sondern ihn in die Serviette stürzend, erspähte er den Augenblick, wo Emerentia zwischen den Taxuswänden dem Gebirge Taygetus den rücken wendete. Jetzt sprang er mit Tornister, Stiefeln und Sauerbraten zum Gartenhause hinaus, das Gebirge hinunter, kroch wiederum, nun aber zum letzten Male durch das Heckenloch, fühlte sich im Freien und frei, hielt sich aber nicht auf, sondern lief was er laufen konnte durch Dornen, Disteln und Gesträuch, bis er atmend eine freie Anhöhe erreichte, auf der er stillstehend sich umblickte. Er sah niemand in der Nähe und beschloss daher die Wanderung nun gemütlicher fortzusetzen, vorher aber sich durch eine Mahlzeit zu stärken.
Es war die Anhöhe, auf welcher die weiland Luftfabrik zu stehen kommen sollte. Jetzt setzte sich Karl Buttervogel darauf nieder und ass dort seinen Sauerbraten, der keine Luftgestalt war. So hatte dieser praktische Mensch einen wahren und reellen Vorteil aus dem schloss Schnick-Schnack-Schnurr davongetragen, an dem Tage, an welchem den übrigen, die mit grossen Erwartungen in dasselbe einzogen, dort nur Verfehlung, Enttäuschung, Schmerz über den grossen Mann, der vor ihren Augen zwar nicht zum Himmel aber doch zu hof emporgehoben wurde, aufging. – Nachdem er den Sauerbraten verzehrt hatte, dankte er abermals Gott und ging dann, sich der ersten herrschaft, die er auf seinem Wege finden möchte, als einen treuen und geschickten Menschen, der auch mit Pferden umzugehen wisse, anzubieten. Unterweges trug er sich nach seiner Manier wohl an die hundert Gründe vor, warum er weglaufe; genügend erschien schon der einzige, dass er sich vor ferneren Prügeln im schloss fürchtete.
Vierzehntes Kapitel
Eine furchtbare Laune des Geschicks
"Triumph!" rief der Schriftsteller, als Münchhausens Zimmer rein geworden war.
"Triumph!" rief der Freiherr und sprang vom Lager auf. "Das war eine Schlacht, wie die an der Moskwa, und schlafend habe ich sie gewonnen, bloss durch meinen General habe ich gesiegt."
"Lassen wir die sinistern Erinnerungen ruhen!" versetzte der Schriftsteller. "Sie wollten Euch zerreissen, wie die Bacchantinnen den Orpheus und jeder wollte sich seinen teil zueignen, aber ich habe Euch ganz, unzerteilt, unzerstückelt erhalten. Reifenschläger, Gooseberry usw. usw."
" ... Professor Pips, Lord Drum, Mr. Raquette, Legationsrat von Sachtleben, Duca di ... di ..."
" ... usw. usw. Vertieft Euch nicht in die Vergangenheit. Fort aus dem verwünschten schloss! Wenn noch jemand käme –"
Münchhausen schrak etwas zusammen, dann aber fasste er sich und sagte: "Dieser Jemand wird nicht kommen. Es wäre ja die albernste Laune, eine Laune, die ich selbst dem Schicksale nicht zutraue, wenn ein junger, plumper, unerfahrener Mensch mich ausfindig machte; zudem ist das Schloss in diesem verruchten Nebel auf zwanzig Schritte Entfernung nicht zu sehen."
Ein Hacken wie mit einem Beile liess sich über ihren Köpfen vernehmen, zugleich sang Emerentia unten lauter, ohne dass die Worte verständlich waren. Der Wind schnob, pfiff, die Wände schütterten. Der Schriftsteller machte ein ängstliches Gesicht. Er verlangte, dass Münchhausen augenblicklich mit ihm das Schloss verlassen solle. – "Nein!" rief der Freiherr, "dort im Schlafe ist mir ein allerliebstes spirituelles Billett an den Erbprinzen eingefallen, worin ich ihm den Plan unserer künftigen geheimen genialen Lebensweise vorzeichnen will, und zugleich ein submisses Danksagungsschreiben an den regierenden Herrn für meine semioffizielle Anstellung in den angemessensten Ausdrücken; solche Ideen, Penséen, Attrappen und Calembourgs müssen aber improvisiert und nicht destilliert werden, nur aus dem Stegreif geraten sie."
"Toller Mensch!" rief der Schriftsteller und bezeichnete ihm den Ort, wo er seiner mit den Wechseln zur Reise nach Dünkelblasenheim warten wollte. Es war ein Dorf ganz in der Nähe, wo sich eine für Altertumsfreunde merkwürdige Kirche mit einer sonderbar geformten Krypte befand. – "Bestellt ein gutes Abendessen, sprengt einen Burschen für doppeltes Trinkgeld nach der Stadt, um uns Champagner zu verschaffen; wir wollen einen lustigen Abend haben und uns des Lebens freuen, das wie Champagner zu brausen beginnt!" rief der Freiherr seinem Kurator nach.
Er ging trällernd ein paarmal in der stube auf und nieder, richtete den umgestürzten Tisch auf, legte sich zwei Bogen Postpapier zurecht, und schrieb nun, während das Schloss schütterte, der Wind heulte und das Lied Emerentias unten wie das Lied der Parzen immer schrillender klang, gleichzeitig die beiden Briefe, den spirituellen und den submissen, erst eine Zeile Geist an den Erbprinzen und dann eine Zeile Angemessenes an den regierenden Herrn.
Dazwischen schnitt er lustige Grimassen, pfiff die Anfänge von Opernarien, oder deklamierte grosse Rauscheworte aus Tragödien. Sein buntes, abenteuerliches, wildes Leben war ihm während des Schlafes in der Schlacht vor der Seele vorübergegangen, er fühlte sich von sich begeistert, er war in einer komischen Ekstase. Das Leben bei hof, seine wunderbare Doppelstellung zwischen den Hühneraugen des alten und dem geistigen Bedürfnisse des jungen Herrn sah ihn aristophanisch schillernd an, er blickte in eine ganze Welt von Schnurren und diplomatischen Faxen hinein.
In diesem Rausche vernahm er nicht, dass jemand mit entschiedenem Schritte die Treppe heraufkam, die tür öffnete und sich hinter ihn stellte. Er sass, das Haupt tief auf die Briefbogen gebückt, so dass ihm der Fremde nicht in das Gesicht sehen konnte. Nachdem dieser einige Augenblicke so stillschweigend gestanden hatte, während Münchhausen immer emsig fortschrieb