zornfunkelnd.
"Ja", versetzte der Freiherr ruhig. – "Das Duell ist für Narren und junge Landjunker, die weiter nichts als Blut in sich haben. Wissen Sie, was in mir steckt? Geist! Geist! Geist! Wenn ich sterbe, stirbt ein ganzes Göttergeschlecht von Einfällen, Phantasien, unvergleichlichen Sprüngen der Laune und Erfindung. Können Sie meinen über das ganze Erdenrund verbreiteten Anhängern Ersatz schaffen? Nein. Sind Sie imstande, den Erbprinzen über mich zu trösten? Nein. Und also sage ich Ihnen, wie Mirabeau seinen Herausforderern, die ihn mit dem mund nicht widerlegen konnten, sagte: 'Wartet, bis die Konstitution fertig sein wird' – warten Sie, bis ich alle meine Erzählungen, die dieses Rund wie ungeborene Embryonen bevölkern, vorgetragen haben werde." – Er schlug bei den letzten Worten an seinen Kopf.
Des Jägers Züge begannen, die äusserste Verachtung auszudrücken. Seine Gestalt erhob sich stolz, er stand wie ein Löwe da, der, seine Beute zu verschlingen eben im Begriff, plötzlich von ihrem Zittern zu einer geringschätzigen Grossmut hingerissen, die aufgehobene Tatze sinken lässt.
Münchhausens Glieder flogen, er fasste irr mit der Hand in sein Haar, welches sich gesträubt hatte. Es war ein erbarmenswürdiger Anblick. – "Ja", rief er dumpf und keuchend, indem er die Worte mühsam hervorstiess, "ich fürchte mich vor dem tod! Der gedankenloseste Narr, der sich nicht vor ihm fürchtet! Da wird mein Leib liegen, und da herum verspritzt mein Gehirn, die Werkstatt prächtiger Gebilde. Um den Mund noch ein Spott, der nicht sterben kann, und den die bleichen Lippen doch verschweigen müssen. Und dann die erstickende Erde über einem – eingepackt wie ein Hering, nur leider nicht eingesalzen – dieses allgemeine Burken der Menschengeschlechter – und endlich gar die Würmer – o pfui! pfui! Aus – aus mit dem letzten Atemzuge!
Woher kommen wir als aus dem Nichts? – Wohin werden wir gehen anders als ins Nichts? Wir entstehen, also werden wir auch vergehen. Leugnet die Konsequenz, wenn ihr's wagt! Ich sagte es mir oft, wenn ich um Mitternacht bei meiner Kerze eingeschlafen war, dann auffuhr in Gedanken der Vernichtung und mein entsetztes Gesicht gegenüber im Spiegel sah ...
Aber das Leben ist auch nur ein Fieber, ein Fieber des Nichts, mitin ein krankes Nichts! – schüttelt's ab, ihr meine Nerven, lasst euch nicht unterkriegen, ihr meine tapferen Muskeln und Sehnen – die Knochen bleiben ja doch eine Zeitlang nachher übrig – nichts in der Welt geht über ein schönes, reinliches Skelett – so – so – so – ah! ah! Luft! Wärme! Immer besser! besser! Dieu merci, es ist überstanden –"
Der Jäger hatte während dieser verworrenen Reden dem Freiherrn den rücken gewendet und das Pistol an einen Nagel gehängt. Jetzt wollte er, ohne dem von ihm verachteten Feinde einen blick zu gönnen, aus der tür gehen. Münchhausen aber rief ihm mit fester stimme zu: "Herr Graf, ich ersuche Sie, zu bleiben!" – Der Jäger drehte sich um und sah erstaunt einen verwandelten Menschen. Münchhausens Glieder hatten Ruhe gewonnen, er stand, wie ein Mann stehen muss, sein Gesicht sah gleichmütig und zuversichtlich aus.
Im gesetztesten Tone sprach er: "Wenn Sie sich zu dem alten Herrn Baron hinaufbemühen wollen, der sich da oben mit Holzhacken ein Vergnügen zu machen scheint, so werden Sie vermutlich von ihm eine zweite Pistole nebst Pulver und Kugeln erhalten können. Ich nehme diese da an der Wand und bin bereit, mit Ihnen draussen die begehrte Schiessübung anzustellen."
Die Reihe, in Verwirrung zu geraten, war jetzt an dem Jäger, der sich in diese plötzliche Umwandelung einer Memme nicht zu finden wusste. – "Gehen Sie, mein Herr", sagte Münchhausen, "warum, staunen Sie? Der Mut ist ein Paroxysmus, die Feigheit ist auch ein Paroxysmus. Ich habe diesen Paroxysmus, an dem manche Menschen zeitlebens leiden, in einem akuten Anfalle überstanden. Fortan werde ich sein, was freilich bis jetzt zu dem vollen Blütenkranze meiner Eigenschaften noch mangelte, ein todverachtender Held."
Der junge Jäger, der sich diesem urplötzlich entstandenen Heroismus gegenüber mit Worten nicht zu helfen wusste, fuhr in seiner Unbehülflichkeit heraus: "Ich fürchte, Sie sind auch darin nur wieder ein Lügner."
"Lügner!" rief Münchhausen stolz. – "Jetzt haben Sie mich beleidigt, stärker, als ich Sie beleidigt hatte. Ich könnte jetzt den ersten Schuss verlangen; der Lügner verzichtet aber auf dieses Recht. – Lügner!" wiederholte er mit Hoheit. "Es kann sein, dass mir der Mund über dieses Kapitel bald versiegelt werden wird. Deshalb fühle ich mich veranlasst, Ihnen in aller Kürze ein Kollegium von Lüge und Wahrheit zu lesen.
Herr Graf, alle Menschen sind Lügner, nur mehr oder weniger entwickelte. Die sogenannten tugendhaften und edlen Charaktere haben nur nicht den Verstand zur echten und vollkommenen Lüge; ihre Lüge bleibt ihnen im Blute, zwischen dem massigen Fleische oder den dicken Stirnhäuten stecken, sie bringen es höchstens zur Halblüge, zu der egoistischen Lüge. Lügen Sie nicht, Herr Graf, wenn Sie sich so zornig, so nach meinem Blute lüstern darstellen, oder tun, als liege Ihnen die Ehre Ihrer Muhme Clelia am Herzen? Das Duell mit mir ist Ihnen im grund ganz gleichgültig