" rief Karl, der inzwischen unaufhörlich fortgesprochen hatte, ohne dass auf ihn gehört worden war, zitternd. – "Niemals dahinter hervor, denn so ein Pistolenkolben sieht nicht, wohin er schlägt, aber alles andere dem gnädigen Herrn zu Gefallen tun, wie gerne! Denn durch so eine Ohrfeige wird das Menschenkind schon klug gemacht und alle schlechten Gedanken gehen ihm aus dem kopf von Fürst und Hechelkram und vornehmer Lieb' und es sein wollen, wenn fernerweite gute Verköstigung zugesagt wird, und Riek' in Stuttgart ist vor mich gut genug und keine andere, und auf diesen Herrn da, der schläft, ganz und gar keine Rücksicht zu nehmen nötig, denn wer so seinen Bedienten in der Not verlässt und einschlummert, wenn man blind geladen totgeschossen worden ist, der ist gar kein Herr nicht, sondern nur ein schlechter Munkel."
"Was? Der Doktor Reifenschläger? Der Captain Gooseberry? Der unsterbliche Hegel?" riefen die Interessenten an Münchhausen dazwischen.
"Munkel! Munkel! Munkel! Nichts als Munkel, so hat er sich selbst genannt, wenn er mir von seiner Erzeugung die verfluchten und ganz unmenschlichen Geschichten erzählte!" schrie Karl Buttervogel lauter.
"Der Mensch will vermutlich Homunkulus sagen", sprach der Schriftsteller.
"Und ich weiss doch, was der gnädige Herr Baron da mit der Pistole bedeuten wollen und wornach Ihr Sinn steht, und Not bricht Eisen und für nichts und wieder nichts verrate ich meinen Herrn nicht, aber für fünf Taler hätte ich's schon heute morgen getan und sein Leben muss der Mensch retten und wenn einem das wasser bis an den Kragen geht, so schreit die Kreatur, und niederträchtig ist es dabei hergegangen, wie mein Herr entstanden ist, und wenn der Mensch nicht mehr von Vater und Mutter abstammt, so hört aller Verlass auf; denn bloss so zusammengekocht zu werden, wie mein Herr, das ist nichts und kann ein jeder. Und weil meines gnädigen Herrn sein gnädiger Herr Vater mit seiner gnädigen Frau Gemahlin keine Kinder zuwege bringen konnte, weil die gnädige Frau den gnädigen Herrn nur aus achtung für den alten Lügen-münchhausen, den gnädigen Herrn Grossvater von meinem gnädigen Herrn geheiratet hatte, was eine trockene Ehe gibt, und der gnädige Herr Vater doch so gern einen Herrn Sohn gehabt hätten ganz vor sich und apart und ohne schönen Dank an die gnädige Frau und so viel verstanden haben von Apotekerwissenschaften und unnatürlichen Schnurralien, so haben sie da meinen Herrn einstmals aus verschiedenem Jux und Siebensachen, Gassen, Kochsalz, Salpeter und was weiss ich sonst noch alles von Teufelskram zusammengebraten, geschmort, gekocht, geschmolzen, geröstet, abfiltriert, worüber sie eine überaus ausnehmende Freude gehabt, aber in schrecklichen Verdruss mit der gnädigen Frau gekommen, die den sogenannten Herrn Sohn aus dem Schmelztiegel und der Bratpfanne gar nicht vor Augen haben leiden mögen, denn das können die Weibsleute nicht vertragen, so etwas, und alles muss seinen regulären gang gehen bei ihnen, und deshalb auch immer nachmals mein gnädiger Herr sich chemisch geschmiert, mit den Sachen, die ich aus der Apoteke geholt, um sich wieder aufzufüllen und herzustellen, und mir alles dieses vor Jahren schon entdeckt aus Bedürfnis nach einem liebenden Freunde, weil sie auch sehr betrübt gewesen sind über diese Geheimnisse und nur mit Schmerzen an ihren Herrn Vater gedacht, und da fliesst sie ja noch heute am Boden umher die chemische Schmierung und also ist es nun heraus und am Tage, was mein gnädiger Herr eigentlich sind, und weil ich doch nun meinem ehemaligen Herrn Schwiegervater ganz umsonst einen so schönen Gefallen getan habe, so bitte ich gehorsamst, dass Sie die Absicht aufgeben mit dem Pistolenkolben, denn ich bin unglücklich genug, und von Wurst und Eiern und Rindfleisch wird wohl nichts weiter gebrummt werden, weshalb mir noch der technische Mitdirektor bleibt und das ist gewiss und wahrhaftig, dass er kein natürlich entstandener Menschenchrist ist, wie wir alle, sondern ein von seinem chemischen Säurenvater, wie er ihn auch unterweilen nannte, zusammenpräparierter Munkel, dieser Herr von Münchhausen."
"Münchhausen?" riefen die Interessenten erstaunt.
"Münchhausen heisst der Mann, der Ihnen das Menschenrasseveredelungsinstitut organisieren, Ihnen Land auf den Koralleninseln verschaffen, Ihnen die drei magischen abstrakten Formeln mitteilen wollte", sagte der Schriftsteller. – "Es dürften noch mehrere Plane und Projekte von ihm an das Tageslicht kommen, die er unter verschiedenen Gestalten zum Wohle der Menschheit ersonnen, wenn einmal sein Leben vollständig beschrieben werden wird." "Aber wer ist er denn eigentlich?" fragten alle. "Sein eigener Vater und Grossvater, der nie gestorbene nimmer verwelkte ehemalige Jagd- und Pferdegeschichtenerzähler Freiherr von Münchhausen auf und zu Bodenwerder", sagte der Freiherr, der sich hier zum Erstaunen der Versammlung starr und steif von seinem Bette emporrichtete, mit hohlem Ton und weitgeöffneten gläsernen Augen. – "Im Besitz eines Lebens- und Verjüngungselexiers; dadurch erhalten, restauriert und nach Massgabe der zeiten metamorphosiert schon seit nunmehr zwei Menschenaltern, was jener Tropf von Bedienten missverständlich aufgefasst hat, wie denn überhaupt der Freiherr von Münchhausen oft so unglücklich gewesen ist, missverstanden zu werden."
Nach dieser neuen Erklärung schloss Reifenschläger-Gooseberry-Hegel-Homunkulus-Münchhausen die Augen und fiel abermals zu dem Schlummer des Gerechten nieder. Unter den Anwesenden aber zeigten sich Symptome, dass ihr Verstand solchen Vorfällen nicht gewachsen sei.
Der alte Baron stand abseitig und stiess mit der Fussspitze an die Scherben der Gläser, als wollte er deren Inhalt untersuchen