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drohte. In Emerentien erwachte nämlich die ganze Dialektik feinfühlender weiblicher Herzen, wenn sie nicht wissen, was sie wollen. Die arme fühlte sich durch einen scharfen Konflikt der Gefühle zerspalten. Der Nussknacker war ihr Ideal, ein Fürst von Hechelkram ihre Zukunft, der Birmane Rucciopuccio aus Siena die Gegenwart und Wirklichkeit. Sollte sie dem Ideale und der Zukunft untreu werden um Gegenwart und Wirklichkeit? Sollte sie Wirklichkeit und Gegenwart opfern und bei Ideal und Zukunft vielleicht eine alte Jungfer werden? Böse Wahl, schreckliche Kämpfe, die alle Götter und Dämonen ihres Busens aus dem Schlummer weckten! Eine weibliche Feder wird in einem Anhange zu den gegenwärtigen Erzählungen diesen teil von Emerentias geschichte ausmalen. Nur eine Schriftstellerin versteht sich auf die Entzaserung aller der geheimen Fasern und Zasern, welche das Gewebe solcher Nöte bilden.

Endlich siegten Gegenwart und Wirklichkeit über Zukunft und Ideal. Das Schicksal räumte nämlich zuvörderst das Ideal hinweg, indem es die Hand der Mutter leitete. Diese ergriff, als sie einmal sich von der Tochter unbemerkt wusste, den Nussknacker, und liess ihn auf den Kehricht hinter dem Hotel werfen. Dahin gehörte er auch, nachdem er seine Mission erfüllt, und die idee, deren hölzerner Träger er gewesen war, volles geschichtliches Leben in Rucciopuccio gewonnen hatte. Rucciopuccio aber schwor, als er bei seiner Geliebten auf den Grund des Kummers gedrungen war, ihr mit heiligen Eiden bei dem Affen Hannemann: er sei eigentlich ein Hechelkramischer Fürst, ein vertauschter Knabe, durch teuflische Kabale nach Siena gebracht, und von dort zu den Birmanen verschlagen. Bald werde er nach Hechelkram zurückkehren, sein väterliches Reich unter Vorlegung autentischer Urkunden in Anspruch zu nehmen.

Zweites Kapitel

Emerentias Liebe glaubte, was Rucciopuccios Liebe beschworen hatte, besonders da der Eid auf den Affen Hannemann abgelegt worden war, der in Hindostan eines noch grösseren Ansehens geniesst, als je einem Affen in Europa, wo sie doch auch viel gelten, zuteil geworden ist. Alles hatte sich nun in den schönsten Einklang gesetzt; die Bestimmung der Töchter aus dem Gesamtause Schnuck, das Nussknacker-Ideal und der Fürst von Hechelkram unter der Hülle des kaiserlich birmanischen Kriegsbeamten aus Siena. Man konnte in diesem Falle sagen, die Erfüllung habe die Erwartung überflügelt.

War Emerentia in das tiefste Geheimnis ihres Rucciopuccio eingedrungen, so konnte sie sich dagegen nicht entschliessen, ihm ihren wahren Namen zu entdecken. Der Geliebte war arglos und schwatzhaft; das merkte sie nach kurzer Bekanntschaft. Wie leicht war es möglich, dass er das Geheimnis ausplauderte, dass es über die Alpen zu den sechs feurigen Landjunkern drang, dass diese ihr Wort lösten, und nachgesprengt kamen, und dannade, du stilles Himmelsglück in Nizza! Für Rucciopuccio blieb Emerentia daher die Freiin von Schnurrenburg-Mixpickel, und hiess Marcebille, weil ihr dieser Taufname besonders süss und romantisch klang.

Es waren nun für beide Liebende die herrlichen Tage angebrochen, in welchen die Leute einander beständig beim kopf haben, Lippen auf Lippen pressen, in welchen, wenn die Geliebte nieset, der Liebende Äolsharfen und Engelsgesang zu vernehmen meint, und wenn der Geliebte ein Gähnen verbirgt, die Liebende einen neuen himmlischen Ausdruck in seinen teuren Zügen entdeckt, in welchen, lustwandeln sie miteinander, Sonne, Mond und Sterne beschworen werden, auf ihr Glück herabzuschauen, wenn sie sonst nichts zu sprechen wissen. Rucciopuccio und Emerentia machten alle diese Krisen der Liebe gründlich durch; besonders gingen sie viel miteinander spazieren. Er führte sie an das Meer, er führte sie auf die Alpen, er führte sie in Gärten, er führte sie in Olivenwäldchen, er führte sie bei Tage, er führte sie bei Nacht, und zärtlich rief sie oft, noch nie sei sie so anmutig geführt worden.

Ein leichtes Wölkchen am Horizonte ihrer Freuden war es, dass der Prätendent von Hechelkram nie Geld hatte. Er versicherte sie, er habe soundso viel tausend Lak Rupien vom Birmanenkaiser an rückständigem Solde zu beziehen, die jeden Posttag eintreffen könnten; indessen bis zum Eingange dieser Zahlung musste sie ihm freilich mit ihrer Sparbüchse aushelfen. Als diese erschöpft war, sagte er, es müsse nun durchaus ein Wechsel des Schicksals vor der Tür stehen, und um diesem gleichsam symbolisch vorzuarbeiten, wolle er kleine Papierstreifen beschreiben, die in der Welt auch Wechsel genannt würden, weil sie die wunderlichsten Abwechselungen von Freiheit und notwendigkeit hervorzubringen pflegten.

So flossen abermals einige Wochen in Liebesglück und Wechselverfertigung hin. Eines Abends gingen sie wieder in einer paradiesischen Gegend spazieren, angeweht von jenen Lüften dort, welche in die Brust des Kranken wie Balsam dringen, und der Wange des Gesunden gleich seidnen Händchen schmeicheln. Sie hatten sich ganz in hohe Ahnungen über Gott und Unsterblichkeit verloren, sie sprachen, dass es gleich in den "Stunden der Andacht" hätte abgedruckt werden können, da standen plötzlich acht Juden und sechzehn Häscher, denn jeder Jude hatte sich zwei Häscher auf den Leib gemietet, vor dem seligen Paare. Die Juden hielten Rucciopuccio ganze hände voll symbolischer Papierstreifen unter die Augen, und die Häscher riefen auf italienisch: "Marsch!" indem sie ihre Spiesse wie wegweisend ausstreckten.

"Um alle Heiligen, Geliebter!" rief Emerentia, "was ist dieses?" – "Nichts, meine Teuergeschätzte, als eine höllische Kabale, Wechselarrest geheissen", versetzte Rucciopuccio, der keinen Augenblick seine Fassung verlor. "Der Kaiser aller Birmanen ist ein Tyrann. Ein Tyrann, sage ich; ein schmählicher Tyrann! Er kann mich nicht entbehren, er reklamiert mich;