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Flecke, welche die inzwischen verdampften chemischen Flüssigkeiten in das Arabeskenprotokoll eingefressen hatten, warf, "wie für uns Eingeweihte das Homunkuluswunder, welches dieser seltene Schwärmer seinen nächsten Umgebungen vorgeredet hatte, oder seine Umgebungen sich hatte einbilden lassen, natürlich ausgeht. – Hühneraugenessenzbereitungsversuche! Nichts als Hühneraugenessenzbereitungsversuche!"

"Schade!" rief Semilasso und seufzte. "Ich hatte mir schon gedacht ..." Er vollendete nicht, sondern ging nach einem zweiten Seufzer und einem Blicke auf Münchhausen, in dem sich eine gemischte Empfindung spiegelte, von dannen. – In seiner Seele war durch den Wunderbericht Karl Buttervogels eine grosse Bewegung entstanden; er war der einzige in dem Kreise der Interessenten gewesen, der ihm eine gewisse Sympatie, wenigstens eine Hinneigung zur Sympatie gewidmet und schon im stillen erwogen hatte, ob nicht statt des Menschenrasseveredelungsinstitutes eine chemische Menschenfabrik zu gründen sein möchte. Denn Semilasso hielt so wenig als irgendein Kavalier auf die Wunder des Evangeliums, um desto mehr aber auf die modernen Wunder. Nun an der Quelle unterrichtet, dass Münchhausen kein sich mit Gas und Säuren auffüllender Homunkulus, sondern nur ein Wirklicher Geheimer Hühneraugenessenzbereiter war, fühlte er sich etwas enttäuscht, ging in dieser Stimmung die Schlossstrasse hinunter, setzte sich verstimmt zu seinen Affen und Papageien in die türkische Ochsenkarre, fuhr im Schritt durch Sturm und Nebel davon, fror und hätte heute gern im Dampfwagen auf der Eisenbahn oder auch nur in der Schnellpost gesessen, denn er begriff, dass es Lagen des Lebens gibt, in welchen man am liebsten warm sitzt und wie andere gewöhnliche Menschen rasch vom Flecke kommt.

Dreizehntes Kapitel

Der einzige praktische Charakter dieses Buches

erreicht seinen Zweck

Die letzten Verhandlungen zwischen dem Schriftsteller und Semilasso waren ohne einen anderen Zeugen als den schlafenden Helden, um dessen Ruhestatt die Ereignisse sich in so stürmischem Wirbel drehten, vor sich gegangen. Der alte Baron war nämlich noch vor dem Scheiden der Interessenten stillschwärmend aus der stube gewankt, mit den Fingern vor sich hin gestikulierend, die Söllertreppe hinauf. Sein altes Gehirn stand dem vereinten Angriffe so vieler Abenteuer nicht länger, es wich und gab der Zerstörung nach. Oben auf der Gerichtsstube begann er ein gefährliches Werk, unbemerkt, denn in dem schloss achtete jetzt keiner auf den anderen.

Karl Buttervogel hatte sich dagegen, als die Interessenten an Münchhausen und der Bürgermeister sich zum Kampfe rüsteten, in dieser Aufregung und Verwirrung leise hinter dem Bette empor und in das Fenster geschwungen, wo die Leiter von den drei Unbefriedigten her noch angelehnt stand. Katzengeschwinde setzte er seine Füsse auf dieses erwünschte Fluchtmittel und klomm darauf mit ungemeiner Schnelligkeit draussen hinunter, festen Willens, das Schloss, in welchem er so trübe Erfahrungen gemacht hatte, nie wieder zu betreten. Auch in ihm war während der vorangegangenen drangvollen Momente eine grosse Veränderung geschehen. Die Ohrfeige, welche er zum Segen empfangen, und dann der angedrohte Pistolenkolben hatten ihn gänzlich hergestellt und in die ihm gewiesenen Schranken zurückgeführt. Karl Buttervogel war ein durchaus praktischer Charakter; die Täuschungen des Gefühls und der Einbildungskraft konnten ihn auch wohl eine Zeitlang mitnehmen, aber die Wirklichkeit blieb seine Lehrerin und Freundin.

Sein Streben ging jetzt nach dem Gartenhause auf dem Schneckenberge, aber die grösste Furcht hatte er, dem fräulein zu begegnen. Denn alle Gedanken an eine Verbindung mit ihr, an seine Fürstenwürde und an Hechelkram waren aus ihm herausgeohrfeigt worden und selbst auf fernerweite gute Verköstigung wollte er lieber verzichten, als immer einem mann gegenüberstehen, der auf eine so schmerzliche Art sich weigerte, ihm Vater zu werden.

Der Himmel hilft dem, der mit Ernst sich vorsetzt, ein neues Leben zu beginnen. – Als er von der Seite in den Garten lugte, sah er den Schneckenberg von seiner Geliebten unbesetzt. Sie war in ihrer ungeduldigen Erwartung auf die Entscheidungen aus dem schloss aufgestanden, hatte den Berg verlassen und ging unten im Garten zwischen den ausgewachsenen Taxuswänden mit grossen Schritten hin und her, immerdar die ersten beiden Verse ihres Schicksalsliedes singend.

Karl Buttervogel schlich, um ganz sicher zu verfahren, entlängst der Hecke aussen durch die Dornen, kroch abermals durch das Loch in der Hecke, rutschte, um nicht gesehen zu werden, auf dem Bauche den Schneckenberg hinan, fand zu seiner grössten Freude oben den Sauerbraten unversehrt, nahm ihn eiligst und schlüpfte damit schleunigst in sein Gartenhäuslein. Dort geborgen dankte er zuvörderst Gott, dass ihm in dem Schiffbruche seiner Hoffnungen wenigstens dieser Tröster geblieben sei. Dann aber fasste er den Entschluss, der ihm wie durch eine Erleuchtung von oben kam. Er beschloss nämlich, die Verbindung mit dem Freiherrn, die zu seinem Naturell und Wesen ihm immer unpassender zu werden schien, zu lösen, mit anderen Worten, unverweilt und auf der Stelle ganz und gar fortzulaufen. Es gibt Orte, an welchen die Leute, wie in der Höhle des Trophonius, erhabenen Wahnsinn zu sprechen anfangen, wenn sie dieselben betreten; dieses Gartenhaus schien dagegen bestimmt zu sein, die Insassen zur gesunden Vernunft zurückzubringen. Der Schulmeister Agesel hatte darin einst sich und seinen Verstand gefunden, Karl war der zweite, dem zwischen diesen Wänden ein Licht über seine eigentliche Lage aufging.

Er entsagte der Aussicht auf die technische Mitdirektorschaft und fühlte bloss, dass er ein Bedienter sei, dem sein Herr vor wenigen Tagen den Lohn voll ausbezahlt habe, und der ein Paar Stiefeln von jenem in Verwahrung führe, die ihm für das seitdem Verfallene Bezahlung seien. Rasch seine Siebensachen zusammenpackend, den Tornister auf den rücken hängend, die Stiefeln Münchhausens darüber geschnallt, den Sauerbraten nicht vergessend,