1836_Immermann_045_229.txt

man selbst noch im tod besser aus, darum rasch meine Uniform angelegt, meine rote Phantasieuniform und hinweg ihr unangenehmen Erinnerungen, die ihr euch an den Rock hängt! Sie ist tot! tot! tot! die Gans, oder eingesperrt, oder verheiratet. O du meines Lebens einzige Lüge, deren ich mich schäme und die mir selbst diese Abschiedsstunde vergiften will, hinweg!"

Er legte die rote Uniform an, setzte den Offizierhut auf, der aus dem kleinen Klack entstanden war, sah sich mit einer Art von schmerzlichem Wohlgefallen im Spiegel und philosophierte, vermutlich um den Pflock vor seinem Herzen festzuhalten, so weiter: "Ein Edelmann zu sein, unermesslicher Vorteil, unschätzbares Glück, selbst wenn man, wie ich, nicht die Ehre hat der Freiherr von Münchhausen zu sein, sondern nur derdoch still! Selbst die Lüfte sollen nicht erfahren, wer ich bin. – Karl! – Als Schrimbs, Peppel, Reifenschläger liefe ich jetzt fort, wahrhaftig, so täte ich, als Freiherr von Münchhausen halte ich Stich. Karl! – Wo bleibt der Schlingel? Ich will ihn noch abstrafen vor meinem Ende, das soll meine letzte gute Handlung auf Erden sein. – Tut der Name schon so viel, wieviel mehr erst die Sache. Ja, der Adel ist eine Magie, Bourgeoisie und Philosophie mögen sagen, was sie wollen. Adel ist eine Schrift mit sympatetischer Dinte; tausendmal verschwunden kommt sie immer wieder zum Vorschein. Selbst, wenn man sich in eigener person zum Ritter schlägt, kriegt man Ehre, und Ehre ist wieder eine Magie, ein Bann, eine Zauberformel. Hätten die Hasen Ehre, sie ständen wie die Löwen. Wohl hatte Heine recht, wenn er sagte, Mirabeau würde den Tron zu erschüttern nicht den Mut gehabt haben, wäre er nicht Graf gewesen, und ich sage, der Artillerieleutnant Bonaparte wäre nicht Kaiser der Franzosen geworden, hätten seine Vorfahren nicht im goldenen buch von Bologna gestanden. Hundert bürgerliche Stimmen in mir rufen: Reiss aus, denn du kannst es, reiss aus vor diesem mörderischen Schwaben! Aber Münchhausen steht, Münchhausen steht wie ein Held, Münchhausen wird als Held zu fallen wissen. Karl! Karl! Ich muss den Esel mir selbst herbeiholen."

Münchhausen schoss in seiner roten Uniform gleich einer Feuerflamme des Herrn durch den Vorsaal, die Treppe hinunter, aus dem haus nach dem Garten, um den Schneckenberg zu erklimmen, in dessen Häuslein er den Diener vermutete. In diesem Augenblicke kam der junge Jäger vom Söller. Seine Schritte waren schwankend, er hielt sich, was er wohl noch nie getan hatte, am Treppengeländer fest, wie ein Siecher. Es musste ihm etwas ganz Unerhörtes begegnet sein, denn man würde umsonst versuchen, den Ausdruck seines Antlitzes zu schildern. Ein halbes Lächeln wurde von Zügen des äussersten Schmerzes und einer zornigen Verachtung durchschnitten, Überraschung, Spott, herber Unwille, dieser vielleicht nicht auf einen einzelnen Menschen, sondern auf ein unbarmherzig neckendes Geschick, kämpften auf diesen reinen Wangen, auf dieser edlen Stirn, wie Sonnenblitze, Regenschauer, fahle Lichter und tückische Wolkenschatten an manchem Tage kämpfen, den die natur ausersehen zu haben scheint, geheime Prozesse unter den Lamien, Empusen und Lemuren zur Entscheidung zu führen.

Seine Pistole brachte er nicht mit. An dem Zimmer Münchhausens schlich er vorbei, scheu wie ein Verbrecher. Er hielt die Hand den Augen vor, als fürchte er jemand zu begegnen. Es war ein Knarren und Knacken in dem alten wurmfrässigen schloss, als wolle der Baugeist, der es zusammengefügt, ausziehen.

In dem Nebel draussen standen die Gegenstände unheimlich zu Schemen verschattet. Er wollte eben den Weg nach der Schlossstrasse einschlagen, als ein wilder Lärmen im Garten seine Schritte einen Augenblick lang hemmte. Auf den Gesang des Fräuleins, welchen er schon früher von weitem gehört hatte, war seine Aufmerksamkeit nicht gerichtet gewesen; plötzlich aber ward Münchhausens stimme vernehmbar, welcher überlaut rief: "Was! Hölle, Teufel und alle Furien und Parzen

Jetzt holet das Schicksal, der Racker –"

Das fräulein kreischte:

"Erst den Nussknacker, dann holt es mich!

Gütiger Himmel, diese kaiserlich birmanische Uniform –"

"Dieser Anzug, – das rote Kleid, der Paradiesvogel – o Tod und Elend!" –

Das Gartentor rasselte. Eine Gestalt kam herbeigesprungen. Es war Münchhausen. Er hatte den Hut verloren. Sein Haar flatterte im Winde. Als er den Jäger erblickte, rief er keuchend:

"Bei meiner Ehre, ich wollte nicht ausreissen, aber –"

"Ichkann mich nicht mit Ihnen schiessen!" rief der Jäger und lachte zerstört.

" ... der böse Feind ist hinter mir ... Sassa! Adieu!" – Er sprang fort und über die Mauer.

Das fräulein kam gelaufen, auch flatternden Haares. "Rucciopuccio! Wo hatte ich meine Augen?" rief sie und verschwand nach wenigen Schritten im Nebel.

"Walpurgisnacht bei Tage!" murmelte der Jäger abermals. – Als er den Talgrund erreicht hatte, hörte er hinter sich oben ein Krachen und dann ein donnerartiges Getöse, wie wenn ein Gebäude zusammenstürzt.

Siebenzehntes Kapitel

Gedanken in einer Krypte

Der Schriftsteller, welcher seinen Namen zu dieser Arabeskengeschichte hergegeben hat, weil eben kein anderer zu finden war, sah sich achtsam in der Krypte um. Dergleichen Krypten oder Klüfte finden sich unter vielen katolischen Kirchen.

Die Kirche, von welcher hier die Rede ist,