, sagte der Fremde: "Verzeihen Sie meine Dreistigkeit, ich suche den Herrn Baron –"
Münchhausen fuhr empor, unwillkürlich fiel sein blick in den gegenüberhangenden Spiegel; er sah das Antlitz des Fremden darin, die Feder entsank seiner Hand, sein gelbes Gesicht wurde nicht grünlich, sondern weissgrau, seine Züge, die eben sich sarkastisch geformt hatten, blieben wie gefroren in diesem Ausdrucke stehen, sein Mund öffnete sich; er glich einer komischen Maske aus Stein. Der Fremde seinerseits stand gleichfalls vor Überraschung regungs- und sprachlos. So bildeten die beiden, welche sich hier so wunderbar fanden, einige Sekunden lang die seltsamste Gruppe.
"Was!?" rief endlich Münchhausen, als er die Sprache wiederfand.
"Was!?" rief der Fremde.
"Habe ich so unerwartet die Ehre, den Herrn Grafen von Waldburg" – stammelte Münchhausen.
"Zu dienen, Herr Schrimbs oder Peppel", versetzte der Jäger.
"Ei, das ist ja heute ein an plötzlichen Rencontres überaus gesegneter Tag", sagte der Freiherr, dessen Züge jetzt wieder flüssig wurden, um in ein unverhehlbares Beben überzugehen. – "Der Teufel hole den Teufel!" fügte er ingrimmig murmelnd hinzu. "Er hat mich mit den Possenspielen des Morgens und mit dem Lockgesange des Erbprinzen eingelullt, um mich nun unter die Fäuste dieses Schwaben zu werfen."
"In der Tat, ich erwartete Sie nicht hier", sagte der Jäger. "Da es sich indessen wider alles Vermuten so fügt –"
"So will ich den Herrn vom haus rufen, nach dem Sie, wenn ich nicht irre, verlangten", rief Münchhausen, sprang auf und wollte zur tür hinausrennen. – Der Jäger vertrat ihm aber den Weg, sah auf die Pistole, die am Boden lag, und sagte kalt: "Ich danke Ihnen, Herr Schrimbs oder Peppel. Den Herrn Baron will ich mir schon selbst aufsuchen zu seiner Zeit, erst aber mit Ihnen ein altes Geschäft in Ordnung bringen."
"Wenn ich Sie nur verstände!" versetzte Münchhausen.
Der Jäger erhob die Pistole vom Boden und sagte: "Ich werde mich gleich ganz deutlich machen, Herr Schrimbs oder Peppel."
"Freiherr von Münchhausen, wenn ich bitten darf", rief der Held, sich selbst vergessend.
"Desto besser. So sind Sie also von Adel und ich kann Sie bei dieser Qualität für mein Vorhaben um so fester halten."
Fünfzehntes Kapitel
Wie der Freiherr von Münchhausen plötzlich Mut
bekommt und überhaupt ein ganz anderer Mann ist,
als mancher sich denken mag
Münchhausen machte Schritte nach dem Fenster zu. Der Jäger aber, welcher allen seinen Bewegungen mit dem Scharfblicke eines Falken folgte, sprang ihm vor und warf die von aussen angelehnte Leiter in den Hof. – "Sie scheinen mich verhindern zu wollen, frische Luft zu schöpfen", sagte Münchhausen, gezwungen lächelnd.
"Mein Herr", fuhr der Jäger mit seiner tiefen stimme, die in diesem raum wie ein Donner klang, auf, "ich will im Gegenteile mit Ihnen einen gang in die freie Luft machen. Zu dieser Pistole wird sich eine zweite hier irgendwo herum finden, denn ein Paar gehört immer zusammen, und sonach ersuche ich Sie, mir anzuzeigen, wo diese zweite liegt und etwas Pulver und Blei, denn so wahr ich der bin, dessen Namen Sie genannt haben, heute werden Sie mir nicht verschwinden, sondern mir für das anmutige Märlein vom Gänserich und Gänschen Rede stehen. Obgleich ich Sie beinahe vergessen hatte, in ganz andere Empfindungen verloren, so lebt doch bei Ihrem Anblicke in mir das Gedächtnis an das auf, was ich mir und hauptsächlich meiner Anverwandten schuldig bin."
"Wenn ich mich über den Sinn Ihrer Reden nicht täusche, so wollen Sie sich mit mir schiessen?" sagte der Freiherr, mit den Nasenflügeln zitternd. – Sein Gegner machte eine unruhige Bewegung. – "Nur noch eine Frage: War das Märchen von Gänserich und Gänschen witzig?" – Der Jäger schlug die Augen nieder. – "Nun denn – Ihr Schweigen ist auch eine Antwort – was beweiset dann Ihr Pistolenschuss gegen den Witz? Sie schiessen das sterbliche Individuum Münchhausen nieder, der Witz bleibt von Ihrer Kugel ungetroffen und lebt unsterblich fort."
"Es ist noch sehr die Frage, ob ich Sie treffe; Sie können ebensowohl mich erschiessen!" rief der Jäger.
"Nein", sagte Münchhausen auf einmal ganz ruhig, indem er den Jäger von oben bis unten mit seinen Blicken musterte, "Sie werden mich totschiessen, wenn ich mich Ihrem Pistolenlaufe gegenüberstelle. Ich weiss das sicherlich. Der verrückte Zufall, der die Verspätung meiner person an diesem Orte zuliess, der Sie nicht einige Minuten später kommen machte, wo Sie in das leere Nest getreten wären, beweiset mir, dass das Schicksal gegenwärtig betrunken ist und hin und her torkelt. Mich ergreift, mich ergreift die heisse, dicke, blinde Faust! Gerade so ein junger Herr und Graf, der ein junger Herr und Graf ist, wird berufen, einem mann, wie ich bin, das Lebenslicht auszublasen. Ich weiss, dass Sie noch nie etwas getroffen haben, mich würden Sie treffen, wenn ich so toll wäre, Ihnen zur Scheibe zu dienen. Um also Ihnen ein grosses Verbrechen an den Erwartungen der Welt und der Welt einen grossen Verlust zu ersparen –"
"Refüsieren Sie das Duell?" fragte der Jäger