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dem kind rede, so meine ich's ernstaft, obgleich durchaus nicht empfindelndich bitte mir Glauben für diese Versicherung aus. – Aber ich denke sie mir so reizend, so schön, so gutsoso ... ich kann's nicht aussprechen, wie ich sie mir denke. An etwas muss der Mensch seine Gedanken hängen, wenn er auch kein Herz hat."

Er schlug wütend an seine Brust und schrie fast: "Nein! Nein! Hier ist kein Herz drinnen, ich weiss es! Alles leer, nüchtern, dumpfoh! hu! 's ist, als wenn man an einen hohlen Topf schlägt. – Was kann ich dafür? Warum hat er mir keins hineingeschaffen? Anderen gibt er keinen Verstand, die werden von jedermann entschuldigt; mir gab er kein Herz, und die Entschuldigung soll nicht gelten? – Aber Gedanken habe ich und die hangen an der Tochter. Immer suchte ich sie, nimmer fand ich sie. Indessen habe ich einen Freund bei Ihnen in Stuttgart, der hat mir vor kurzem Hoffnung gemacht, es sei vielleicht möglich, dem Dasein des Kindes noch auf die Spur zu kommen. Ich schreibe seine Adresse auf, derweil Sie hinaufgehen. Schiessen Sie mich tot, so besorgen Sie die Kapsel an die Adresse. Der Inhalt gehört dem kind, wenn es entdeckt wird, es ist von Geschenken erspart, die ich hin und wieder bekam, und ich habe lieber gehungert, als berührt, was ich einmal in der Kapsel zurückgelegt hatte. Jetzt gehen Sie und holen Sie die zweite Pistole!"

Sechzehntes Kapitel

Walpurgisnacht bei Tage

Der junge Jäger, welchem in diesem tollen schloss so unerwartete Dinge begegnen sollten, ging wie träumend die Söllertreppe hinauf, dem Schalle der Beilschläge nach, welche mit kurzen Zwischenpausen immer von neuem zu tönen begannen. Er öffnete die tür der Bodenkammer, welche die Gerichtsstube des Schlossherrn bedeuten musste, aber da hatte er einen Anblick, der ihm Grauen und Schreck erregte. Der alte Baron wirtschaftete nämlich in dem verwirrtesten Aufzuge dort umher. Er hatte sich eine Pferdedecke wie einen Mantel um die Schultern geworfen, auf den Kopf einen alten Damenhut mit verblichenen Blumen gesetzt, einen Strick wie eine Kette sich um den Hals geknüpft. Die weissen Haare sahen struppicht unter dem hut in einzelnen Flocken hervor, die Augen starrten wild und gläsernso trieb er, ein komischer Lear, die Werke des Wahnsinns, welchen Nachtwachen, Erwartungen, Grübeln, Zorn und zuletzt die aberwitzigsten Phantastereien in ihm ausgebrütet hatten. Er fuhr mit grossen Schritten auf der Bodenkammer hin und her, ein Beil in der Hand; der Tisch war zur Seite geschleudert, der alte Lehnstuhl lag in Trümmern, um diese Trümmer hatte er Kleidungsstücke, Flaschen, Gerüll und Gerümpel allerart, welches die Bodenkammer verwahrte, aufgehäuft. Jetzt lief er mit dem Beile an das Giebelfenster, bog sich hinaus, hackte an der Stütze, welche gegen die Giebelwand gelehnt war, dann kehrte er zu dem Gerümpel zurück, nahm was er fassen konnte und warf Kleider, Flaschen, zerbrochenes Gerät zum Fenster hinaus. So wechselte er in seinen verrückten Beschäftigungen von Sekunde zu Sekunde ab und trieb dieselben mit solcher Anstrengung, dass ihm der Schweiss vom haupt floss. Dazwischen rief er mit voller und tönender stimme unverständliche Worte wie: "Fort mit euch! Fort mit euch Eindringlingen, erkennt euren Herrn, der in Frankfurt gekrönt wurde, dem ihr Treue auf die Wahlkapitulation gesprochen habt!"

Der Jäger hatte sich bei seinem Eintreten in eine Ecke gedrückt und sah dem unheimlichen Schauspiele einige Minuten lang entsetzt zu. Dann fasste er sich ein Herz, schritt mutig vor, ging zu dem Wahnwitzigen, der eben wieder am Hacken war und sagte festen Tones: "Herr Baron, was treiben Sie?"

Der Alte fuhr hastig herum, sah den Jäger mit seinen starren Augen gross an, schwang das Beil und rief: "Sie müssen sehr unwissend sein, dass Sie mich so fragen. kennen Sie den letzten deutschen Kaiser nicht? Mein Bruder ist geborener Geheimer Rat im höchsten Gericht. Ich ward in Frankfurt gesalbt und gekrönt." – Nun legte er die Hand an seine Stirn, wie wenn er nachsänne und sprach dann leiser, wie ein Mensch, der im Schlaf redet: "Ich war lange abwesendlangelangegefangengenommen vom Reichsfeinde, von Münchhausen – o pfui! nannte mich Du mit einem MunkelLuftversteinerungAktien auf Jesuitenund danndann –"

"Aber" – hier richtete er sich majestätisch auf und seine stimme donnerte – "das heilige Römische Reich ist ewig, die alten Verhältnisse kehren immer wieder und der Kaiser stirbt nicht. – Ich komme zurück, jedoch da ist alles in Unordnung, da hat sich Genist allerorten eingehängt, da muss ich Ordnung stiften und reine Bahn machen."

Er warf die Trümmer des Lehnstuhls hinaus und ein paar leerer Flaschen. – "Das sind die Fürsten!" rief er. "Wie haben sie sich mausig gemacht! Aber ich leide keine Hoheit neben meiner, denn ich bin der Kaiser." – Er hackte draussen vor dem Giebelfenster. – "Den Bundestag habe ich bald durchgehackt, diese Stütze ist ohnehin sehr morsch!" rief er erhaben lachend.

Bei diesen grauenvoll lächerlichen Dingen fasste sich der Jäger in den gesunden Tiefen seines schwäbischen Herzens und sprach zu sich: "Der unglückliche Alte hat den Verstand verloren und du