrückte.

"Zum Beispiel", fuhr der Chirurgus fort, indem er ein Glas Wacholderbranntwein gegen den bösen Nebel trank; "die natur draussen wird im Herbst oder so gegen das Frühjahr rheumatisch, das tut ein Geschnaube von Winden hin und her, in diesem Augenblicke warm, im nächstfolgenden kalt, Regnen und Graupeln vom Himmel, Feuchtigkeitmit einem Worte:

Katarrh draussenSchock. – Gleich die natur inwendig auch zu schnauben angefangenHitze, Kälte, Augen tränend und fliessendKatarrh inwendigGegenschock! Verstanden, Leute?"

Die Bauern bejahten und gaben dem Chirurgus vollkommen recht, denn sie hatten seine Teorie an Feier- und Werkeltagen oftmals vortragen hören, und sie mit ihrem Spruche: "Wie du mir, so ich dir", vollkommen übereinstimmend gefunden. Aber wie die Anwendung derselben auf die person zu machen sei, welche soeben das Zimmer verlassen hatte, darüber waren sie weniger im klaren. Sie erwogen in ihren Gesprächen, wie das fräulein, worüber sie immer, wo sie sich gezeigt, wegen ihren "gecken" Reden gelacht, nun auf einmal so gefasst und ganz bei sich unter sie getreten sei, sie gefragt habe, ob sie keinen Mann in roter Uniform vorbeikommen gesehen, wie das fräulein sie beschworen habe, ihr die Wahrheit zu sagen und zu glauben, dass sie wohl wisse, was sie tue, denn sie habe zwar früher viel an einen Fürsten gedacht und an ein Stiftskreuz, aber es könne sein, dass dergleichen nur Lüge von einem anderen oder eine Einbildung von ihr gewesen sei, den Mann jedoch habe sie plötzlich an seiner roten Uniform und an einem lied wirklich und wahrhaftig wiedererkannt, und diesen Mann müsse sie ausforschen, denn er habe ihr einst grosses Unrecht zugefügt, und dafür müsse er ihr Genugtuung leisten, sollte sie ihn auch bis an das Ende der Welt verfolgen. – "Sie brachte das alles so erbärmlich und anzüglich und so recht adrett heraus, dass man ihr glauben musste, und dass wir ihr gern den Roten entdeckt hätten, wäre er uns nur bekannt gewesen", sagte der alte Bauer, der sich am gesprächigsten in jenen Erläuterungen gezeigt hatte. – "Aber wo liegt hier der Schock?" setzte er fragend hinzu.

"Ja, und absonderlich der Gegenschock?" fragte ein jüngerer Bauer.

Der Chirurgus liess sich noch ein Glas Wacholderbranntwein geben, um seine Darstellungskräfte zu schärfen, so taten auch die Bauern um ihre Fassungsgaben zu stärken. Nachdem die Gläser geleert und dem Wirte zurückgegeben worden waren, erhob der Chirurgus wieder seine stimme und sprach: "Das wisst ihr doch alle, Leute, dass es sich bei den Frauenspersonen lediglich und ganz allein um den Punkt dreht, ob sie einen Mann kriegen oder ob sie keinen Mann kriegen?"

"Versteht sich!" riefen die Bauern ohne den mindesten Zweifel.

"Nun also. Ein Frauenzimmer, wie à propos das fräulein, hat keinen Mann, aber vor alters einen Liebhaber gehabt. Der Liebhaber ist wegEinsamkeitlauter Einbildungen, Geckereienpure VerrückteitFürstStiftskreuz. – Plötzlich von draussen der alte Liebhaber wieder daSchock –"

Freudig riefen die Bauern: "Aha, inwendig im Frauenzimmer auch nichts als der simple LiebhaberschlechtwegFrauenzimmer wieder klugGegenschock!"

Der Chirurgus sah mit grosser Genugtuung umher und empfand ein ausserordentliches Behagen, dass seine Lehren in diesem Kreise schon so tiefe Wurzeln geschlagen hatten und dass die Bauern mit einer leichten Nachhülfe von seiner Seite fertig zu argumentieren wussten. Das Gespräch zwischen ihm und den Bauern setzte sich nun über denselben Gegenstand, nämlich über die Verwandlung des Fräuleins, fort, und mancher Wunsch wurde laut, dass es ihr gelingen möge, ihren roten Liebhaber einzuholen, obgleich es, wie einige bemerkten, verwunderlich sei, dass eine so alte person hinter einem mann her durch die Welt laufe. – "Sie sah aber auch heute im Gesicht ganz anders und jünger aus", bemerkte einer. "Das kam von der kalten Luft", versetzte ein anderer. "Nein, vom Gegenschock", sprach der Chirurgus mit Ansehen und schloss durch dieses Wort die Debatte.

Während der gespräche, deren Inhalt soeben notdürftig angeführt worden ist, fütterten vier Pferde vor dem Eingange zur Schenke aus Krippen, die ihnen untergestellt worden waren und in welche der Postillion Brot einschnitt, in der Wirtsstube aber sass ein ernster Mann hinter dem Tische in der Ecke. Die Pferde gehörten zu einer glänzenden Reiseequipage, welche an den Schlägen ein adeliches Wappen zeigte, unten und oben Magazine und hinten einen Sitz hatte, in welchem eine schlafende Kammerjungfer sass, während der Kammerdiener, der mit ihr sonst den Sitz teilte, neben dem Schlage stand und in dieser vom Dienst freien Pause eine Zigarre rauchte. Denn die herrschaft war ungeachtet des dichten Nebels nach einer nahen romantisch gelegenen Klippe gehüpft, um so viel zu sehen, als eben zu sehen war. Gehüpftmuss es heissen, denn sie gingen nicht, sondern sie hüpften, wann sie aus dem Wagen stiegen. Es waren junge vornehme Gatten, die unmittelbar nach der Vermählung ihr frisches Glück durch die Welt spazierenführten.

Der Mann in der stube sass dagegen sehr ernstaft hinter einem buch und las. Er war ein alter Bekannter, sogar ein Stück von einem ehemaligen Nebenvormunde der jungen Dame. Zufällig hatte sie ihn einen Tag nach ihrer Vermählung mit dem Kavalier aus den