, so genehmigt er, auf solche Weise motivieren sich die unerwartetsten Entschliessungen ganz natürlich. Das schneiden der Hühneraugen war daher auch von jeher eines der wichtigsten Geschäfte am hof; der Obersanitätsrat war damit begnadiget, nun ist der Mann auch alt geworden, hat blöde Augen bekommen und in den letzten Jahren den Herzog mehrmals in das Fleisch geschnitten, woraus denn strenge Regierungsmassregeln entsprangen. Der alte Herr verlangte daher schon seit einiger Zeit nach einer Abhülfe dieses Übelstandes."
Semilasso lächelte noch feiner, und der Erzähler fuhr fort:
"Dem Vater gegenüber steht nun der Erbe, ein von jenem durchaus verschiedener Charakter, witzig, phantasievoll, ein geistreicher Herr, gleichsam ein Genie, oder – kurz – ja – hm ..."
Semilasso lächelte immer feiner, und der Erzähler fuhr fort:
"Er langweilt sich auch, denn er möchte gern regieren. Seine gewöhnliche Gesellschaft war ihm etwas abschmeckend geworden und es mochte dies ungefähr zu derselben Zeit sich ereignet haben, als der Obersanitätsrat den Vater am häufigsten in das Fleisch geschnitten hatte. Er begann daher sich nach einem anregenden Umgange zu sehnen, nach einem Universalkopfe, der ihn beständig beschäftige, gerade als der Vater nach einer sanfteren Behandlung seiner Hühneraugen verlangte."
Semilasso lächelte nun so fein, dass keine Feder die Feinheit dieses Lächelns mehr beschreiben kann. Der Erzähler kam dadurch beinahe aus der Fassung, die jedem Erzähler not tut, fuhr indessen doch fort:
"Der Oberkammerherr hatte die Wünsche des regierenden und zukünftigen Herrn, welche ihm Befehle sein mussten, zu vernehmen. Der Oberkammerherr hat eine sehr zarte Stellung zwischen Gegenwart und Zukunft. Der Oberkammerherr hatte mit den grössten Schwierigkeiten nach allen Seiten hin zu kämpfen. Die offenbarste war, dem Erben zu genügen. Niemals, wie Sie sehr richtig ahneten, würde der regierende Herr zugelassen haben, dass der Erbe sich ein Genie zum Ideenaustausche halte, denn von Ideen und Genie mag er überhaupt nichts wissen.
In dieser Verlegenheit konnte ich dem Oberkammerherrn helfen. Dass Münchhausen der Mann für den Erbprinzen sei, darüber waren wir bald einig, es wäre aber hiemit noch nichts gewonnen gewesen, wenn dieser seltene Charakter, der nichts unter seiner Würde hält, nicht zufällig einer neuen Hühneraugenessenz auf der Spur gewesen wäre und sie wirklich endlich entdeckt hätte, ein probates Mittel, welches das Übel zwar nicht zu heben vermag, da es überhaupt unheilbar ist, aber es doch bedeutend lindert, so dass der alte Herr, der schon mehrere Flaschen derselben verbraucht hat, sich seitdem nur in dem Zustande einer fortwährenden Semi-Verdriesslichkeit befindet. Durch diesen glücklichen Zufall war der Ausweg gebahnt. Münchhausen geht nämlich an den Hof von Dünkelblasenheim und der alte Herr weiss nicht anders, als dass er bloss seiner Hühneraugen wegen komme. Nur unterderhand wird er das Gesellschaftsgenie des jungen Herrn, der an ihm, wie an einer verbotenen Frucht naschen will. Man fühlt aber wohl, dass eben wegen dieser Heimlichkeit sein Einfluss unberechenbar werden muss, und dass er recht eigentlich dazu bestimmt ist, künftig eine grosse Rolle im Herzogtume zu spielen. Ich habe mir daher auch schon ein Heft weissen Papieres einbinden lassen und den Titel darauf gesetzt: 'Münchhausen am hof'; denn meine Feder soll seinen Schritten auch in dieser hohen Sphäre mit der Zeit folgen."
"Sie sagten aber, wenn ich nicht irre, dass auch seine Anstellung bei dem regierenden Herrn keinen offiziellen Charakter haben werde?"
"Ja, das ist eben das Schönste. Der Umstand, den ich nun zu berichten habe, bot die zweite interessante Schwierigkeit dar. Der alte Herr hängt nämlich an dem Obersanitätsrat, nicht aus Liebe, sondern aus Gewohnheit, wie an einem alten Stück Meuble, weil der Mann denn doch seine vierundzwanzig Jahre hindurch das Amt versehen hat. Er befahl daher ausdrücklich, dass der Obersanitätsrat von dem Substituten und dessen Mittel nichts erfahren dürfe. Dieses Geheiss war nun in der Tat schwer auszuführen. Endlich fanden wir dennoch Rat, der Oberkammerherr und ich. Der Obersanitätsrat bekommt nämlich alle Sonnabende, welche von jeher die gewöhnlichen Schneidetage waren, ein stumpfes Messer in die Hand geschoben, womit der dem Herzoge weder helfen noch schaden kann und damit bildet er sich denn ein sein Amt zu verrichten. Wir hatten für diese List Antezedentien, denn es gibt ihrer mehrere in Dünkelblasenheim, welche sich die Illusion machen, mit stumpfen Messern ihre Pflicht zu tun.
Der alte Herr ist aber ganz glücklich darüber, dass er zum ersten Male in seinem Leben ein Geheimnis vor Hof und Staat hat, da bisher Hof und Staat nur Geheimnisse vor ihm hatten. So ist diese Intrige in mehreren Gängen und Stockwerken, einem über dem anderen, gleich den Stollen in dem Salzbergwerke von Wieliczka oder den Totenkammern in den Katakomben ausgehöhlt und ausgetieft, und man wird immer recht den Kopf zusammennehmen müssen, um die Beziehungen, in welchen Münchhausen nur Geheimer Hühneraugenessenzbereiter und in welchen er geheimster Gesellschafter des Erbprinzen ist, klar auseinanderzuhalten."
"Aber irgendeinen öffentlichen und anerkannten Charakter muss er doch haben, um Figur in Dünkelblasenheim machen zu können", sagte Semilasso. "Car sans titre vous n'y êtes rien du tout."
"Der Herzog hat ihm den Schatz übertragen", versetzte der Schriftsteller. – "So hat er Ehre und kann doch keinen Schaden tun, denn im Schatze von Dünkelblasenheim ist nie etwas. Ew. Gnaden sehen nun zugleich", fuhr der Schriftsteller fort, indem er einen bedeutenden blick auf die Glasscherben und auf die