nennen, in welcher das Schiff unserer Tage fährt. Wer das Wort des Rätsels aussprechen, an dem die Geschlechter der Erde nagen? So viel ist richtig: der Tod und der Himmel sind zurückgewichen in den Hintergrund der Gedanken, und auf der Erde will der Mensch wieder menschlich heimisch werden. Heisst das: Er will das Fleisch bei Champagner und Austern emanzipieren? Nein. Heisst's: Die Erde soll ihm nur das Mistbeet sein, in dem er sich sein Gemüse zieht? Nein. – Sondern mit den Blitzen seines Geistes will er die Erde durchdringen, dass sie geistschwanger werde, er will sich an ihr eine Freundin seiner besten Stunden, eine ernste und doch heitere Gefährtin seiner reifsten und männlichsten Jahre gewinnen.
Und da wird wieder die Religion in das Mittel treten müssen. Denn die Weltgeschichte ist immer nur das Gewand der Gottesgeschichte. Aber wie? Der Atem der Zeit sauset, und wen er berührt, der weiss nicht, wie er gestern dachte, noch wie er morgen denken wird. Abgetan liegt das Mittelalter hinter uns mit seinen zwei Entdeckungen, der Hierarchie und der christlichen Kunst. Die Kunst büsst, wo sie sich jetzt gegen den Himmel wenden will, ihre Naivetät ein und mit der Naivetät hat eine Kunst ihre Jungfrauschaft verloren und mit ihrer Jungfrauschaft alles. Denn die Kunst wird nie ehrbare Hausfrau und Mutter; sie ist entweder Jungfrau oder Metze. – Rom kann noch donnern und blitzen, es kann von mancher säuerlichen Stimmung ausgebeutet werden, es kann sogar noch grossen Nutzen stiften durch Verbindung mit tüchtigen Welfen allzu tölpelhaften Ghibellinen gegenüber, aber sein Regiment ist vorbei, seitdem selbst mancher Bauer weiss, dass man der Sonne nicht gebieten dürfe, um die Erde zu laufen.
Also eine neue Entdeckung tut der Religion not, wenn das dritte Weltalter anbrechen soll. Wie, wenn es abermals etwas von einem heiteren Paganismus annähme? – Wenn das Formeln- und Dogmenwesen aufhörte, und die Satzungen des Tridentinischen Konzils und die Sätze der Symbolischen Bücher sich völlig und ehrlich antiquierten, anstatt die gegenwärtige fiktive herrschaft noch so fortzuschleppen? Wenn die Sprüche des Evangeliums nicht mehr gebraucht würden, die Menschen und die Verhältnisse zu verwirren? Wenn jeder sich rechtschaffen überzeugte, das Christentum sei eine von Ewigkeit beschlossene und in Ewigkeit fortzeugende Tatsache, erhaben über die kleinliche Diplomatie, die sich in der Folgerung offenbart: das darf nicht zugegeben werden; denn sonst fällt auch das und das über den Haufen?
Der Geist der geschichte muss allgemeiner die Geister durchdringen, als bisher geschehen ist. Die Kirchengeschichte muss die Menschen mehr belehren als der Katechismus und das Credo und das Symbolum. Sich inniglich und haltbedürftig als eines der letzten Glieder der grossen Kette zu empfinden, die aus unzähligen Ringen besteht, unter denen auch die Sekten, die Ketzereien, der Krieg gegen die Waldenser und die Weihnacht zu Canossa so wenig fehlen dürfen als die Konzilien, die Gedanken der Kirchenväter und die Glaubenstaten der Reformatoren – das wird das neue Christentum sein, welches mit der Krippe zu Betlehem im Busen des Gläubigen beginnt und in dessen letzten andächtigen Minuten die jüngste Offenbarung feiert. Die Erleber dieser neuen Konfession (denn Lippen werden nicht oft sie zu bekennen vermögend sein, weil dieses Dogma über das Wort hinausgeht) werden zugleich Katoliken sein und Protestanten und Quäker und Ketzer. Anfangs wird die Gemeine klein sein und verachtet oder des abscheulichsten Indifferentismus bezüchtiget, nach und nach wird sie sich ausbreiten und zuletzt die allgemeine Kirche werden.
Die Stiftung dieser Kirche wird nicht von dem Willen der einzelnen abhangen. Unbewusst, durch schwere, vielleicht furchtbare Ereignisse wird der Geist Gottes sein unwiderstehliches Nötigungsrecht ausüben. – Aber so ausgeweitet, in diesem erschlossenen Bewusstsein wird der Mensch erst würdig sein, von der Erde auf neue Weise Besitz zu nehmen. Dann wird sie ihm Kränze bieten, deren Duft und Glanz noch niemand ahnet. In dem Sinne werden der Enkel Enkel wieder Heiden werden, dass sie es für Gewinn achten, wenn sie einen Gott mehr bekommen.
Intermezzo
Während der Schriftsteller sich in der Krypte seinen zur Zeit noch verbotenen Gedanken ergab, trug sich in der nahen Schenke eine derbe Szene des Lebens zu. In der stube nämlich fuhr durch einen Kreis gaffender Bauern eine Gestalt, deren auffallender Anzug durch die Eile, womit sie ihr Ziel verfolgt hatte, in Unordnung geraten war. Sie hatte eine Erkundigung angestellt, welche ihr von den Bauern nicht hatte gegeben werden können, und war darauf rasch zur tür hinaus wieder dem Ziele ihrer Verfolgung nachgeeilt. Obgleich diese Gestalt die wunderlichste und lächerlichste Figur bildete, so lachten die Bauern dennoch nicht, sondern standen in stummen, nachdenklichen und zum teil verlegenen Gruppen umher. Einige strichen sich das Haar glatt, andere sagten: "Hm!" und zwei legten den Finger an die Nase. In der Mitte aber stand ein Mann, dessen Anzug eine etwas höhere Beschäftigung anzeigte, denn er trug einen abgeschabten grauen Frack und eine gelbe Nankingmütze mit einer Troddel. Dieser hatte eine besonders nachdenkliche Miene angelegt, er öffnete endlich seinen Mund und sprach: "Hab' ich's euch nicht hundertmal gesagt, Leute, die natur steckt voller Wunder, hab' ich's nicht? Schock, Gegenschock, das ist ein grosses Geheimnis."
Die Bauern gaben ihm teils mit Worten, teils durch Gebärden recht, denn er erfreute sich unter ihnen einer grossen Autorität. Er war der Chirurgus, welcher Lisbet verbunden hatte und erklärte alle Übel, welche den Menschen treffen können, aus dem