den Weg gewiesen, der Ehinger schwatzte von seinem Vetter Bestelmeier, der hausierend hier durchgekommen und ihm in Aschaffenburg auf der Schlossterrasse erzählt habe, so ein grüngelber Teufelskerl, wie damals einer bei ihnen zu Ehingen gewesen, sei ihm allhier zu Pferd sichtbar geworden, der vornehme Deutschtürke wollte durch Korrespondenten in Bonn die Nachricht erhalten haben, welche ihn gleichzeitig mit den anderen nach diesem schloss gezogen hatte.
Nach so freudigen Reden schien aber die Szene ernster werden zu wollen. Denn der Ehinger, welcher die drei Unbefriedigten wie die Kletten an dem Freiherrn hangen sah und ihn mit seinem Stocke nicht erwecken konnte, meinte vermutlich, dies durch ein herzhaftes Schütteln bei den Händen sicherer bewerkstelligen zu können, rief ihnen daher zu: "Marsch, ihr Grünröck'! Was tut ihr so nahe bei meinem Captain, lasst mich hinzu, denn das Hemd ist ihm näher als der Rock!" und wollte Karl Gabriel wegziehen. Karl Gabriel stiess aber mit der anderen verwandten Hand den Ehinger zurück, der Ehinger wollte Gewalt brauchen, Karl Natanael und Karl Emanuel schützten den Bruder, der Ehinger tobte und schimpfte, die drei Brüder riefen: "Was will der Mensch bei unserem Meister?" und alles schien sich zu einer Zänkerei oder gar Schlägerei anzulassen. Semilasso litt während dieser lauten Vorgänge sehr. Auch er hatte die schmerzliche sehnsucht nach dem Freiherrn und wusste ja, dass er nur ihm angehöre. Dennoch verbot ihm ungeachtet seiner Genialität das angestammte Wappengefühl sich zwischen so niedere Persönlichkeiten zu drängen, von denen er leicht einen Stoss oder Schlag erhalten konnte. Er sah sich daher ängstlich nach dem Schriftsteller um und sagte zu diesem, während die anderen um den Freiherrn, wie um den Leichnam des Patroklus sich stritten: "Mein Herr, Sie scheinen hier der einzige Unparteiische zu sein, ich ersuche Sie, das Richteramt zu übernehmen und jene Franken und Ungläubigen dort von meinem Doktor durch die Kraft vernünftiger Zuredungen zu entfernen, denn mein ist er und mir gehört er an!"
"Meine Herren!" rief hier der Schriftsteller, froh, wieder zu der Leitung der Angelegenheiten berufen zu werden, mit seiner Stentorstimme. Die Streitenden liessen ab und horchten auf. "Meine Herren, dieser wundersame Mann, der trotz des Lär-mens, welchen Sie zu erregen so gefällig sind, seinen Schlummer fortsetzt, scheint eine alte Bekanntschaft von Ihnen zu sein." – "Nun freilich!" versetzten alle.
"Gleichwohl will es mir vorkommen, als walteten noch etliche und zwar nicht geringe Missverständnisse in betreff der Persönlichkeit ob", fuhr der Schriftsteller fort.
"Kein Missverständnis nit, nit das mindeste Missverständnis, kein Gedank' von einem Missverständnis", eiferte der Ehinger Spitzenmann. "Er ist kein Missverständnis nit, sondern der Captain Gooseberry, wie er sich selbst genannt hat, in Diensten der Königin der Koralleninseln im Stillen Weltmeer, welcher letztin bei uns auf der Schwäbischen Alb war, und uns das grosse, profitliche Auswanderungsprojekt vorlegte, mir und meinen fünfzig Freunden zu Ehingen."
"Je proteste hautement contre toute atteinte, qu'on voudroit porter à mes droits", lispelte Semilasso. "Der Mann täuscht sich auf eine eklatante Weise. Ich versichere bei meiner Ehre, dass ich das Vergnügen habe, in diesem Schläfer den Doktor Reifenschläger wiederzuerkennen, den grossen produktiven Kopf, dessen Bekanntschaft ich vor kaum einem Jahre in Ägypten machte. Er war es, der meine Ideen von Rasseveredelung unter den Menschen durch reine Kreuzungen gesunder Exemplare ohne weitere Formalitäten, ausbildete und in vierundzwanzig Stunden den Plan zu einem Vollblutsinstitute – vorläufig unter den Kassuben – entwarf. Ich verlor ihn zufällig bei der Pyramide des Cheops aus den Augen und nachmals hörte ich, er habe sich in Alexandrien eingeschifft, von wo mir denn aber späterhin eine Zeitlang alle Spuren ausgingen."
"Grenzenlose Irrtümer!" riefen die drei Unbefriedigten. – "Lasst mich reden, Brüder", sagte Karl Emanuel, "denn als Philosoph werde ich die Fassung behalten, welche hier not tut. – Schlummernder vergib, dass ich vor solchen Ohren es entweihe! Nein, Packenmann Ihr und Morgenländer Ihr, der Mann da, der mehr als Mensch ist, dieser heilig Ruhende ist weder ein elender Captain Gooseberry von den Korallenriffen, noch der Vollblutsdoktor Reifenschläger bei der Pyramide des Cheops, sondern kein anderer, als – –" Er hielt atmend inne.
"Wer?" fragten alle voll der höchsten Spannung.
" ... der grösste Mann der Zeit, kein Mann eigentlich mehr, sondern der Begriff des Mannes, oder der männliche Begriff, vielleicht noch zu konkret ist dieses gefasst, abstrakter gegriffen muss es von ihm heissen, der Begriff ..."
Münchhausen niesete im Schlummer. – "Zur Gesundheit!" riefen die Anwesenden.
" ... griff, riff, iff, ff", fuhr Karl Emanuel fort. "O, könnte ich ihn doch nur abstrakt genug nennen! Der reine Begriff, riff, iff, ff; scheinbar nur gestorben am vierzehnten November 1831 an den Folgen der Cholera, scheinbar begraben auf dem Kirchhofe draussen vor dem Tore, wo in dem Sarge statt seiner das Nichts liegt, welches wieder das Etwas ist, in der Tat fortlebend, Tabak schnupfend und Whist spielend, also nicht bloss mit dem subjektiven Fühlen, Meinen und Wähnen gefasst, sondern wirklich und folglich vernünftig – mit einem Worte: Der grosse, unsterbliche, ewige Hegel, welcher ist der Paraklet, das