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kannst ihn in diesem Zustande nicht um die Lisbet bitten. Sie ist dein, das Mädchen, du wirst ihr den traurigen Zustand mit Schonung beibringen und ihr dann für den armen Pflegevater sorgen helfen. Jetzt hast du weiter nichts hier zu tun, als dich mit dem verruchten Schrimbs oder Peppel oder Freiherrn von Münchhausen zu schiessen." – Er konnte nicht wissen, in welche Gefahr der Alte sich und ihn durch das Hacken setzte, sonst würde er ihm mit Gewalt das Beil entwunden haben.

"Walpurgisnacht bei Tage!" setzte er, sich dennoch schüttelnd vor Grauen, seinen Worten hinzu. Er sah die zweite Pistole auf dem Tische liegen, die nahm er und das Pulverhorn dazu; beides steckte er zu sich. Sein scharfes Auge spähte nach Kugeln; es entdeckte sich ihm ein lederner Beutel, der von einem Brette herabhing, welches der Alte durch das Hinwegräumen des Gerülls von seiner Verhüllung entblösst hatte. Er ging nach dem Brette, seine Vermutung täuschte ihn nicht, es war ein Kugelbeutel, der da herabhing.

Er nahm ihn, da rollte etwas nach, was auch auf dem Brette vergessen gelegen hatte, es fiel auf den Boden. Mechanisch hob er es auf; es war ein Zylinder mit dickem Staube überzogen, viele Jahre mochte der dort gelegen haben. Ein Papier war um den Zylinder gewunden.

Der alte Baron schoss wie ein Pfeil herbei und fasste beide arme des jungen Mannes. "Halt Räuber!" rief er, "du darfst die Mitgift der kaiserlichen Prinzessin nicht entwenden. – Ja! Ja! –" sagte er, den Zylinder tiefsinnig betrachtend und das Papier von demselben loswickelnd; "das ist die Mitgift der kaiserlichen Prinzessin, meiner lieben Tochter." – Der Jäger mochte mit diesem neuen Ausbruche des Unsinns nichts weiter zu schaffen haben, er liess daher dem Alten, was diesem so wichtig zu sein schien, und wollte gehen. Der Alte hatte das Papier, auf welchem, wie dem Jäger ein flüchtiger blick gezeigt hatte, in den Ecken allerhand Buchstaben und Charaktere standen, glatt und grade gestrichen, die Gläser des Zylinders abgewischt und hindurchgesehen. – "Ach Lisbet! Lisbet!" seufzte er.

Dieses Zauberwort fesselte den Jäger an die Stätte. Zu seiner Verwunderung sah er, dass der Alte sich platt auf den Boden setzte und bitterlich zu weinen anfing wie ein Kind. "Ach", sagte er und sah wieder durch den Zylinder in die leere Luft, indem er dabei das Blatt Papier steif in der anderen Hand hielt, "ich sehe mein Kind Lisbet noch immer nicht dadurch. O wie gern legte ich meinen Kopf auf ihren Schoss und liesse ihn streicheln von ihren sanften Händen, denn die Regierungssorgen machen müde und ein Kaiser bleibt auch ein Mensch!"

Vergebens bemühte sich der Jäger, Aufschlüsse von dem Alten zu erlangen. Dieser faselte nur durcheinander von Lisbet und von der kaiserlichen Prinzessin, welche einst die Mitgift in das Haus gebracht habe, aber durch die Gläser nicht zu entdecken sei.

"Hm!" rief der Jäger, der vor Ungeduld brannte, irgendetwas zu entdecken, was die unsichtbaren Keime der Dinge, die um ihn her zu sprossen schienen, an das Tageslicht bringen möchte; "das Ding da muss doch eine Beziehung auf die Lisbet haben. Was ist es denn eigentlich?" – Er nahm es dem Alten aus der Hand, der nun ganz weich und nachgiebig geworden war, seine Tränen abgetrocknet hatte und selig lächelte, weil dem zerstörten geist die Gestalt der lieblichen Pflegetochter vorschwebte. Es bedurfte keiner langen Untersuchung um ihn ins klare zu setzen. Der Zylinder war eine jener optischen Spielereien mit einem Okularglase und einem konzentrierenden Objektivglase, welches verschiedene Figuren oder einzelne Buchstaben, die auf einer Fläche umher zerstreut sind, zum Bilde oder zum lesbaren Satze versammelt. Man fertigt zu diesen Gläsern Blätter, die in der Mitte, wenn der Scherz vollkommen sein soll, ein kleines Bild oder ein Wort tragen, in den Ecken und Winkeln umher aber nur ein sinnloses Gemisch zeigen. Sieht man nun auf ein solches Blatt durch das Glas, so verschwindet, was in der Mitte steht und es fügt sich aus den Ecken und Winkeln eine andere Gestaltung zusammen.

Der Jäger nahm auch das Blatt dem Alten aus der Hand. In der Mitte stand das Wort: Nizza und kein Komma oder Punktum dahinter. Er stellte sich an den Tisch, legte das Blatt zurecht und richtete das Glas darauf, um zu sehen, was ihm dasselbe aus den Ecken und Winkeln zusammenführen würde.

Das Auge des Dichters gleicht einem solchen Glase. Es versammelt zum Bilde, was weit umher zerstreut ist und keine Gestalt annehmen zu können scheint, und oft verschwindet ihm das, was ihm zunächst vorschwebt. Münchhausen schrieb unten hastig seinen Kreuz- und Querbrief an den Erbprinzen und dessen Vater zu Ende, siegelte beide, setzte die Adresse an den Freund in Stuttgart auf, tat sie in die goldene Kapsel und sagte: "Es ist nicht wahr, dass ich mich nicht vor dem tod fürchte, aber ich habe Ehre zwischen mich und meine Feigheit geschoben, getrieben, gekeilt; Ehre steckt wie ein Pflock vor der Feigheit und lässt sie nicht zum Herzen dringen, Ehre ist etwas Grosses und mehr wert als Tugend, denn zur Ehre gehört kein Herz, ohne welches Tugend sich nicht zu behelfen weiss."

"Brav will ich sterben, wie ein Bräutigam!" rief er. – "Als Offizier sieht