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, aber Sie haben Ihren schwäbischen Vettern gesagt: 'Wo ich den Schelm treffe, da geht es ihm übel', und nun halten Sie Ihr Wort, wie wenn Sie gesagt hätten: 'Heute nachmittag wollen wir zusammen spazierengehen.' – Hinz lügt, wenn er zu Kunzen sagt: 'Ich freue mich, Sie wohl zu sehen', denn er weiss gar nicht, ob Kunzen wohl ist und von Freude ist sein Herz weit entfernt; Kunz lügt, wenn er an Hinzen schreibt:

'Der Ihrige', denn er gehörte niemals Hinzen. Der Familienvater lügt, wenn er von Pflichten gegen Frau und Kinder redet; nein, sein Haus ist seine Bequemlichkeit, und die muss er sich natürlich seinerseits auch zu erhalten wissen; der Offizier, der seine Leute mit einer Rede vom vaterland in das Feuer führt, lügt; denn an das Vaterland denkt er nicht, sondern ans Avancement, wenn die Bursche ihm mutig folgen; der Prediger auf der Kanzel lügt, der Richter im Richterstuhle lügt, der Fürst auf dem Trone lügtsie lügen alle, alle, nur haben sie nicht die Virtuosität darin, sie bringen ungeschickte, phantasielose, entkräftete Lügen hervor, und ihr schweres Blut, ihr massiges Fleisch, ihre dicken Stirnhäute nennen die Halblügner Tugend.

Wie anders bei uns begünstigten Sonntagskindern, deren es freilich immer nur wenige gibt, ich aber bin ihr Chef! Gleich schönen, nackten, schlafenden Mädchen liegen die Dinge um uns her, der Empfängnis gewärtig; wir heiraten sie nicht in plumper Ehe, wir zeugen nicht mit ihnen schläfrig-legitime Kinder, nein, Don Juans der Erfindung, gehen wir zwischen diesen wollüstig geöffneten Lippen, zwischen diesen Busen und Hüften auf und nieder und scherzen hier und küssen dort, und erwacht fühlen sie sich Mütter, worüber die alten Vettern und Basen sich des Todes verwundern wollen; den gesegneten Schossen aber entspringen kleine mutige Kobolde, tolle Kinder der Liebe, an denen freilich kein gutes Haar und kein wahres Wort ist. – Sie sind ein durchaus rechtschaffener Mann, Herr Graf, und unfähig solches Leichtsinnes, danken Sie Gott für Ihre Tugend, aber richten Sie nicht über unsereinen. Ich bin der Cäsar der Lügen; ich kann von mir sagen, wie 'der krummnasige Kerl von Rom': Ich kam, sah undlog!" "Jetzt hole ich das Pistol!" rief der Jäger. "Das wäre nun eine Antwort! – Aber halt, noch einen Augenblick!" sagte Münchhausen, zog aus seinem Busen eine goldene Kapsel von ziemlicher Grösse, drückte am Scharnier, dass sie aufsprang und liess den Jäger hineinsehen. Es lag ein Päckchen Staatspapiere, fest zusammengefaltet, darin, und am inneren rand waren Namen eingraviert, die der Jäger auf das Geheiss seines wunderlichen Feindes lesen musste. – "Was soll das?" fragte er.

"Ein Vermächtnis an Ihre Ehre, wenn ich bleiben sollte", sagte Münchhausen. "In Fällen, wie der unsrige, wo man sich ohne Sekundanten schiesst, ist der Überlebende zu solchen Ritterdiensten verpflichtet. Ich habe eine Tochter –"

"Sie?"

"Ich; hab' sie, weil sie mein ist, könnte ich mit Polonius sagen, wollte ich scherzen, ich will aber über diese Tochter nicht scherzen. – Mein Herr, ich werde Ihnen jetzt nichts vorseufzen, mein Herr, ich werde Ihnen nichts vorweinen, überhaupt, mein Herr, nicht den Sentimentalen vor Ihnen spielen; ich werde Ihnen nur sagen, dass, auch wenn man viel gelogen und manches Abenteuer gehabt hat, es immer ein eigenes Gefühl bleibt, eine Tochter zu besitzen, von der man nicht weiss, wo sie ist. Ich zeugte sie vor nunmehr zwanzig Jahren fern von hier mit einer einfältigen aber ziemlich hübschen Gans. Sie lasen die Namen der Mutter, des Orts, auch wie ich damals hiess. Wenige Wochen nach ihrer Geburt sah ich sie zufällig bei einem alten weib, der sie übergeben worden war, undda nahm ich mir einen Augenblick vor, zu werden, was man einen ordentlichen, gesetzten Mann nennt. Ich gab der Alten meine Barschaft für das Kind, weil es aber nicht viel war, so suchte ich ihren Eigennutz durch Hoffnungen zu ködern, imaginierte eine höchst seltsame Vorrichtung von Instrument, welches, wenn es richtig gebraucht wurde, die Herkunft des Kindes offenbarte, und bildete der Vettel ein, dadurch werde einmal ein hoher Stand ihres Pfleglings an das Tageslicht kommen. – So glaubte ich vorläufig für mein Fleisch und Blut gesorgt zu haben. Aber ich täuschte mich, denn als ich nach einiger Zeit in besseren Umständen mich wieder nach dem kind erkundigte, war das alte Weib durchgegangen, hatte vermutlich mein Geld sich zunutze gemacht und den Säugling vor eine fremde Pforte gelegt."

"Wenn man Ihnen nur glauben dürfte –"

Hier aber geriet der Freiherr in einen erhabenen Zorn, dass er selbst seinem jungen Feinde imponierte. Er ballte die Fäuste, knirschte mit den Zähnen, rollte die Augen, stampfte mit den Füssen und rannte wie rasend einige Male auf und nieder. – "Bei Himmel und Hölle!" rief er, "wenn man ein Genie ist, muss man darum ein Gaudieb sein? – Bin ich ein zusammengeronnener Homunkulus, wie der Spitzbube Karl mir nachplauderte, oder bin ich nicht ein Fabrikat, in derselben Retorte ausgebacken, worin ihr anderen alle ausgebacken wurdet? – Sackerlot! Wenn ich von